„Rundshow“: das verpatzte Social-TV-Debüt

Publishing Der Versuch ist so alt wie das Internet: Das Web und das TV miteinander zu fusionieren, so weit es die multimedialen Möglichkeiten hergeben. TV-Journalist und Blogger Richard Gutjahr erscheint dafür der geeignete Mann zu sein – der bekennende Apple-Fanboy hat bewiesen, dass er beide Kanäle nach Belieben bespielen kann. Trotzdem blieb das TV-Debüt seiner "Rundshow" im BR mit Blogger Daniel Fiene sehr blass, obwohl man sich mit aktuellen Themen wie der europäischen Schuldenkrise abmühte.

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Der Coup schien der "Rundshow" schon nach wenigen Minuten gelungen zu sein: Kaum on air, war sie schon "TrendingTopic" bei Twitter. Dort ging es denn auch gleich hoch her: PR-Blogger Klaus Eck hat die Rundshow schlicht "gefallen", anderen lästerten so sehr darauf los, dass Thomas Knüwer schon nach wenigen dagegenhielt: "Leute, die sich 5 Minuten nach Start einer neuen Sendung über diese aufregen, haben ADD-Behandlungsbedarf".
Keine Frage: Die "Rundshow" flutete nicht nur die Twitter-Timeline – sie polarisierte wie ein DFB-Pokal-Endspiel Dortmund gegen Bayern.  Und das alles, nur weil "das Internet jetzt endlich auch im Fernsehen" ist, wie Frank Schmiechen anmerkte.  Nico Lumma wollte sich die Rundshow dann auch am liebsten "in der Twitter-Wochenmailzusammenfassung anschauen". 
Konzept der maximalen Vernetzung alter und neuer Medien
Damit ist viel auch gleich das Problem des Formats beim Namen genannt: Am Ende scheint es weniger darum zu gehen, was da auf dem TV-Schirm passiert, als vielmehr darum, wie es nachher in den neuen Medien rezipiert wird. 
Für TV-Journalist Richard Gutjahr (Job-Profil: "freier Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens") ist das Teil des Konzepts: "Längst sind viele Menschen parallel zum laufenden Fernseher online, chatten auf Facebook, checken ihre Mails. Wer schon mal während eines Tatorts bei Twitter vorbeigeschaut und den Hashtag #tatort eingetippt hat, weiß, wovon ich spreche."
Allein: Die Lust an maximaler Vernetzung macht noch lang kein gelungenes TV-Format. Dafür mühten sich Richard Gutjahr, der sonst in BR die "Rundschau" moderiert und Hörfunkjournalist Daniel Fiene ("Was mit Medien") nach Kräften, zeitgeistige Themen aus dem Netz ins klassische Bewegtbild-Medium zu transportieren und so Zuschauer und Programmmacher "möglichst geschmeidig zusammenzubringen" – eben "crossmedial".
Die "Generation Indignaos" ist der Star der ersten Sendung
Das sollte inhaltlich über die Klammer des on- und offline beherrschenden Themas der europäisch vernetzten Social Media-Generation gelingen: die Schuldenkrise und was sie aus den Twentysomethings macht – nämlich 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und eine jahrelange Schockstarre in Griechenland. Genau ein Jahr ist es her, als sich "die Empörten" in Spanien zu ihren ersten Protesten erhoben, die später in der Occupy-Bewegung rund ums Globus schwappte – vor allem getragen durch die sozialen Medien.
Bei der Suche nach Ursachen, Hintergründen und dem eigentlichen Ist-Zustand der "Generation Indignaos" bleiben Gutjahr und Fiene leider jedoch ebenso farblos wie ihre Interviewpartner aus den Krisenländern Spanien, Griechenland und Portugal im Google-Hangout-Chat. Dass die Lage in Spanien "ernst" und die Situation in Griechenland "dramatisch" ist, vermittelt auch die Lektüre der guten, alten Zeitung auf dem Frühstückstisch. 
Selbstreferentieller Social-Media-Brei im Staatsfernsehen
Beim Versuch, den jungen Empörten der europäischen Südstaaten eine Stimme zu geben, pendelt die "Rundshow" in ihrer Betroffenheitsrhetorik des öfteren zwischen improvisierten re:publica-Panels der Bühne 6 oder 7 – und Offenem Kanal-Interviews. Das trägt zwar dem Authentizitätsanspruch des Netzes Rechnung, rechtfertigt in dieser Form aber noch kein halbstündiges TV-Format, das mit Smartphone-App ("Die Macht!") und Social Media-Stream eher symbolisch mit dem Internet-Zeitalter verzahnt wird. 
Ja, all das passiert gerade wirklich live – aber gilt das nicht für jeden Dialog an der Bushaltestelle und U-Bahnstation dieser Republik auch in diesem Moment? Muss man ihn aufzeichnen, streamen und via Twitter oder Like-Button kommentieren und darüber abstimmen? Welche Botschaft will die "Rundshow" damit tatsächlich vermitteln: Mitmachen um des Mitmachenwollens?
Schmerzlich vermisst man gegen Ende der zähen 30 Minuten der ersten Sendung den Esprit einer Katrin Bauerfeind oder Tita von Hardenberg die Zeitgeistphänomen mit einer gewissen Ironie und dennoch jeder Menge Charme begegnen könnten. Die nämlich würde den selbstreferentiellen Social Media-Brei, der kurz vorm Mitternacht im Staatsfernsehen zusammengerührt wurde, tatsächlich etwas genießbarer machen. Aber Gutjahr und Fiene haben ja noch Zeit, das TV-Experiment voranzutreiben – ganze vier Wochen nämlich, eine halbe Ewigkeit im Internetzeitalter.

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