“Feige, oberpeinlich, übereitel und kaputt”

Publishing Uneinheitliches Presseecho nach dem neuerlichen Eklat beim Henri Nannen Preis. Drei Redakteure der SZ lehnten die Auszeichnung für die beste investigative Leistung ab, weil sie sich den Preis mit der Bild-Zeitung hätten teilen müssen. Viele Medien hielten sich mit einer Kommentierung zurück. Kritik an der SZ-Entscheidung wurde vor allem in Stellungnahmen geübt, Jury-Mitglied Helmut Markwort nannte sie “oberpeinlich”. Klaus Boldt geißelte die Medienbranche als „übereitel und kaputt“.

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Ein Kommentar von Felix Dachsel in der taz ist eine der wenigen eindeutig positionierten Meinungsäußerungen eines Mediums zum jüngsten Nannen-Eklat – wen auch keine sonderlich überraschende. Er schrieb: “Die Entscheidung (die Bild-Zeitung zu nominieren und ihr den Preis zuzuerkennen, Anm.d.Red.) ist falsch, ihre Urheber sind entweder feige oder unwissend. Oder aber sie haben sich zu einer Entscheidung hinreißen lassen, die rein politisch ist und sich nicht an Qualitätskriterien hält. Peter Matthias Gaede, Chefredakteur bei Geo, hat das Richtige getan: Er legt sein Jurymandat nieder.” Die drei SZ-Leute, Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter, bezeichnet Dachsel als “Helden des Abend”: “Sie haben bewiesen, was vielen Journalisten im Umgang mit Deutschlands größtem Boulevardblatt fehlt: Courage. Ganz besonders mangelte es daran der Jury des Henri-Nannen-Preis, dem ehemals wichtigsten Journalistenpreis des Landes.”

Ähnlich deutlich will sich kein anderes bekanntes Medium positionieren. Die meisten beschränken sich auf ein Wiedergabe der Abläufe bei der Preisverleihung. Berichte und Kommentare über den Henri-Nannen-Preis sind für viele etablierte Medien schwierig, weil oft der eigene Chefredakteur in der Jury sitzt oder jemand aus dem eigenen Hause auch nominiert war. Auch taz-Chefredakteurin Ines Pohl sitzt in der Nannen-Jury, Zurückhaltung bei der Kommentierung gab es in ihrem Blatt jedoch, wie gezeigt, nicht.

Der Journalismus-Forscher Michael Haller findet es falsch, dass die Bild den Preis erhalten hat. Er lieferte seine Begründung im DRadio Kultur: “Ich finde die Entscheidung der Jury, der "Bild"-Zeitung den ,Investigative Recherche‘-Preis in der Affäre Wulff zu geben, aus medienwissenschaftlicher Sicht nicht richtig. Nicht, weil die Bild-Zeitung eine Boulevardzeitung ist, ist der Entscheid falsch gewesen, sondern weil die Rechercheleistungen, die am Ende zum Rücktritt von Wulff geführt haben, ein Zusammenspiel einer ganze Reihe von Medien waren.“ Die Entscheidung des SZ-Teams, den Preis nicht zusammen mit der Bild annehmen zu wollen, kann er “sehr gut nachvollziehen”.
Auch NDR-Reporter Christoph Lütgert fühlte sich berufen, eine Einlassung zum Thema abzugeben. Außer, dass er die Bild als "Scheißblatt" titulierte und sich selbst einmal mehr für seine Maschmeyer-Enthüllungen lobte, schrieb Lütgert beim Medien-Debatten-Portal Vocer.org: "Nur wurde eben nicht die gesamte oft unerträgliche "Bild"-Zeitung mit dem Nannen-Preis ausgezeichnet – dies wäre in der Tat ein ‚Kulturbruch‘ -, sondern es wurden zu Recht zwei exzellente Journalisten mit dem Preis bedacht, die nicht bei der Süddeutschen, sondern bei Bild ihr Geld verdienen. Sie in der Weise zu diffamieren wie Leyendecker es mit seiner spektakulären Verweigerung getan hat, ist für mich journalistische Sippenhaft. Bild-Kollegen dürfen einfach keine guten Leistungen bringen."

Die beiden Medien, um die es hier geht, SZ und Bild, hielten sich mit einer Kommentierung auffallend zurück. In der Bild hieß es bemüht zurückhaltend: “Hans Leyendecker nannte die unklare Jury-Entscheidung ein ‘Stückchen einen Kulturbruch’. Die Jury-Ansicht sei zu akzeptieren. Allerdings wollten er und seine Kollegen den Preis nicht gemeinsam mit den Bild-Journalisten annehmen. Leyendecker wies ausdrücklich darauf hin, dass sich dies nicht gegen die Bild-Kollegen richte.”

