“Nicht alles berichten, was Breivik sagt”

Publishing Wie geht man als Nachrichtenmedium mit dem Prozess gegen den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik um? Abseits großer Schlagzeilen geht auch die Presse selbst dieser Frage nach. Man scheint sich einig: Totschweigen kann man die Ideologie und die Gräueltaten des Islamhassers nicht. Aber es sei ein schmaler Grat zwischen Sensationsgier und Informationsbedürfnis. Dabei sei jeder Einzelne gefragt: sowohl Journalisten als auch die Leser selbst. Ein Überblick über das Medienecho zum Prozess.

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Klaus Hillenbrand auf taz.de: "Es mag für die norwegische Gesellschaft schmerzhaft und für die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen furchtbar sein, den Tiraden Breiviks zuhören zu müssen. Aber es führt kein rechtstaatlicher Weg daran vorbei. Etwas ganz anderes ist es, was die Medien aus dieser Öffentlichkeit des Gerichts machen. Und das gibt es natürlich auch diejenigen, die angesichts des Verbrechens glauben, ihre Leser mit besonders ekelhaften Zitaten im Fettdruck bedienen zu sollen, weil das Verbreitung und Auflage steigern könnte. Aber alleine deswegen auf die Idee zu verfallen, die Berichterstattung als solche nun eindämmen zu wollen, ist ein Trugschluss. "

Albrecht Breitschuh auf tagesschau.de: "Im Sinne der juristischen Aufarbeitung ist es nötig, die Ereignisse des 22. Juli noch einmal akribisch zu rekonstruieren. Für die Medien gilt das nicht. Sie müssen nicht über alles berichten, schon gar nicht über alles, was Breivik so von sich gibt. Der wolle, so sagte ein Prozessbeobachter, mit Aktionen wie dem "Tempelrittergruß" aus seiner Person ein Markenzeichen machen. Wir sollten ihn dabei nicht unterstützen."

Markus Horeld auf Zeit Online: "Wir halten es für notwendig, Breiviks verzerrtes Weltbild zu thematisieren. Dieser Mensch ist kein einsamer Irrer, auch wenn Boulevardmedien ihn gerne so darstellen. Breivik hat seine Taten akribisch geplant und ausgeführt – und zwar auf Basis einer Ideologie, die keineswegs er erfunden hat. Er musste nicht lange suchen, um Material für sein ‘Manifest’ einzusammeln. In ganz Europa sind Rassisten und Rechtspopulisten aktiv, in manchen Ländern haben sie bemerkenswerte Wahlergebnisse erzielt. In Deutschland ist ihnen das noch nicht gelungen, doch aktiv sind sie auch hier. Sie zu ignorieren, wäre ebenso gefährlich wie wenn man beschlösse, nicht mehr über Neonazis, die NPD oder die Hasspropaganda der NSU-Terroristen zu schreiben. Menschenverachtende Ideologien verschwinden nicht, indem man sie totschweigt."

Medienwissenschaftler Alexander Kissler gegenüber dpa: "Jetzt ist jeder Einzelne gefragt – Journalist wie Konsument – dem Affen in sich da nicht immer Zucker zu geben. Es wäre auch durchaus denkbar, es bei einer knappen Begleitung bewenden zu lassen und nicht jede abscheuliche Enthüllung sofort wieder zum Aufmacher zu machen."

Michael Giese für die Westfälische Nachrichten: "Das norwegische Fernsehen hat sich gestern vorübergehend aus dem Gerichtssaal verabschiedet, als der 33-jährige Attentäter sein extremistisches Weltbild zelebrierte. Ein richtiger Schritt. Doch nicht immer hilft der Knopf zum Ausschalten. Die Fakten müssen auf den Tisch – sachlich und nüchtern eingeordnet und bewertet. Dazu dienen auch Bilder – zumutbare Bilder. Das Informationsbedürfnis im Fall Breivik ist groß. Darauf deuten auch die Zugriffszahlen bei privaten Nachrichtensendern hin. Klare Berichterstattung in Wort und Bild ist Auftrag der Medien – fernab der Verbreitung von Propagandagelüsten eines Extremisten."

Hajo Schumacher in der Berliner Morgenpost: "Bei allem Respekt vor den tapferen Norwegern und ihrem besonnenen Regierungschef Stoltenberg, die sich von ihren demokratischen und liberalen Traditionen auch durch einen Breivik nicht abbringen lassen wollen, täten die Entscheider in Norwegen gut daran zu überlegen, ob die breite Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen wird aus dem Gerichtssaal. (…) Bilder allerdings oder Einlassungen in Echtzeit braucht die Welt nun wirklich nicht. Es gibt Gerichtszeichner, es gibt Protokollführer, es gibt genügend Quellen, aus denen die Öffentlichkeit sich bedienen kann. Dem Grundrecht auf Informationsfreiheit ist mithin genüge getan. Live-Show ist nicht nötig."

Gökalp Babayigit auf Sueddeutsche.de: "Eine große Bühne macht noch keinen Propheten: Dem Mann mit einer nüchternen Herangehensweise zu beweisen, dass er irrte, als er sich seinen Plan zurechtlegte, ist neben der erwarteten Verurteilung vielleicht der einzige Lichtblick an dieser Berichterstattung. Sein Name wird nicht für den Anfang einer irgendwie gearteten Bewegung gegen den Multikulturalismus stehen. Sein Name steht noch nicht einmal in diesem Text."

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