Gaedes Wutrede gegen das Freibeutertum

Publishing Peter-Matthias Gaede zieht gegen die Gegner des Urheberrechts ins Feld: Der Geo-Chef hat eine Erklärung verfasst, in dem er die Chefredakteure in Deutschland dazu aufruft, den Wert des geistigen Eigentums offensiv zu verteidigen. Immer mehr Musiker, Autoren und Künstler bezögen Position "gegen das Freibeutertum", nur die Chefredakteure schwiegen bislang. Gaede schweigt nicht - und trommelt nicht nur für das Urheberrecht, sondern auch und vor allem gegen dessen Verächter.

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"Vielleicht sind Sie, wie ich, der Meinung, dass es Zeit ist, eine
vernehmbare Stimme in dieser Diskussion zu werden", wendet sich Gaede an die Elite der Journalisten im Land. Und fährt fort: "Dass es Zeit ist, jenen entgegenzutreten, die, wie die Piratin Julia Schramm, den Begriff des geistigen Eigentums als ‘ekelhaft’ bezeichnen. Dass es Zeit ist, jenen zur Seite zu stehen, die, wie die Unterzeichner des Aufrufs ‘Wir sind die Urheber’, einer
denunziatorischen Reaktion ausgesetzt sind."

Es ist eine Wutrede, die Gaede aufgesetzt hat. Die sich vor allem gegen die öffentliche Geringschätzung des Wertes des geistigen Eigentums richtet. Die Erlärung ist gespeist aus der Ablehnung der "selbsternannten Reformer" des Urheberrechts. Die sich vor allem in den Kreisen der Piratenpartei finden. Vor wenigen Wochen hatte sich Gaede in einem MEEDIA-Gastkommentar schon an die Gegner des Leistungsschutzrechts gewandt.

In vielen Artikeln und Beiträgen in deutschen Medien wird derzeit das Urheberrecht thematisiert. Keineswegs wird das bestehende Recht dort vorbehaltlos verteidigt, doch wird es freilich auch nicht in Bausch und Bogen als überholt abgeschrieben. Doch selbst der Spiegel-Rechtsexperte Thomas Darnstädt konstatierte gerade in einem langen Stück: "Das Internet hat eine neue Rechtswirklichkeit geschaffen, gegen die nur ein neues Urheberrecht ankommt."

Gaede geht es in seinem Aufruf allerdings weniger darum, die genaue mögliche Ausgestaltung eines fairen Urheberrechts für die Zukunft zu diskutieren. Es gehe ihm, so formuliert Gaede in seinem erläuternden Anschreiben zur Erklärung, um die Verteidigung der "Produzentenkultur" gegen die "Konsumentenkultur". Der kostenlose Zugriff auf die Inhalte der Produzenten sei kein Menschenrecht, schreibt er. Sein Vorstoß ist von der Sorge getrieben, dass in der öffentlichen Debatte eine Fraktion die Oberhand bekommt, die das Urheberrecht nicht zukunftstauglich machen, sondern am Liebsten gleich abschaffen will.

Unterschrieben haben die Erklärung bisher 23 Chefredakteurinnen und Chefredakteure von Gruner+Jahr. "Ich verstehe die Initiative aber nicht als eine Angelegenheit alleine unseres Hauses, und schon gar nicht ist sie eine Auftragsarbeit unseres Hauses", schreibt Gaede. Einer der ersten Unterzeichner der Erklärung außerhaln von G+J war Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart. Weitere Unterzeichner, schreibt Gaede, könnten dies per einfacher Mail an ihn kundtun. 

Der Aufruf in kompletter Länge: 
Wir, Chefredakteurinnen und Chefredakteure von Zeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien in Deutschland, stehen für den Respekt vor dem Urheberrecht ein. Wir erachten die Wahrung des Urheberrechts als entscheidende Grundlage einer Medienkultur, die auf fachlicher Kompetenz, schöpferischer Leistung, kreativer Vielfalt und professionellem Handwerk aufgebaut ist. Wir verwahren uns dagegen, geistiges Eigentum mit der Begründung zu entwerten, das Internet müsse den kostenlosen Zugriff darauf zu einer Selbstverständlichkeit machen. Wir verwahren uns insbesondere dagegen, Raubkopien und ihre Weitergabe in Tauschbörsen zu einem demokratischen Recht zu erklären und damit das Ziel der fairen Vergütung der Urheber ad absurdum zu führen.

Journalisten leben – wie auch Musiker und Fernsehautoren, Schriftsteller und Künstler – davon, dass für ihre Arbeit bezahlt wird. Für immaterielle Güter wie Texte und Fotos, für die Produktion von Information und die Vermittlung von Wissen kann dabei grundsätzlich nichts anderes gelten als für materielle Güter: Sind sie kostenlos erhältlich, wird sie niemand mehr erwerben. Werden sie nicht mehr erworben, wird es sie nicht mehr geben.

Die Urheberrechtsdebatte in die Zone zwischen Journalisten und Verlegern zu delegieren, während gleichzeitig das Recht auf kostenlosen Zugang zu den Leistungen von Journalisten proklamiert wird, weisen wir als den Versuch zurück, sich aus der Verantwortung für ein Gemeinwesen zu stehlen, dem die Konsumenten nicht weniger verpflichtet sind als die Produzenten.

Wir akzeptieren es deshalb nicht, dass die selbsternannten Reformer des Urheberrechts den Geldwert journalistischer und verlegerischer Arbeit als “Profitschutzrecht” verunglimpfen, während sie ihren ideologisch verklärten Eigennutz als neuen Freiheitsbegriff adeln. Und wir warnen vor der Verbreitung jener Leichtigkeitslüge, die Unbeteiligten die Illusion vermittelt, qualifizierte journalistische Leistung entstehe ohne Aufwand an geistiger Arbeit, ohne Aufwand an Zeit und Geld für Wissenserwerb, Recherche, Textkultur; und sie könne ohne Aufwand an Vertrieb und Werbung zu den Lesern finden.

Wer den Begriff des geistigen Eigentums, wie geschehen, für “ekelhaft” erklärt; wer die “Prekarisierung von Wissens- und Kulturarbeit” beklagt, aber sie selbst fördert; wer die “Verwertungsindustrie” bekämpft und darüber vergessen machen will, welche substantielle Bedeutung sie für die Produzenten von Inhalten hat; wer die keineswegs austauschbare Arbeit von Journalisten, Autoren, Fotografen, Schriftstellern, Musikern, Künstlern zum selbstverständlichen Allgemeinbesitz erklärt; wer den “Kontrollverlust” der Inhalteproduzenten über ihre Inhalte feiert; und wer jene, die sich zum Urheberrecht bekennen, anonym und mit denunziatorischen Mitteln verfolgt – der dient nicht einer Bürgergesellschaft, die auf fairen Geschäftsbedingungen aufbaut.

Peter-Matthias Gaede, GEO, und 23 Chefredakteurinnen und Chefredakteure von Gruner + Jahr

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