Studie: Bild-Recherche nicht preiswürdig

Publishing "Wer Bild im Fall Wulff für guten Journalismus lobt, muss Stalker für ihre Treue, Schwarzfahrer für umweltfreundliches Verkehrsverhalten und Schmuggler für das Überwinden von Grenzen auszeichnen." Zu dieser Feststellung kommen Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz in ihrer Studie "Bild und Wulff - Ziemlich beste Partner". Bevor Bild zu einem kritischen Journalismus übergegangen sei, habe zu Wulff eine "seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung" bestanden. Einen Preis habe Bild nicht verdient.

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Die Untersuchung der Wulff-Berichterstattung über den Verlauf von sechs Jahren entstand im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto Brenner Stiftung (OBS). Die Autoren – Wolfgang Storz war Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, Arlt Kommunikationschef beim DGB – hatten bereits mit einer anderen Studie die Bild unter die Lupe genommen. In der hatten sie dargelegt, dass Bild weniger ein journalistisches Medium sei, sondern vielmehr ein Geschäftsmodell mit dem Nebenprodukt Journalismus.

Diese These greifen die Autoren in der neuen Analyse auf. Sie schreiben über die Wulff-Berichterstattung: "Was als Enthüllungsjournalismus erscheint, ist die Nebentätigkeit einer substanziell nichtjournalistischen Arbeitsweise." Fast sechs Jahre habe Bild gute PR für den Politiker in Form von Unterhaltungsjournalismus gemacht. Mit den Erkenntnissen über den Wulff´schen Hauskredit habe sich aber in kurzer Zeit die "Geschäftsgrundlage" zwischen der Zeitung und dem Politiker verändert. An einem Tag im Dezember habe sich Bild darum "erstens vom Jubler in einen Journalisten verwandelt, der mit – gespielter – Distanz über Wirbel um Wulff berichtet und der zweitens die Rolle des Akteurs übernimmt, der den Wirbel auslöst." 

Die Bild-Macher hätten schnell verstanden, dass die Enthüllungen über Wulff eine künftige Wohlfühl-Berichterstattung über den Politiker und seine Frau Bettina unmöglich gemacht hätte. Darum sei das Blatt als erstes Medium mit den Enthüllungen an die Öffentlichkeit gegangen, aber darum habe sie auch distanzierter als sonst üblich über den Fall berichtet, um die Kehrtwende in der Berichterstattung nicht zu radikal aussehen zu lassen. Bild über Wulff ab Mitte Dezember 2011 – das sei "Journalismus als Notwehr" gewesen.

Wulffs Drohungen auf der Mailbox von Bild-Chef Kai Diekmann seien darum auch nicht als Angriff auf die Pressefreiheit zu verstehen. Wulff habe den raschen Wandel des bisherigen Partners Bild vom PR-Dienstleister zum Aufklärer aber offenbar nicht realisiert – und darum die mehr als unbedachten Worte an den Diekmann´schen Anrufbeantworter gerichtet.

Was ist von der Analyse zu halten? Dass Bild den Politiker über viele Jahre hofiert und ausnehmend freundlich behandelt hat, ist nicht neu und überrascht darum auch nicht sonderlich. Storz und Arlt belegen diese Behauptung nun anhand einer Auswertung von mehr als 1.500 Meldungen, die sie aus dem Onlineportal bild.de gefischt haben. Die Kardinalfrage ist dagegen: Wird die Berichterstattung der Bild über den Fall Wulff ab Mitte Dezember 2011 dadurch entwertet, dass zuvor viele Jahre lang in der Regel Jubelgeschichten über den Politiker veröffentlicht wurden? Die These und ihre Herleitung durch die beiden Autoren hat gewiss Charme, aber: Selbst wenn kritische Berichterstattung aus reinem Kalkül erfolgt, wird sie damit wertlos? Und, noch etwas ketzerischer gefragt: Braucht kritischer Journalismus eine Haltung? 

Alle Lehrbücher bejahen diese Frage, auch Arlt und Storz sehen das (natürlich) so. Und raten daher eindringlich davon, der Bild für ihre Berichterstattung auch noch einen Preis zu verleihen. Den könnte das Blatt am Freitag bekommen, denn Bild ist für einen Nannen-Preis in der Kategorie "Investigation" nomiert, namentlich die Redakteure Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. Sie treten gegen Journalisten der Süddeutschen Zeitung und des Spiegel an. Strittig ist derweil noch, ob Bild überhaupt dieses Jahr ausgezeichnet werden dürfte. Denn große Teile der Berichterstattung über die Wulff-Affäre erschienen erst in diesem Jahr – und damit außerhalb des zeitlichen Fensters, der für den Nannen-Preis gesetzt wurde.

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