In der Süddeutschen wurden die Jury-Mitglieder Ines Pohl (“taz) und Helmut Markwort (Focus) beispielhaft für die Meinungsverschiedenheiten bei den Juroren zitiert. Markwort fand die SZ-Reaktion “oberpeinlich und unsportlich”, Ines Pohl zeigte Verständnis und verwies auf den Ruf der Bild als Blatt der “Witwenschüttler”. In einer Umfrage von Newsroom.de sagte Klaus Boldt, Medienexperte des manager magazins zu dem Eklat, an “albernen Preis-Ausschreibungen teilzunehmen” sei schon “peinlich genug”. Die Leute von der SZ bezeichnete er als “Medienmoralisten” und: “Die Annahme des Pokals dann aber auch noch in fürstlich-erhabener Wichtigkeitspose abzulehnen, weil man nicht gemeinsam ausgezeichnet werden möchte mit irgendwelchen Typen von Bild, zeigt, in welchem kaputten Zustand sich diese übereitle Branche inzwischen befindet"

Auch beim Journalisten-Verband Netzwerk Recherche hat man den Fall ausführlich kommentiert. Die beiden Vorsitzenden Oliver Schröm und Markus Grill kritisieren die Jury des Nannen-Preises hart: “Der Jury des Nannen-Preises fehlt offenbar zum wiederholten Mal ein klares Verständnis für die journalistischen Kriterien. Im Fall der Auszeichnung der Bild-Zeitung verwechselt sie einen erfolgreichen ‘Scoop’ mit der besten investigativen Leistung.”  Die beiden Netzwerker schreiben den Veranstaltern ins Stammbuch, dass sie sich den us-amerikanischen Pulitzer-Preis zum Vorbild nehmen sollten. Dort würden nicht Chefredakteur sondern namhafte Journalisten und Fachleute über die Preisvergabe bestimmen. Und außerdem würden die Nominierten nicht vorab bekanntgegeben, was Einflussnahmen verhindere. “Dieses Verfahren führt dazu, dass beim Pulitzer-Preis Fachleute entscheiden und nicht Generalisten nach Gefühlslage oder Proporzdenken wie viel zu oft beim Henri-Nannen-Preis”, so das Netzwerk Recherche. Dass Hans Leyendecker, der den Nannen-Preis ablehnte, selbst bis vor kurzem Vorstand des Netzwerks Recherche war und dem Verein sehr verbunden ist, lässt das Netzwerk unerwähnt.
Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn, Mitglied der Hauptjury des Henri Nannen Preises wies die Kritik am Wochenende zurück. Laut dpa erklärte er: "Gerade wegen der Komplexität der investigativen Recherche gibt es eine eigene Vorjury mit erfahrenen Kollegen, wie dem Leiter der Henri Nannen Schule, Andreas Wolfers, Karl Guenther Barth (Hamburger Abendblatt) und dem langjährigen Netzwerk-Recherche-Mitglied Kuno Haberbusch (NDR)." Diese Vorjury habe nach definierten Kriterien aus 48 Arbeiten sechs für die Endjury ausgewählt, darunter auch der der Bild-Zeitung: "Was in der Vorjury als preiswürdig erachtet wurde, kann in der Endjury eigentlich nicht grundsätzlich falsch sein."
Einen ganz anderen, aber vielleicht ebenfalls wichtigen Punkt kritisierte die Initiative Pro Quote, die sich für einen höheren Anteil von Frauen in redaktionellen Führungspositionen einsetzt. Pro Quote rügte, dass unter den 30 am Freitag gekürten Preisträger nicht eine einzige Frau gewesen sei. Ironisch hieß es dazu: "Überraschend auch, wie klar aus der Jury-Entscheidung hervorging: Qualität ist männlich." Aus einer Auflistung der Geschlechterverhältnisse in Vorjury, Jury, Nominierten und Preisträgern gehe zudem hervor, dass der Journalistenpreis in allen Bereichen zu mehr als 70 Prozent von Männern dominiert werde. Unter den Nominierten seien, wie es in einer Mitteilung heißt, bei einem Verhältnis von 28 Journalisten zu vier Journalistinnen 88 Prozent der Köpfe männlich – und bei den Preisträgern schließlich sogar 100 Prozent.

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