Spiegel entdeckt Generation „Gefällt mir“

Immerhin das Timing stimmt: Der seit Jahren erwartete Börsengang kommt in der nächsten Woche – da lag es eigentlich nahe, dass sich der Spiegel einmal an eine kritische Betrachtung des Phänomens Facebook macht. Doch falsch gedacht: Das Mega-IPO ist nur ein Randthema. Im Kern geht es in der Titelgeschichte des Spiegel um das Erwachsenwerden der ersten Generation, die mit Facebook aufwuchs. "Die Jugend, so scheint es, bekommt die Sache allmählich in den Griff", so die wenig aufregende Erkenntnis.

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Das Timing stimmte: Der seit Jahren erwartete Börsengang kommt in der nächsten Woche – da lag es eigentlich nahe, dass sich der Spiegel einmal an eine kritische Betrachtung des Phänomens Facebook macht. Doch falsch gedacht: Das Mega-IPO ist nur ein Randthema. Im Kern geht es in der neuen Titelgeschichte des Spiegel um das Erwachsenwerden der ersten Generation, die mit Facebook aufwuchs. "Die Jugend, so scheint es, bekommt die Sache allmählich in den Griff", so die wenig aufregende Erkenntnis.

Zwölf Tage noch – dann wird Geschichte geschrieben: Facebook geht an die Börse. Der Spiegel hat eine Titelgeschichte über das weltgrößte soziale Netzwerk nun pünktlich bereits aufgeschrieben – wenn auch ganz anders. Eine Coverstory  über den kommenden Börsengang von Facebook, der mit Abstand größte, den ein Internet-Unternehmen je hingelegt hat, ist es nämlich überraschenderweise nicht geworden.
Dabei gäbe es darüber einiges zu schreiben: Die Quartalszahlen, die das soziale Netzwerk unlängst vor dem Monster-IPO, das Facebook bis zu 14 Milliarden Dollar in die Kasse spülen dürfte, waren so dürftig, dass die Vorlage für die der notorisch internet-kritischen Spiegel-Print-Redakteure eigentlich größer nicht sein konnte.

Keine Titelstory über den Börsengang

Im neuen Spiegel geht es darum jedoch nur am Rande – nämlich im Artikel "In einer anderen Liga" auf einer gesonderten Seite.  Die Titelgeschichte versucht unterdessen das Phänomen Facebook eher soziologisch zu erklären: "901 Millionen Menschen gefällt das", ist auf dem neuen Heftcover zu lesen: "Warum eigentlich?" fragen sich die Hamburger.
Der Aufmacher des 12-Seiters verengt den Fokus dann auf die Teenager, die mit Facebook groß geworden sind: "Kaum ein Jugendlicher kommt mehr ohne Facebook durchs Leben. Manche Eltern melden schon Neugeborene an. Gelingt dem Datensammler-Konzern die freundliche Übernahme einer ganzen Generation?" So oder so ähnliche Teaser-Texte hätten auch im Stern oder, besser noch, in Neon stehen können.
Facebook-Plattitüden aus 2011, 2010 oder 2009

Inhaltlich liest sich das dann so: "Facebook ist eine Schaubühne" – nun ja, nicht ganz neu.  "Likes sind die neue Währung der Aufmerksamkeit. Sie verkörpern sichtbar für alle Zuspruch, Status und Begehrlichkeit" – ja, klar.  "Facebook ist eher das Medium für das, was alle angeht. Eine Art Radio, das in die große Runde funkt"  – ähem, ja, so ist das wohl.  

So beschreibt der Spiegel seinen Lesern seitenlang Funktionalität und Wirkung des weltgrößten sozialen Netzwerks – Feststellungen, die nach 2011, 2010 oder gar 2009 klingen. Die Erkenntnis des Frühlings 2012 verengt auf die Jugend von heute? Die Facebook-Teens wären nach Jahren in den sozialen Netzwerken in ihrem Umgang durchaus reifer geworden.
 
"Facebook ist nicht mehr das Refugium des unbehelligten Herumhängens", glaubt das Autoren-Trio Dworschak, Rosenbach und Schmundt.  "Gerade noch galt Facebook als Rummelplatz der Freizügigkeit und der Selbstentblößung. Und nun rasseln allenthalben die Rollläden herunter". Ist das wirklich so?

Zahme Titelstory über die Facebook-Jugend

Wie auch immer. Der Spiegel beleuchtet zudem die Wirkung des allmächtigen Netzwerks auf die soziale Entwicklung der Jugendlichen, die dank Facebook "ein Leben führen, wie es auch der Urmensch kannte, der noch durch die Steppen zog: fast immer in Reichweite der Horde". Always on, verfügbar im Chatroom – die Angst, etwas zu verpassen, ist der ständige Begleiter.  "Facebook ist die Warte, von der die Welt aus betrachtet wird".

All das ist sicher so richtig, wie es aber bereits unzählige Male erzählt worden ist. Anders als in anderen Internet-Titelgeschichten schwingt sich das Hamburger Nachrichtenmagazinen nicht zu steilen Thesen auf, wie noch vor knapp einem halben Jahr, als der Spiegel Apple nach dem Tod von Steve Jobs allen Ernstes in eine Reihe mit MySpace oder Lycos stellen wollte. Der Rest der Geschichte ist bekannt – Apple gewann in den kommenden Monaten mehr als 50 Prozent oder 200 Milliarden Dollar an Börsenwert.

Vielleicht war die Angst vor einer erneuten Blamage einfach zu groß, vielleicht ist der Anspruch aber auch einfach vermessen, vom Spiegel in seinen Internet-Heftgeschichten irgendetwas Neues zu erwarten. Den regelmäßig informierten Internet-Leser dürfte daher auch diese Coverstory über Facebook am Vorabend des größten Internet-Börsengangs aller Zeiten eher mit Enttäuschung zurücklassen.

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