ESC in Baku: die Diktatur der guten Laune

Fernsehen Wenn am Samstag der Eurovision Song Contest in Baku über die Bühne geht, können einem beim Zuschauen gemischte Gefühle beschleichen. In die Freude über schräge Teilnehmer wie die Russen-Omas und die Spannung, wie Roman Lob abschneidet, mischt sich ein ungutes Gefühl. Gerade hat die BBC in einer Reportage eindrucksvoll die Menschenrechtsverletzungen im Vorfeld des Song Contests und die Verlogenheit der EBU dokumentiert. In Aserbaidschan hat der Song Contest seine Unschuld verloren.

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Wenn man sieht, wie BBC-Reporter Paul Kenyon mit einem Protestsänger spricht, der aus Aserbaidschan fliehen musste, weil er zusammengeschlagen und mit Folter bedroht wurde oder mit einem Video-Blogger, der hinter Gittern landete, weil er ein satirisches Webvideo veröffentlichte, dann kann man die kunterbunte Tralala-Show des Eurovision Song Contests am Samstag nicht mehr anschauen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
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Die massiven Verletzungen von Menschenrechten in dem Ausrichtungsland Aserbaidschan sind offensichtlich. Ebenso die konsequente Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Vereinnahmung der Veranstaltung durch die Präsidentenfamilie. First Lady Mehriban Aliyeva ist nicht nur die Präsidenten des Eurovision-Komitees in Aserbaidschan – ihr Schwiegersohn, ein lokaler Popstar, darf die Eurovision Bühne während der Stimmabgabe nutzen, um sich der Weltöffentlichkeit mit einem seiner Songs zu präsentieren. Es herrscht eine Diktatur der guten Laune.
Im Gespräch mit der BBC gibt Ingrid Deltenre, Generaldirektorin der ausrichtenden European Broadcasting Union (EBU), offen zu, dass Aserbaidschan die freie Meinungsäußerung unterdrückt und die Veranstaltung für Propaganda nutzt. Ihre Bankrott-Erklärung gegen Ende des Beitrags: Die Regeln seien nun mal so, dass der Sieger die nächste Veranstaltung ausrichtet und durch den Song Contest würden die Leute nun wenigstens auf solche Missstände aufmerksam gemacht. So kann man das auch sehen.
Dabei müsste man viel früher ansetzen und darüber diskutieren, ob Länder wie Aserbaidschan (oder auch Weißrussland) überhaupt für den Song Contest zugelassen werden. Wie die BBC zeigt, hat Aserbaidschan nicht erst seit gestern den Eurovision Song Contest politisch missbraucht. Bereits 2009 wurde der Beitrag des verfeindeten Nachbarlandes Armenien ausgeblendet. Aktivisten, die von Aserbaidschan aus aus Protest für Armenien gestimmt hatten, wurden aufgrund ihrer Mobilfunknummern ausfindig gemacht und zu Verhören einbestellt. In diesem Jahr bleibt Armenien dem Song Contest fern, weil man um die Sicherheit der Delegation fürchtet. Die der Maßgabe der EBU, der Song Contest habe unpolitisch zu sein, werden mit Füßen getreten.
Dazu passt ein Bericht im engagierten Eurovision-Blog von Prinz, laut dem einem DJ in diesem Jahr untersagt wurde, bei einer Song-Contest-Party ein armenisches Lied aufzulegen. Darf, soll man also einschalten am Samstag? Darf man mit dem deutschen Beitrag mitfiebern und sich freuen über die üblichen Skurrilitäten des Song Contests und die technisch großartige Show? Wenn man weiß, dass offenbar zahlreiche Aserbaidschaner für den Bau der Song-Contest-Halle brutal enteignet und umgesiedelt wurden? Schwer zu sagen. Es wird jedenfalls spannend zu beobachten, ob und wie die ARD in der Übertragung die Problematik thematisieren wird. Im vergangenen Jahr hat Live-Kommentator Peter Urban bereits angemessen kritische Worte zu einigen Teilnehmerländern, u.a. auch Weißrussland, verloren. Aber da fand der Song Contest ja auch im heimischen Düsseldorf statt und nicht im fernen Baku.

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