„Ich mag das Wort Paywall eigentlich nicht“

Publishing Mit Zahlen hält sich Knut Engelmann, Chef des deutschen Wall Street Journal, noch auffällig zurück. Keine Reichweitendaten, keine Angaben über die bisherige Zahl der registrierten oder zahlenden Nutzer. Im Sommer sollen die Fakten auf den Tisch kommen. Aber: Engelmann sagt, die Wirtschafts-Website liege bisher in allen Belangen über seinen Erwartungen. Für die etwa ein Dutzend Redakteure große Redaktion, die eng mit Dow Jones Newswires zusammenarbeitet, werden Wirtschaftsjournalisten weiter gesucht.

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Gestartet ist wsj.de (die Web-Adresse wurde einem Sportbund abgekauft) Anfang des Jahres. Hinter dem Angebot steht das einflussreiche Journal, die größte Zeitung in den USA. Besitzer ist der Medienmogul Rupert Murdoch, der sich die Muttergesellschaft Dow Jones für einige Milliarden geleistet hatte. Das deutsche Online-Angebot wartet mit übersetzten Inhalten aus den englischsprachigen Ausgaben auf, sowie mit Agenturmaterial von Dow Jones und eigenen recherchierten Geschichten.

Um das komplette Angebot auf allen digitalen Kanälen (auch Smartphone, Tablet) nutzen zu können, muss ein kostenpflichtiges Abo abgeschlossen werden (hier zu einem MEEDIA-Interview mit Robert Thomson, dem Chefredakteur des US-Journal). Knut Engelmann hat lange Jahre für die Nachrichtenagentur Reuters gearbeitet, bevor er im vergangenen Jahr zu Dow Jones wechselte.

Wie viele Tage ist www.wsj.de‘>
Wir sind vor gut 4 Monaten an den Start gegangen. Wir haben die Anfangsphase gut geschafft und sind schon viel routinierter geworden, die Mannschaft ist gut zusammengewachsen. Die Reichweite geht stetig nach oben, ebenso die Akzeptanz bei Anzeigenkunden. Unser Content wird gesehen.

Lässt sich diese qualitative Zwischenbilanz auch in Zahlen ausdrücken?
Nein, diese Zahlen werden wir erst im Laufe des Sommers veröffentlichen. Noch sind wir natürlich ein relativ kleiner Player im Markt, aber wir liegen bereits jetzt über unseren Erwartungen.

Wie nahe sind Sie denn mit wsj.de an ftd.de und handelsblatt.com dran?
Das ist ja dieselbe Frage, nur anders gestellt. Unser Angebot ist ja nicht wirklich deckungsgleich mit anderen Wirtschaftsseiten. Wir haben eine klare internationale Perspektive auf das Welt geschehen. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Und unsere Zielgruppe ist auch sehr klar definiert.

Sie meinen die sogenannten Entscheider, eine relativ eng gefasste Zielgruppe, die vor allem gegenüber Werbekunden gerne genannt wird.
Als Nischenanbieter sehe ich uns allerdings nicht. Die Themen Wirtschaft und Finanzen sind eminent wichtig. Es gibt doch kaum ein Ereignis auf der Welt mehr, dass ohne ein Verständnis für Wirtschaft erklärbar ist.

Was haben Sie den Entscheidern denn in den ersten vier Monaten an Scoops und Geschichten geboten, die Alleinstellungsmerkmal besitzen?
Wir haben eine Reihe viel beachteter Interviews mit CEOs und CFOs geführt. Unsere Technologieberichterstattung etwa über den Facebook-IPO oder Apple kommt sehr gut an. Hier profitieren wir enorm von unserem internationalen Netzwerk. Oder die Berichterstattung über die Eurokrise. Da gibt es einiges.

Heute mittag gegen 12 Uhr war die Top-Story der Seite noch von 9:26 Uhr. Geht es bei wsj.de etwas gemächlicher als anderswo zu?
Wir versuchen, eine seriöse Seite zu fahren, die nicht ganz so aufgeregt ist wie die von manchen unserer Mitbewerber. Wenn JPMorgan zwei Milliarden Dollar verzockt, dann ist das auch nach zwei Stunden noch für den Leser interessant. Gute Geschichten können auch eine längere Lebensdauer auf unserer Seite haben, die Leser starren ja auch nicht stundenlang auf die Website. Sie wollen einen Überblick, was momentan auf den Märkten und in der Welt wichtig ist, und wir orientieren uns am Nachrichtenwert der Geschichten. Versicherunsgvergleiche wird es bei uns nicht geben.

Wie kommen die Nutzer zu wsj.de?
Die Mehrzahl der Nutzer von www.wsj.de
kommt direkt zu uns auf die Seite, nicht über eine Suchmaschine. Darum rechne ich mir auch gute Chancen aus, dass unser Bezahlmodell funktionieren wird.

Für den Zugang zum kompletten Inhalt von wsj.de sind im Jahr gut 150 Euro fällig.
Nutzer werden für gute Inhalte auch gutes Geld bezahlen. Als Journalist habe ich noch nie verstanden, was das für ein Geschäftsmodell sein soll, bei dem wertvolle Inhalte kostenlos abgegeben werden.

Wie hoch ist denn momentan der Anteil an kostenpflichtigen Inhalten, die hinter der Paywall stehen?
Eigentlich mag ich das Wort Paywall gar nicht, ich spreche lieber von Premiuminhalten. Darunter verstehe ich Mehrwert, Exklusivität, Analysen. Konkret sieht es so aus, dass wir im Tagesablauf festlegen, welche Beiträge nicht kostenfrei zugänglich sind. Im Moment ist die Mehrzahl unserer Inhalte noch kostenfrei zugänglich. Das wird sich sicherlich im Laufe der Zeit wandeln. Im Moment wollen wir möglichst viele Leser auf unser Angebot aufmerksam machen.

Spielt es für Sie eine Rolle, ob auch andere Nachrichtenangeboten Bezahlmodelle entwickeln?
Nein, das spielt für mich keine Rolle. Das muss jeder Anbieter für sich entscheiden. Unser Modell funktioniert für uns, das ist klar.

Sie haben neulich über Twitter auf eine Stellenanzeige von wsj.de hingewiesen.
Wir suchen nach wie vor gute Leute und bauen unsere Redaktion aus. Für das Wall Street Journal Deutschland arbeiten nun etwa ein gutes Dutzend Redakteure, aber das Netzwerk ist mit den Dow Jones Newswires Deutschland, mit dem wir eine integrierte Redaktion bilden, natürlich viel größer. Das Wall Street Journal Deutschland-Team sehe ich immer noch als eine Art Start-up-Team. Das hat den Vorteil, das wir sehr lernfähig und flexibel sind. Und diese Eigenschaften würde ich uns gerne lange bewahren.  

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