“Gottschalk Live”: das Versagen der ARD

Fernsehen Das wenig überraschende frühe Ende von “Gottschalk Live” hat sich Moderator Thomas Gottschalk in allererster Linie selbst zuzuschreiben. Er stand mit seinem Namen für das missratene Konzept der Sendung. Aber auch die ARD hat entscheidende Fehler gemacht. Das Debakel von “Gottschalk Live” wirft erneut ein Schlaglicht auf die Missstände in dem Senderverbund: Eitelkeiten, Intrigen und Proporzdenken machen eine vernünftige Programmplanung bisweilen unmöglich.

Werbeanzeige

Natürlich war es Thomas Gottschalk, der dachte, dass er da eine Idee für eine Show hat. Er hatte sich persönlich die Sache mit der Redaktion im Studio und der Facebook-Integration und dem Wohnzimmer ausgedacht. Dass das alles als Konzept nicht tragfähig war, hätte man vorher sehen und wissen können. Aber das Dilemma mit einem wie Gottschalk ist wahrscheinlich, dass er in seiner Position als “Wetten dass..?”-Show-Titan Niemanden um sich hat, der ihm ehrlich die Meinung sagt. Und wenn es einer tun würde, würde Gottschalk es vermutlich nicht hören wollen. Es ist eine alte Krankheit, sich mit Ja-Sagern zu umgeben, die viele Leute in Spitzenpositionen befällt.

Aber auf der anderen Seite gab es auch die ARD mit ihren Intendanten und ihrem Programmdirektor Volker Herres, die mehr als nur ein Scherflein zur “Gottschalk Live”-Pleite beigetragen haben. Das Fiasko mit “Gottschalk Live” begann nämlich eigentlich nicht mit der Verpflichtung von Thomas Gottschalk, sondern mit der von Günther Jauch. Weil die ARD Jauch unbedingt für den Sonntagabend-Talk wollte, wurde das gesamte Programmkonzept des Ersten über den Haufen geworfen. Und weil kein Sender eine seiner Talkrunden aufgeben wollte, wurde eben auf jeden Tag von Sonntag bis Donnerstag eine spätabendliche Talkshow platziert. Auch hier hätte einem der gesunde Menschenverstand schon vorab sagen können: keine gute Idee.

Dann ergab es sich, dass Thomas Gottschalk, der mit “Wetten dass..?” aufhörte, mit der etwas seltsamen Idee schwanger ging, eine neue, tagesaktuelle Live-Show zu machen. Ganz modern, nie dagewesen, mit Zuschauer-Integration übers Internet und Redaktion im Studio usw. Eigentlich wäre so ein Format, wenn überhaupt, am späten Abend ganz gut platziert, aber da hatte die ARD halt schon alles mit Talkshows zugepflastert. Trotzdem wollte man sich gerne auch noch die Trophäe Gottschalk ans Revers heften. Die ARD-Bosse bekamen den Hals nicht voll genug. Gottschalk selbst war auch nicht glücklich mit dem Sendeplatz am Vorabend – nahm aber was er kriegen konnte um seine Idee in die Tat umzusetzen.

Vor allem die ARD-Vorsitzende Monika Piel schien von der Idee begeistert, den Moderator dem ZDF abzuwerben. Beim ZDF hatte man aus der Nachfolge-Diskussion für Gottschalk bei “Wetten dass..?” ein ganz eigenes Kuddelmuddel veranstaltet und keinen Sinn für Gottschalks Egotrip und ließ ihn ziehen. Das Fernseh-Unheil nahm seinen Lauf. Gottschalk war berauscht von sich und seiner vermeintlichen Show-Idee. Die ARD war berauscht, nach Jauch schon wieder einen Big Head aus der Branche an Land gezogen zu haben. Die Produktionsfirma Grundy Light Entertainment war berauscht, dass der große Gottschalk sie erwählt hatte. Alle waren irgendwie berauscht, der Verstand wurde kollektiv ausgeknipst.

Als die erste “Gottschalk Live”-Sendung dann am 23. Januar über den Sender lief, war das Erstaunen groß. Die Sender-Verantwortlichen bei der ARD hatten es tatsächlich geschafft, das ohnehin mangelhafte Konzept noch weiter zu verhunzen. Die Sendung wurde mit zahlreichen Werbe- und Wettereinblendungen förmlich zerhackt. Es schien, als habe niemand vorher das Konzept kritisch hinterfragt, als habe es keine Testsendungen gegeben. Vor laufenden Kameras wurde man Zeuge, wie Thomas Gottschalk vor sich hin dilettierte und die Quoten stürzten bekanntermaßen ins Bodenlose.

Dann wurde der frühere Tempo-Chefredakteur und “Beckmann”-Redaktionsleiter Markus Peichl als Troubleshooter engagiert. Der machte aus dem “Gottschalk Live”-Verhau Schritt für Schritt eine x-beliebige Mini-Talkshow mit lustigen YouTube-Einsprengseln im Stile von „Upps – die Pannenshow“ und Standard-Studio. Das war dann alles nicht mehr ganz so fahrig und unprofessionell anzuschauen aber auch weit, weit weg von gutem Fernsehen. Sobald abzusehen war, dass die Show unterging (und das war schnell abzusehen), gab es in Intendanten -und sonstigen ARD-Führungskreisen die üblichen Cover-your-ass-Manöver. Schnell war WDR-Chefin Monika Piel als Gottschalk-Befürworterin als “Schuldige” ausgemacht. ARD-Programmdirektor Volker Herres sonderte scheinheilige Solidaritätsbekundungen ab, aus Intendanten-Konferenzen wurden munter Internas an die Presse durchgestochen. Da waren sie wieder, die Gremien-Gremlins (O-Ton Günther Jauch) im Intrigantenstadl ARD. So fällt es auch nicht sonderlich schwer, sich vorzustellen aus welcher Ecke die Meldung zum Spiegel durchgestochen wurde, dass das Erste wegen “Gottschalk Live” im Marktanteils-Ranking nach unten zu rutschen droht.

Keine Frage: Schuld am Debakel von “Gottschalk Live” war in allererster Linie der Namensgeber der Sendung selbst. Aber auch die ARD hat alles in ihrer Macht stehende dafür getan, dass diese Sendung so schnell und konsequent scheiterte.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige