Mit Maschmeyer auf dem Glücks-Highway

Publishing Der Gründer und frühere Chef der Finanzfirma AWD, Carsten Maschmeyer, ist ein Unikum in der deutschen Gesellschaft. Vom Versicherungsvertreter hat er es bis in höchste Kreise von Politik, Showbusiness und Medien geschafft. Er ist Multi-Millionär, liiert mit der Schauspielerin Veronica Ferres, vernetzt mit Top-Politikern und er pflegt exzellente Kontakte zur Bild-Zeitung. Sein Buch “Selfmade”, das heute erscheint, erlaubt einen erstaunlichen Einblick in die Geisteswelt des Carsten Maschmeyer.

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Die Sprache

Das ist tatsächlich eine Überraschung bei “Selfmade – erfolg reich leben”, wie das Buch mitsamt seinem schrecklichen Untertitel heißt: Carsten Maschmeyer hat es offenbar selbst geschrieben. Es ist wirklich self made. Dafür, dass ein Ghostwriter mit am Werke gewesen wäre, ist es einfach zu schlecht. Der Stil ist holprig, die Sätze simpel. Wenn man liest, hat man stets den Maschmeyer vor Augen, den man in Videos gesehen hat.

Er erfindet für seine Thesen schmissige Begriffe wie “Erfolgsturbo”, “Highway zum Glück”. Alles ist ein Verstärker: “Erfolgsverstärker”, “Positiv-Verstärker”, “Kontakt-Verstärker”. Obwohl Maschmeyer stets das Menschliche als Floskel bemüht, formuliert er auf eine kalte, technokratische Art und Weise. Sekretärinnen, Assistenten sind bei ihm “Kontakt-Zulasser”, die es besonders freundlich zu behandeln gilt. Ein Kernsatz lautet: “Einkommen produzierende Tätigkeiten haben Alpha-Priorität.”

Vertreter-Platitüden

Er hat ja mit vielem nicht Unrecht, was er in seinem Buch so schreibt, der Carsten Maschmeyer. Dass man nicht mehr Geld ausgeben soll, als man einnimmt. Dass man für sein Alter vorsorgen soll, dass man Konsumentenkredite meiden sollte – das sind alles nachvollziehbare Tipps. Die gibt es freilich an jeder Ecke und auch in bereits erhältlichen Finanzratgebern zuhauf. Stellenweise wirkt Maschmeyers Buch, als habe er die Notizen seiner Verkaufsgespräche als Versicherungsvertreter abgetippt. “Berufsunfähigkeit muss versichert werden”, “Versichern Sie sich gegen Altersarmut”, “Als Geldanlage ist das Sparschwein eine Sauerei und das traditionelle Sparbuch ist ein Schrumpfbuch.” Ratschläge von einer Schlichtheit, wie man sie auch im Geld-Teil eines drittklassigen Anzeigenblättchens findet.

An anderen Stellen hat er dagegen offenbar den Fundus seiner Motivationsvorträge und Mitarbeiterschulungen geplündert. Da wird beispielsweise geraten, öfter den Namen der Gesprächspartner zu nutzen. Ein Tipp, den mittlerweile jeder Callcenter-Sklave bis zum Exzess befolgt. “Schwierigkeiten”, lernt man bei “Selfmade”, seien auch “Gelegenheiten” und man solle “positiv denken”. Wer hätte das gedacht? Weitere Beispiele für Maschmeyers Lebensphrasen: “Ohne Fleiß keine First Class!”, “Papierkorb voll – Schreibtisch leer”, “Hin und her macht Akku leer”, “Werden Sie der Superheld in Ihrem Lebensfilm!”, “Verwandeln Sie Angst in Mut!” Usw.

Kontakte und Freunde

“Sind Kontakte alles?”, fragt Maschmeyer an einer Stelle. Antwort: “Ja, fast!” Das Sammeln, Katalogisieren und Auswerten von Kontakten nimmt bei ihm einen breiten Raum ein. Kontakte sind dabei gleichzeitig Freunde und umgekehrt. Maschmeyer rät: “Geschäftlich gesehen kann jeder Neukontakt bares Geld wert sein. Networking ist ein Sparkonto, auf das man zunächst viel einzahlen muss, um später davon abheben zu können.” An einige Stellen verrutscht eben doch der sorgsam zurechtgerückte Schafspelz und der Vertriebs-Wolf kommt zum Vorschein.

