Bild, Wulff und das Nannen-Politikum

Publishing Darf man der Bild-Zeitung einen Journalistenpreis für eine investigative Leistung bei der Aufdeckung der Wulff-Affäre zuerkennen? Darüber diskutiert Medien-Deutschland im Vorfeld der Verleihung des Henri-Nannen-Preises am kommenden Freitag. Die Otto-Brenner-Stiftung veröffentlichte eine Studie, in der die Bild für nicht preiswürdig befunden wurde. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer sieht schon in der Nominierung der Bild ein “Alarmsignal”. Der Nannen-Preis wird zum Politikum.

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Die zentrale Frage lautet: Darf “man” das? Darf man ausgerechnet die Bild-Zeitung mit einem renommierten Preis in der Königsdisziplin investigativer Journalismus auszeichnen? Viele sind der Meinung: Nein, das darf man nicht. Die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung hat sogar eine Studie erstellen lassen, die herleitet, dass die Bild-Berichterstattung, die letztlich zum Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff führte, nicht preiswürdig ist. Die Argumentation: Der Bild-Bericht über Wulffs Hauskredit, der die Sache ins Rollen brachte, sei gar keine originär journalistische Leistung, sondern eine Art Nebenprodukt der zuvor zelebrierten, jahrelangen Hofberichterstattung der Bild über Christian Wulff.

Für die Grünen-Politikerin und ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, ist schob die Nominierung der Bild für den Nannen-Preis ein “Alarmsignal”, wie sie in der Frankfurter Rundschau schreibt (deren früherer Chefredakteur Wolfgang Storz einer der beiden Autoren der genannten Otto-Brenner-Studie ist). Frau Vollmer meint, dass für Bild-Chef Kai Diekmann der Preis “ein Ritterschlag mit Zugang zur Artus-Runde” wäre. Mit “Artus-Runde” meint sie wahrscheinlich jenen Club der etablierten Qualitäts-Printmedien, die sich beim Henri-Nannen-Preis seit Jahren gegenseitig die Auszeichnungen zubilligen und sich dabei der eigenen Bedeutung und Großartigkeit versichern.

Ein Blatt wie Bild würde da nur stören. Die Vorstellung, dass die Bild-Leute auf Augenhöhe mit den Top-Journalisten von Zeit, Spiegel, Geo und Süddeutscher angekommen sind, ist für manche unerträglich. Das ist ein bisschen wie der vorbestrafte, ungeliebte entfernte Verwandte, der nun auf Bewährung draußen ist, sich in einen schlecht sitzenden Leih-Smoking gezwängt hat und jetzt auch mal bei der Familienfeier vom feinen Porzellan essen will. Eigentlich will man den Rüpel nicht dabei haben aber er gehört nunmal zur Familie, bzw. zur Branche. Die Nannen-Jury war da in einer Zwickmühle. Gewiss hat man es sich dort nicht leicht gemacht mit der Entscheidung, die Bild zu nominieren.

Wie kolportiert wird, gab es hinter den Kulissen durchaus Versuche, die Nominierung des Schmuddelkinds an Formalien scheitern zu lassen. So gab es wohl eine Diskussion, ob die Bild-Berichterstattung wegen der Fristen überhaupt für die diesjährige Preisverleihung eingereicht werden kann. Ein Großteil der Wulff-Berichte erschien 2012, die Nominierungen beziehen sich aber auf Veröffentlichungen im Jahr 2011. Der erste Bild-Bericht zu Wulffs Privatkredit erschien allerdings schon Ende 2011. Außerdem sei moniert worden, dass die Bild kein Rechercheprotokoll eingereicht habe, was die Zeitung allerdings prompt nachlieferte.

Hätte die Nannen-Jury die Bild-Berichterstattung aber nicht nominiert, so die Sorge in Hamburg, hätte Bild-Chef Kai Diekmann dies womöglich wieder Gelegenheit gegeben, sich als Opfer eines Meinungs-Kartells der selbsternannten Qualitätshüter zu stilisieren. Man erinnert sich in Medienkreisen noch lebhaft, wie Diekmann die Verleihung des Journalisten-Preises des medium magazins mit einer beißenden Büttenrede verspottete, weil die Süddeutsche Zeitung für eine Enthüllung in der Kundus-Affäre geehrt wurde, die Diekmanns Ansicht nach der Bild zugestanden hätte. Sowas will man ja auch nicht haben in diesen honorigen Kreisen. Zumal nach der ganzen Aufregung um die Aberkennung des Reportage-Preises vom vergangenen Jahr.

Also wählte die Nannen-Jury den Weg des vermeintlich geringsten Widerstands: Die Bild-Zeitung wurde nominiert, das bisschen Gemaule im Vorfeld dürfte schon auszuhalten ein. Damit hat man seine Unabhängigkeit dokumentiert. Dass die Bild den Preis tatsächlich am kommenden Freitag erhält, darf dagegen als sehr unwahrscheinlich gelten. Mehr denn je ist die Verleihung des Henri-Nannen-Preises auch ein Politikum. Ob das eine gute Entwicklung ist, sei dahingestellt.

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