„Berlin hat eine fantastische Dynamik“

Publishing Stefan Glänzer ist einer der erfahrensten und artikuliertesten deutschen Start-up-Investoren. Er war Mitgründer der Auktionsplattform Ricardo und erster Investor des Musikdienstes Last.fm, das 2007 für 280 Millionen Dollar an CBS ging. Glänzer lebt in London und hat mit zwei Partnern im vergangenen Jahr den Frühphasenfonds Passion Capital gegründet. Die Debatte um deutsche Start-up-Klone sieht er entspannt. Seine These: Durch Klonen schließen die deutschen Gründer zur Weltspitze auf.

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Stefan Glänzer sitzt entspannt im Soho-Club Berlin und trinkt eine Cola. Etwa alle sechs Wochen kommt er aus London in die deutsche Hauptstadt, um sich mit der aufstrebenden deutschen Start-up-Szene zu beschäftigen. Sein Frühphasenfonds Passion Capital, den er im vergangenen Jahr mit Eileen Burbidge (u.a. Yahoo, Skype) und Robert Dighero (QXL Tradus) gründete, legte gerade eine erste Leistungsbilanz vor: 20 Start-ups wurden mit insgesamt ca. 50 Millionen Euro finanziert, darunter Mendeley, Readmill, Eyeem und Flattr. 

Glänzer sagt: "Es ist einfacher, seine Ehefrau loszuwerden als einen Investor." Darum sollten Gründer genau prüfen, mit welchem Geldgeber sie gemeinsame Sache machen wollen. Glänzers Ziel ist es, aus Europa heraus innovative digitale Geschäftsmodelle zu erfinden. Denn hier bestehe noch Nachholbedarf gegenüber amerikanischen Internet-Unternehmen. Die Chancen stünden gut – mit den Epizentren London und Berlin verfüge Europa über zwei funktionierende digitale "Ökosysteme". Für den Start-up-Standort Europa trommelt Glänzer auch regelmäßig auf Branchenevents, zuletzt auf der Heureka-Konferenz von Gründerszene und der Next-Conference von SinnerSchrader.

Doch auch das Klonen von funktionierenden Geschäftsmodellen, durch das vor allem Rocket Internet groß geworden ist, hat für Glänzer einen durchaus positiven Effekt – so schlössen die deutschen Gründer zur Weltspitze auf und könnten mittelfristig ihre eigenen Innovationen entwickeln. Passion Capital tickt allerdings etwas anders – weder beschäftigen Glänzer und seine Partner PR-Agenturen, noch üben sie sich in dem branchenüblichen Businesssprech. Und Passion ist transparent – das durchschnittliche Gehalt eines Gründers liegt bei 32.767 britischen Pfund im Monat, 98 Prozent der Gründer sind Männer.

Sie haben das Internetradio Last.fm mit aufgebaut und später an CBS verkauft. Heute gibt es Streamingdienste wie Spotify und Rdio, die den Ton angeben. Was halten Sie von diesen neuen Modellen?
Ich finde diese Services fantastisch. Obwohl ich eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre, zahle ich wieder Geld in die Musikbranche ein – als Nutzer. 13 Jahre nach Napster gibt es also die Hoffnung, dass ein funktionierendes digitales Geschäftsmodell in der Musikbranche entsteht.

Noch sind in Deutschland einige Fragen mit der Verwertungsgesellschaft GEMA ungeklärt. Ist das Urheberrecht, wie wir es kennen, überholt und gehört abgeschafft?
Abgeschafft gehört das Urheberrecht sicherlich nicht. Aber grundlegend reformiert. Es macht keinen Sinn, Gesetze aufrecht zu erhalten, die Nutzer in die Illegalität treiben. Wir brauchen neue Geschäftsmodelle – und dann könnte auch der Kuchen der Industrie insgesamt wachsen.

Verfolgen Sie aus London die Debatte um das Wesen und Wirken der Piratenpartei?
Nicht allzu intensiv. Aber Deutschland ist hier in einer globalen Vorreiterrolle. Das ist das erste Mal, dass Internetgedanken in die große Politik getragen werden. Das ist vergleichbar mit der Grünen-Bewegung Ende der 70er, Anfang der 80er. Endlich stehen digitale Themen damit auf der Agenda. Alles was analog war, wird digital. Darum ist diese Entwicklung so wichtig.

Sie haben auch in Flattr investiert, mit dem "social payment", also freiwilliges Bezahlen für digitale Inhalte, möglich ist. In der deutschen Verlagsbranche nutzt das bisher maßgeblich die taz, doch die Einnahmen stagnieren offenbar.  
Flattr ist kein Modell, das adhoc durch die Decke schießt. Aber wir sehen sehr schöne organische Zuwächse, via longtail, weltweit. Die vor einigen Tagen gestartete Integration in Dailymotion, der zweitgrößten Videoplattform der Welt, läuft sensationell an und zeigt neue Möglichkeiten für Inhalteproduzenten und Plattformbetreiber. Flattr funktioniert ja wie ein Like-Button mit Geld. Und so etwas braucht seine Zeit. 2003 wußte auch kaum jemand, was Blogs eigentlich sind. Gut Ding will Weile haben. Und die Bereitschaft der Menschen, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben bei Gefallen, ist in ihrer DNA.