Auch wenn Maschmeyer schreibt: “Wer in der Schule einmal sitzen geblieben ist, hat sogar einen kleinen Vorteil: Er besitzt zwei Ehemaligenlisten, hat also doppelt so viele Kontakte aus seiner Schulzeit.” Es ist zu befürchten, dass er das ernst meint und genau so seinen Vertretern auch schon eingebleut hat. Er rät dann noch, man solle auch den Lebenspartner und Urlaubsbekanntschaften nicht vergessen. Die kennen ja auch Leute, die wiederum welche kennen. Der Kontakthunger eines Maschmeyer ist unersättlich: “Ich nehme alle Menschen, die mich besonders interessieren, in meine Geburtstags- und Kontaktdatei auf.” Wen er für interessant befindet, der bekommt dann einen Brief, eine Mail, eine SMS oder einen Anruf. Natürlich streng reglementiert: “SMS oder Anruf innerhalb von 24 Stunden, E-Mail oder Brief innerhalb einer Woche.”

Egal ob Kofi Annan, John Malkovich, George Clooney, Gerhard Schröder, Maybrit Illner, Jean Remy von Matt oder eben Christian Wulff (taucht auf Seite 84 auf!). Maschmeyer kennt sie alle und er verschickt fleißig handgeschriebene (persönliche Note!) Weihnachtskarten. Zur Ranschmeiße ist so ziemlich jedes Mittel Recht: “Wenn Sie jemanden nachhaltig emotional berühren wollen, schreiben Sie ihm ruhig mal etwas Schmeichelhaftes, gern auch humorvoll Übertriebenes zum Beispiel am Ende einer E-Mail oder SMS: ‚Der Vorsitzende Ihres Fanclubs‘ oder ‚Ihr Bewunderer‘."

Maschmeyer und die Medien

In einem kleinen Abschnitt seines Buches geht es auch explizit um die Medien. Maschmeyer räumt ein, dass er mit seinem Verhalten, gegenüber dem NDR Fehler gemacht hat. Es ging um diverse Reportagen der NDR-“Panorama”-Redaktion, die Maschmeyer und dem AWD vorwarfen, bewusst unseriöse Geldanlagen vermittelt zu haben. Maschmeyer setzte sich bis zur Ebene des Intendanten dafür ein, dass der Film nicht gezeigt werden sollte und setzte auch Anwälte in Bewegung. Jetzt schreibt: “Ich fühlte mich in einer TV-Reportage teilweise unfair behandelt. Die einseitig negative Berichterstattung war auch gegenüber den seriös und qualifiziert arbeitenden Beraterinnen und Beratern meines ehemaligen Unternehmens ungerecht.”  (…) “Aber anstatt das auf sich beruhen zu lassen, wollte ich meine Betrachtungsweise durchsetzen und die – aus meiner Sicht – falschen Vorwürfe entkräften. Heute weiß ich, dass die Darstellung meiner Sichtweise direkt gegenüber den Intendanten als Eingriff in die Pressefreiheit missverstanden wurde.” Das klingt mehr leutselig als geläutert.
Das Maschmeyer-Gen

Dass jemand “Selfmade” liest und nach der Lektüre selbst mit “Karriere-Turbo” auf den “Glücks-Highway” einbiegt, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Interessanter als die Simpel-Regeln im Buch ist  eine Art Maschmeyer-Gen, das hier durchschimmert. Schon im Alter von 14 Jahren, so schreibt Maschmeyer, hat er sich Geld als Plakate-Kleber dazuverdient. Dann hat er "Unter-Aufhänger" (er nennt die auf Seite 333 wirklich so) angeheuert und Provision kassiert. Egal ob Plakate oder Versicherungen – diese spezielle Art der Verkaufe muss man wohl im Blut haben. Diesen unbedingten Willen nach oben zu kommen, Erfolg und Glück messbar zu machen, Zwischenmenschliches einer Kosten-Nutzen-Rechnung zu unterziehen. “Für manch einen scheint Geld keine Rolle zu spielen. Das ist bei mir anders”, schreibt er an einer Stelle. Seine Fixierung auf den Erfolg nimmt dabei teils schon parodistische Züge an: “Manchmal benutze ich morgens ein Körperöl, das nach Zitrone riecht. Ich fühle mich dann nicht nur wacher und fitter, sondern strahle auch Kraft und Sportlichkeit quasi als Nachricht aus.” Das Fluidum des Erfolgs – Maschmeyer meint auch das gewiss wörtlich. Ironie, Selbstzweifel scheinen ihm fremd. Doch wer über solche Passagen lacht, der wird nie das “Geldgeheimnis” entschlüsseln. Dem fehlt wahrscheinlich das Maschmeyer-Gen.

Sein Buch beendet er wie einen Vortrag: “Viel Erfolg, Glück und Wohlstand wünscht herzlich Ihr Carsten Maschmeyer”

Er hat nur vergessen dazuzuschreiben: “Ihr größter Bewunderer”

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