Das Fernsehballett tanzt um seine Zukunft

Fernsehen Nach hundert Tagen als Besitzer des Deutschen Fernsehballetts sagt Peter Wolf: "Das ist ein Himmelfahrtskommando". Der Berater und TV-Produzent hatte dem MDR das Ballett zum Jahresbeginn abgekauft, die neue Intendantin Karola Wille muss sparen. Reue, Willes Angebot angenommen zu haben, sagt Wolf, verspüre er zwar nicht. Aber die Aufgabe, aus der bisher gebührensubventionierten Truppe ein profitables Unternehmen zu machen, sei "riesengroß". Denn die Zukunft des Balletts liegt vermutlich nicht im TV.

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Peter Wolf, 54 Jahre alt, ist kein gelernter Ballettdirektor, sondern gelernter dpa-Journalist, der seit dem Ende der 80er sein Geld als Künstlermanager unter anderem von Harald Juhnke und Vicky Leandros verdient hat. Dem legendären Entertainer Juhnke verdankt Wolf seine Karriere, im kommenden Jahr will er dessen Leben verfilmen lassen. Die Wände im Altbaubüro seiner Firma Lobomedia im Berliner Westen sind voll von Filmpostern und Goldenen Schallplatten nicht mehr ganz taufrischer, aber einer Mehrheit der Deutschen doch sehr bekannten Stars. Stars wie Carmen Nebel, deren erfolgreiche ZDF-Sendung "Willkommen bei Carmen Nebel" Wolf mitproduziert. Wolf ist bestens verdrahtet in der Showbranche, bevor er zum Gespräch bittet, verabschiedet er gerade noch die Chefredakteurin einer Peoplezeitschrift.

"Ein Coup, eine Überraschung für alle"
Anfang Dezember hatte die neue MDR-Intendantin Wille Wolf angerufen. Sie wollte sich mit ihm über das Deutsche Fernsehballett unterhalten, dass seit 1992 zum Mitteldeutschen Rundfunk gehörte. Es kam zu einem Treffen, zwei Monate wurde verhandelt, dann war der Deal perfekt. "Ein Coup, eine Überraschung für alle", freut sich Wolf. Wie viel er für die Übernahme der Deutsches Fernsehballett GmbH bezahlt hat, bei der knapp 20 Tänzerinnen und Tänzer sowie eine Crew von Mitarbeitern angestellt ist, sagt Wolf nicht. Aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass das Ensemble ihn am Anfang weiteres Geld kosten wird, bevor über Gewinne überhaupt gesprochen werden kann. Der bisherige Geschäftsführer Bodo Bergmann hat das Unternehmen inzwischen verlassen, nun führt Wolf selber die Geschäfte.

Nach dem Verkauf hieß es, Wille habe das Ensemble "wegen Grosny" verkauft. Sechs Tänzer waren im Oktober auf einer Geburtstagsfeier des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow aufgetreten. Kadyrow werden zahlreiche Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Das Gastspiel hatte ein Nachspiel – und war für den MDR als Mehrheitsgesellschafter des Balletts mehr als peinlich. Doch Wolf sagt: "Grosny war nicht der Grund für den Verkauf des Balletts." Der Skandal hätte nie passieren dürfen, aber der eigentliche Grund laute schlicht und einfach: "Der MDR muss sparen."  

Der MDR will sparen – und braucht kein eigenes Ballett mehr
Henning Röhl, der erste MDR-Fernsehdirektor, hatte dem Ensemble bei der Neugründung eine Bestandsgarantie beim Sender bis zum Jahr 2000 gegeben. Der MDR habe also schon mehr für die Truppe getan, als versprochen war, sagt Wolf: "Jetzt ist das Kind im vereinigten Deutschland 20 Jahre alt, jetzt muss es auf eigenen Beinen tanzen." Es sind vor allem zwei Gründe, die den Künstlermanager als neuen Besitzer des Ensembles prädestinierten. Wolf gehörte bereits das 26-köpfige Deutsche Showballett. Das hatte er 2003 gegründet, als Carmen Nebel vom MDR zum ZDF wechselte. Das hauseigene Fernsehballett, das bisher in der Show die Beine schwang, durfte nicht in einer ZDF-Show auftreten. Nachdem er mit Nebel zum Mainzer Sender gewechselt war und eine eigene Produktionsfirma gegründet hatte, sei er zu einem "No-Go" in Leipzig geworden: "Da wechselte man die Straßenseite, wenn ich kam." Also musste für die neue Nebel-Show ein eigenes Ballett her.

Außerdem war Wolf schon mal Manager des MDR-Fernsehballetts gewesen, vor mehr als zehn Jahren. Damals habe er für seine Pläne "nicht die erforderliche Unterstützung" des damaligen Unterhaltungschefs Udo Foht gehabt. "Der sah das Ballett als sein Eigentum an." Wolf quittierte den Dienst, Foht sollte noch lange Jahre beim MDR arbeiten, bis allerlei Ungereimtheiten über sein Geschäftsgebaren bekannt wurden und er den Sender im vergangenen Jahr verlassen musste.

Und dann wäre da noch die Frage, warum sich überhaupt jemand ein Ballett kauft. Wolf, der ansonsten nicht den Eindruck macht, dass er sich von Sentimentalitäten leiten lässt, gerät tatsächlich ins Schwärmen, wenn er über die Leidenschaft der Tänzer zu ihrem Beruf spricht. Eine "Verabredung fürs Leben" sei das, sagt der Manager, der selber mit einer Tänzerin verheiratet ist. Natürlich ist Wolf auch ein gewiefter Verkäufer, der ein Ensemble, dessen Glanz vergangener Jahre beim MDR verblasst ist, nun wieder mit Emotionen aufladen will. Schaden kann das nicht.

Die Zukunft liegt außerhalb des Fernsehens
Denn gerade auf junge Zuschauer wirken Ensembles wie das Deutsche Fernsehballett vermutlich ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Wenn sie diese überhaupt zu Gesicht bekommen. Denn die Sendungen, in denen die Tänzer auftreten, sind bisher eher für ältere Zuschauer ausgelegt, wie das "Sommerfest der Rekorde" in der ARD oder eine Show mit Inka Bause im MDR. Galt eine elegante und verführerische Tanztruppe im vergangenen Jahrhundert noch als Inbegriff des Glamours, muss sich ein Tanzballett heute neu erfinden, um nicht als reine Nostalgieveranstaltung abgestempelt zu werden. Gegründet wurde das Ensemble bereits 1962 als Fernsehballett des DDR-Fernsehens. Früher waren die Solotänzer des Ensembles Stars, im 50. Jahr des Bestehens kennen diese nur noch Eingeweihte und Fans mit Namen. Und die Präsenz im Fernsehen nimmt ab. Das Auftragsvolumen vom MDR für das laufende Jahr liege bereits ein Drittel unter dem von 2011, sagt Wolf.

Es müssen also mehr Auftritte her, aber eben nicht zwingend im TV. "Es gibt Chancen für uns abseits vom Fernsehen", glaubt Wolf. Spätestens 2014 müsse es "einen Aufschlag" geben, mit einem Tanzspektakel, das in der Republik auf Tournee geht. Tanzshows wie "Riverdance" haben vorgemacht, wie es gehen könnte. Wolf will gleichzeitig kräftig in die Öffentlichkeitsarbeit investieren, die sei in den vergangenen zehn Jahren quasi zum Erliegen gekommen. Wolf hat dem MDR beim Kauf eine Bestandsgarantie für zwei Jahre gegeben. Jetzt gehe es ums Überleben, sagt er. 

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