Nannen und die Arroganz der Arrivierten

Publishing Hans Leyendecker mag einer der besten investigativen Journalisten der Republik sein, doch mit Erklärungen in eigener Sache hat er es nicht so. Schon im vergangenen Jahr, als der ehemalige Vizechef des Netzwerk Recherche einräumen musste, dass die Vereinsgeschäfte an ihm vorbeigelaufen waren, wurde das deutlich. Und auch die Ablehnung des Nannen-Preises am Freitag war kein Glanzstück. Denn selbst wenn die Zeit zum Formulieren kurz war: Gut begründet sollte ein solcher Schritt schon sein.

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Von "Kulturbruch" war da die Rede, die Bergpredigt spielte eine ungefähre Rolle, es gehe nicht gegen die Kollegen von Bild, aber gegen Bild an sich. "Drecksblatt" soll Leyendecker die Zeitung im kleineren Kreis später genannt haben. In seinem eigenen Blatt, der Süddeutschen Zeitung, wird er etwas ausführlicher: "Das ist eine gesellschaftliche Aufwertung der Bild-Zeitung, die sich mit unserem Erlebnis von Bild nicht verträgt. Es ist eine Zeitung, die oft Menschen bedrängt, die Menschen verfolgt und bösartige Kampagnen macht."

Ohne behaupten zu wollen, dass die Bild von Chorknaben gemacht wird – von einem Journalisten wie Leyendecker wäre schon zu erwarten, dass er seine Charakterisierung der Zeitung noch etwas präzisiert. Leyendecker und seine beiden Kollegen Klaus Ott und Nicolas Richter müssen das natürlich nicht, sie sind zu nichts verpflichtet. Aber: Sie sollten schon erklären können, ob ihre Ablehnung eine aus dem Bauch getroffene Instinktreaktion war oder eine wohl abgewogene und der Tragweite angemessene Entscheidung. Warum ist das wichtig? Weil Schubladendenken, das auch Journalisten nur zu gerne pflegen, in diesem Fall nicht weiter hilft – und gerade in diesem Fall auch peinlich wirkt.

Es ließe sich weiter fragen: Warum hat das SZ-Team die Nominierung überhaupt angenommen? Es war lange bekannt, welche drei Medien für den Henri in der Sparte "Investigative Recherche" nominiert waren. War man sich sicher, die Boulevard-Kollegen ohnehin qua Jury-Entscheidung hinter sich zu lassen? Weil die Dokumentation der Aufdeckung der Formel-1-Affäre sehr viele Seiten umfasst und die des Bild-Duos Harbusch/Heidemanns nur einige wenige Blätter? Weil man moralisch über der Bild steht? Sollte die Abstimmung in der Jury zu einer Art Bestätigung der Überlegenheit der sogenannten Qualitätspresse über die Schmuddeltruppe des Boulevardjournalismus werden?

Am ehesten begründet wäre es gewesen, hätte Leyendecker gesagt: Liebe Leute, ist nett gemeint, aber unser Team hat monatelang dem Bankmanager Gribkowsky nachgespürt, und die Bild-Kollegen haben bei ihrer Recherche einfach "nur" das richtige Timing, Glück und dann auch noch etwas Kombinationsvermögen gehabt. Zu wenig für einen so machtvollen Preis. Darüber ließe sich ja mal streiten. Der Teil der Jury, der für die Auszeichnung von Bild gestimmt hat, sah vor allem die Wirkungsmacht der Bild-Berichterstattung zu Christian Wulff als entscheidenden Faktor an.

Das hat Leyendecker aber eben gerade nicht getan. Er hat die Vergabe eines Preises an Bild per se für anrüchig erklärt, aus prinzipiellen Gründen. So unbenommen ihm und seinen Kollegen dieser Schritt ist, so sehr erscheint er geltungssüchtig, arrogant und gestrig. Nicht, weil Bild eine Zeitung ist, die immer mit einwandfreien Methoden arbeitet. Sondern weil diese Haltung die Möglichkeit ausschließt, dass dort und in anderen Boulevardredaktionen auch mal gute Geschichten recherchiert werden, die tatsächlich Einfluss haben. Und wünschen sich das nicht alle Journalisten, mit ihren Geschichten etwas zu bewirken? Und hatten es nicht alle Journalisten im Fall Wulff darauf abgesehen, den (nicht ganz so bösen) Bären Wulff zu erlegen? Hätte die Berichterstattung der SZ ohne die Bild anders ausgesehen?

Die FAS-Autorin Antonia Baum merkte in einem Stück an, die SZ-Journalisten demonstrierten mit ihrer Ablehnung nur, dass sie das "Drecksblatt" Bild auch weiter in der Gosse sehen wollen. Und nicht auf Augenhöhe. Diese Beobachtung trifft den Kern des Vorwurfs, der Leyendecker et al. zu machen ist. Die undifferenzierte, pauschale Ablehnung eines ganzen Mediums und seiner Recherchen ist vor allem ziemlich bequem – und reichlich langweilig. Die Ordnung der Medien-Welt, sie sollte an diesem Abend nicht ins Wanken geraten.

Auch die Jury ist in der Causa nicht aus der Verantwortung zu nehmen. Die Vergabepraxis bedarf einer grundlegenden Reformierung. Warum sitzen dort zwölf Journalisten, die über die Auszeichnung entscheiden dürfen – eine Zahl, die bei Patt-Situationen in die Sackgasse führt? Warum haben sich gleich zwei Juroren enthalten, bei einer derart wichtigen Kategorie, die zu einer Entscheidung zwingt, nicht zu einem Kompromiss? Warum sitzen dort in der Mehrzahl Chefredakteure, die sich bestens mit Machtspielchen auskennen? Und wieso entscheidet dort eine taz-Chefredakteurin, die Bild auf das Wort "Witwenschüttler" reduziert, wenn es um Recherchen im Umfeld des Bundespräsidenten geht? Wer über einen Nannen-Preis entscheidet, sollte mehr in die Wagschale werfen können. Und wer ihn erhält, darf ihn nicht mit einer diffusen Begründung einfach wegwerfen.

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