Neben der Revolutionierung der Musikbranche – wo sehen Sie andere Felder, die sich in der Digitalisierung radikal ändern?
Beispielsweise in der akademischen Welt. Nehmen Sie Mendeley, ein akademisches Recherchetool und Netzwerk für Veröffentlichungen, das ich als Investor mit gegründet habe. Das Geschäftsfeld für akademische Veröffentlichungen in den Feldern Science, Technology und Medicine (STM) ist 26 Milliarden Dollar schwer. Mit zehn Jahren Verspätung halten auch hier disruptive Modelle Einzug.

Sie sind ein Vorkämpfer für die europäische Internetwirtschaft. Zurzeit schwärmen alle Gründer von Berlin. Hat diese Begeisterung auch Substanz?
Absolut. Die Branche hat sich seit den Zeiten der New Economy, in der ich mit Ricardo unterwegs war, deutlich verändert. Heute haben wir zwei funktionierende digitale Ökosysteme in Europa, Berlin Mitte und London Shoreditch. Berlin ist noch unerfahrener, hat aber eine fantastische Dynamik und wird zunehmend internationaler. In London kommt noch dazu, das wesentlich mehr digitale Erfolge in den vergangenen zehn Jahren geschaffen wurden, etwa Skype, Betfair, Spotify, Wonga, Moshimonster, Last.fm, Bebo, Lastminute, QXLtradus, etc. Und das macht vor allem den Investorenpart im Ökosystem Europa unvergleichbar.

Und dennoch bleiben die USA unübertroffen, wenn Facebook für ein Start-up ohne Geschäftsmodell wie Instagram eine Milliarde Dollar bezahlt.
Dort ist alles extremer. Aber: Facebook hatte 2006 ein Kaufangebot von Yahoo über eine Milliarde Dollar abgelehnt. Damals hatte Facebook ebenfalls keine Umsätze vorzuweisen. Instagram wächst wahnsinnig schnell, da wirken echte Netzwerkeffekte. Und aus diesen Effekten ergibt sich meistens eine Monetarisierung. Skype ist dafür das bekannteste Beispiel.

Wer also einen Deal wie Instagram als Wahnsinn bezeichnet, denkt zu kurzfristig?
Ein solcher Deal ist vor allem wahnsinnig riskant. Es kann sein, dass der Netzwerkeffekt jetzt stoppt. Dann hat Facebook zu viel gezahlt. Es kann aber auch sein, dass Instagram ein mobiles Facebook geworden wäre. Dann hat Zuckerberg alles richtig gemacht. Beispiel YouTube: Das wird in ein paar Jahren so rentabel sein, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Sie haben mit zwei Partnern im vergangenen Jahr Passion Capital gegründet, einen Frühphasenfonds. Wie entwickelt sich der?
Wir waren sehr aktiv und haben in 20 Start-ups investiert, die sich alle in einer ganz frühen Phase befinden und sehr innovativ sind – also keine Kopien von bereits bestehenden Geschäftsmodellen sind. Dahinter stehen 42 Gründer und 209 Angestellte, die wir mit 50 Millionen Euro unterstützt haben. Das größte Investment in der Seed Stage lag bei 350.000 Pfund, das kleinste bei 15.000. Im ersten Jahr haben wir über 1.500 Businesspläne zugeschickt bekommen.

Deutschland ist ja das Land der Start-up-Kopisten. Insbesondere Rocket Internet, der Inkubator der Samwer-Brüder, genießt in dieser Beziehung einen schlechten Ruf. Wie bewerten Sie diese Klon-Debatte?
Das ist alles Quatsch mit Soße. Die Japaner haben auch nicht das Auto erfunden, sie haben es erstmal nachgebaut und dann ihre eigenen Innovationen draufgesetzt. Das hat hervorragend funktioniert. In der Internetwirtschaft sehe ich nun auch Tendenzen, dass Deutschland durch das Kopieren bestehender Modelle zur Weltspitze aufschließt, um dann eigene Innovationen hervorzubringen. Dann können in Deutschland langfristige Geschäftsmodelle entstehen, die auf der Buy-Seite sind, und nicht nur auf der Sell-Seite wie bisher. Denn das ist uns in Europa bisher nicht gelungen – ein wirklich großes und beständiges Internet-Unternehmen aufzubauen. Die größten Erfolge sind alle Exits. 

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