Die Thilo-Sarrazin-Festspiele bei Jauch

Fernsehen Die Medien hierzulande dürfen aufatmen: ER ist wieder da. Thilo Sarrazin hat sein neues Aufreger-Buch pünktlich kurz vor dem Sommerloch auf den Markt geworfen und gleich eine aufmerksamkeitsstarke Tour de Farce durch alle Medienkanäle angetreten. vergangene Woche Titelstory im stern, diese Woche Titel beim Focus und am Sonntag Doppeltalk bei Günther Jauch mit Peer Steinbrück und Thilo Sarazzin. Die Sendung und die Artikel zeigen: Die alte Erregungs-Maschinerie läuft noch.

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Wie sich die Bilder und die Argumente gleichen: Da saß Thilo Sarrazin bei Günther Jauch wie einst bei Günther Jauch bei “stern TV”. Nur diesmal galten die Statistiken, die er in seinen Schnauzbart brummelte nicht den Integrations-Unwilligen in diesem unserem Lande, sondern dem vermeintlichen Euro-Misserfolg. Und ihm gegenüber hockte Peer Steinbrück als fleischgewordener Realpolitiker, der sich pflichtschuldigst (aber auch ein bisschen gekünstelt) über alles aufregte, was “der da” (Steinbrück über Sarrazin) so von sich gab.

Die Erregungs-Maschinerie des Thilo Sarrazin läuft wie geschmiert. Wie bei seinem Integrations-Reißer “Deutschland schafft sich ab”, trifft er auch mit seinem neuen Sachbuch, “Europa braucht den Euro nicht”, den Nerv des breiten Publikums, spricht scheinbar mutig aus, was “die da oben” sich nicht zu sagen trauen. Wenn er gelassen vorrechnete, dass der Euro alles in allem ein einziger wirtschaftlicher Reinfall war, dann plusterte sich Peer Steinbrück – ganz Staatsmann in Wartestellung – schön auf und spannte ganz große Bögen vom Holocaust über die Freiheit als solche, die abendländische Kultur usw. All dies hängt offenbar irgendwie am Euro.

Ab und zu glaubte man während der Jauch-Sendung zu erkennen, dass die beiden Diskutanten gar nicht so weit voneinander lagen, wie sie taten. Sarrazin lobte Peer Steinbrück mehrmals und betonte gerne, dass der ja nix für die Misere könne. Er wurde schließlich erst Finanzminister als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Und Steinbrück fummelte argumentatorisch zwar an Sarrazins zentralen Thesen herum, wohl um sie ein wenig zu entschärfen, konnte an der einen oder anderen Stelle eine gewisse Zustimmung aber nicht ganz unterdrücken.

Vor allem aber muss man vor dem Timing Sarrazins den Hut ziehen. Das Buch erscheint punktgenau zur aktuellen Zuspitzung der Eurokrise. Zahlreiche weitere Talkshow-Auftritte dürften folgen, ein entsprechender Verkaufserfolg ist programmiert. Dass es Sarrazin letztlich vor allem darum geht, machte eine seiner Äußerungen bei Jauch klar. Da machte sich Sarrazin über den Stern lustig, der in seiner Titelgeschichte von vergangener Woche hart mit “Sarrazin” ins Gericht ging. “Ohne das Buch zu kennen”, wie er spöttisch anmerkte. Auch dies ist das gleiche Muster wie beim letzten Mal: die doofen Kritiker, die das Buch nicht gelesen haben. Die beim Stern schienen ihn ja zu hassen, bemerkte der Bestseller-Autor trocken, aber sie machten genau das Falsche. “Wenn man jemanden hasst, muss man ihn ignorieren, alles andere hilft nicht”, sagte Sarrazin. Wahrscheinlich wohl wissend, dass die Medien gar nicht anders können, als bei seinem Anblick das Geifern anzufangen, wie ein Hund beim Anblick einer gegrillten Schweinshaxe. Die diesjährigen Thilo-Sarrazin-Festspiele, sie sind hiermit eröffnet.

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