Wolfram Weimer: „Focus braucht einen Kurs“

Publishing "Focus braucht weniger einen Kurswechsel als einen Kurs", sagt Wolfram Weimer, im Tandem mit Uli Baur Focus-Chefredakteur zwischen 2010 und 2011. Weimers Mission war es ab Mitte 2010, das Burda-Magazin wieder politischer und relevanter zu positionieren - sie scheiterte nach nur kurzer Zeit. Im MEEDIA-Interview sagt Weimer nun, der neue Chefredakteur Jörg Quoos werde es "mit diesen strategischen Entscheidungen nun viel leichter" haben: "Ich war gewissermaßen sein Wegbereiter."

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Sein Mandat bei Focus, sagt Weimer im Rückblick, "hat offenbar gemacht, dass man Klarheit in der Führung wie im Konzept braucht, um Focus erfolgreich zu drehen". Er habe "mit einem konsequenten Qualitätskonzept dem Spiegel Konkurrenz machen und mit wesentlichen Teilen der Redaktion nach Berlin" ziehen wollen. Aber: Uli Baur und Helmut Markwort hätten das nicht gewollt. Heute sagt Baur allerdings in einem FAZ-Interview, er sei sich mit Geschäftsführer Burkhard Graßmann einig, dass der Focus in Berlin gestärkt werden müsse. Die Berlin-Strategie sei richtig, sagt wiederum Weimer. Nur so könne sich die Redaktion von Herausgeber Helmut Markwort emanzipieren.

Kaum ein Jahr, nachdem Sie den Focus verlassen mussten, gibt Uli Baur seinerseits die Chefredaktion ab. Wie kommentieren Sie diesen erneuten Personalwechsel, Herr Weimer?
Es ist für alle Beteiligten der richtige Schritt. Focus braucht einen Neuanfang und der scheint nun möglich. Wenn die Branche jetzt auf die fallenden Auflagen der letzten Monate und die internen Querelen in München schaut, dann unterschätzt sie die Kraft der Marke und der Mannschaft. Focus verdient eine faire Chance auf ein gutes Comeback.

Uli Baur sagt, er gehe planmäßig und auf eigenen Wunsch. Der Wechsel sei lange verabredet gewesen. Wussten Sie bei Ihrem Einstieg 2010 von diesem Wunsch?
Wir sprachen tatsächlich häufiger über das Aufhören, schon weil eine Doppelspitze im Trio mit Herausgeber Markwort eine reichlich labile Angelegenheit war. Uli Baur habe ich jedenfalls als geraden Menschen erlebt. Seine Lebensleistung beim Aufbau von Focus wird ihm niemand nehmen.

Hat der kommende Chefredakteur Jörg Quoos nun das Glück, dass Sie mit Ihrer Focus-Reform gescheitert sind – und daher sowohl alleine das Magazin leiten kann wie auch den Standort Berlin ausbauen?
Das kann man so sagen. Mein Mandat bei Focus hat offenbar gemacht, dass man Klarheit in der Führung wie im Konzept braucht, um Focus erfolgreich zu drehen. Doppel- und Dreifachspitzen taugen dazu ebenso wenig wie dauernder Streit um die Richtung. Ich wollte mit einem konsequenten Qualitätskonzept dem Spiegel Konkurrenz machen und mit wesentlichen Teilen der Redaktion nach Berlin – Baur und Markwort wollten das nicht. Quoos wird es mit diesen strategischen Entscheidungen nun viel leichter haben. Ich war gewissermaßen sein Wegbereiter. Er hat nun freiere Bahn.

Quoos wird vermutlich die dritte Blattreform innerhalb weniger Jahre durchführen. Trotzdem sagt Uli Baur, Focus brauche keinen Kurswechsel. Sehen Sie das auch so? Beziehungsweise: Auf welchem Kurs ist Focus eigentlich?
Jeder weiß, dass ich mit Focus auf eine Relevanzstrategie gesetzt habe. Das stand in Konkurrenz zur Nutzwertstrategie. Beides lässt sich argumentieren. Immerhin hatten wir in meinen Quartalen einen Zuwachs im Einzelverkauf und eine steigende Auflage. Insofern braucht Focus weniger einen Kurswechsel als einen Kurs.

Die Redaktion in Berlin soll ausgebaut werden, Jörg Quoos ist wie Sie ein politischer Kopf. Doch kann ein Magazin, das dem Publikum letztlich durch Nutzwert- und Servicejournalismus bekannt ist, noch mit Politik punkten?
Jörg Quoos wird nun gerne unterstellt, er werde den dritten Weg der billigen Boulevardisierung wählen. Ich glaube, da sollte man ihn nicht unterschätzen. Er ist ein erfahrener Blattmacher und politischer Kopf. Und er wird wissen, dass Focus sich Deutungsmacht bei den bürgerlichen Eliten zurück erobern muss. Leitmedien können überhaupt nur über journalistische Relevanz punkten, schauen sie sich die Zeit oder den Economist oder die FAS an. Warum sind die so erfolgreich? Nicht weil sie Hautcremes vergleichen, sondern weil sie klassische journalistische Tugenden pflegen.

Was glauben Sie wird Jörg Quoos nun machen?
Er hat einen guten Ruf als Tatmensch und Mannschaftsspieler. Er wird ein Konzept entwickeln, eine Mannschaft zusammenstellen und loslegen wie die Feuerwehr. Die Branche kann auf seine Innovationen gespannt sein.

Wie groß ist Ihrer Einschätzung nach noch der Einfluss von Helmut Markwort auf seine Erfindung Focus? Wird er weiter als Herausgeber die Geschicke des Magazins bestimmen?
Sein Einfluss ist groß, und er wird vor Ort weiter mitbestimmen. Auch aus diesem Grund ist die Berlinstrategie richtig. So kann sich die Redaktion freier entwickeln, emanzipieren und mit Quoos neu erfinden.

Wie lange wird es den Focus noch geben?
Na hoffentlich noch sehr lange. Deutschland kann das zweite Nachrichtenmagazin gut gebrauchen, gerade in so bewegten Zeiten wie diesen. Ich wünsche den Kollegen jedenfalls alles Gute und viel Erfolg.

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