Medien und Breivik: die unlösbare Aufgabe

Publishing Der Prozess gegen den norwegischen Massenmörder Anders Breivik ist mit der auf fünf Tage anberaumten Aussage des Täters am Dienstag in die entscheidende und schwierigste Phase eingetreten. Wie sollen ein Rechtsstaat und die Medien mit einem Mann wie Breivik umgehen? Öffentlichkeit ausschließen? Ihm ein Forum für seine wirren Thesen bieten? Ein Prozess wie der gegen Breivik stellt Rechtsstaat und Medien vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe, für die es aber doch eine Lösung gibt.

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Viel wurde im Vorfeld geschrieben über den Anti-Breivik-Knopf, den die norwegischen Zeitung Dagbladet auf ihrer Website hat. Man drückt drauf und statt der nicht enden wollenen Breivik-Fotos und -Berichte taucht das sechsbeinige Baby aus Pakistan auf und alle Breivik-Berichte sind weg. Das ist natürlich keine Lösung, mit dem Thema umzugehen, sondern ein abgeschmackter Boulevard-Gag. Mindestens genauso daneben kann man es finden, dass in Deutschland Bild.de zur Breivik-Berichterstattung einen Banner gebastelt hat, der den Massenmörder in Kampfmontur wie aus einem Videospiel entsprungen zeigt. “Anders Behring Breivik – Der Prozess” steht drüber. Berichterstattungs-Dramaturgie wie bei einem Sat.1-Event-Movie.
So ist er halt, der Boulevard. Immer laut und manchmal daneben. Die allermeisten Journalisten und Medien widmen sich der nicht gerade leichten  Aufgabe, über diesen Prozess zu berichten, aber mit großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt. Die Süddeutsche veröffentlichte am Dienstag eine klassische Reportage auf der Seite 3. Staubtrocken, totnüchtern, dem Thema angemessen. Ähnliche Stücke fanden sich in anderen Medien und auch Spiegel Online informiert ausführlich ohne Sensationen heischen zu wollen.
Offenbar sind sich die Medien des Dilemmas dieses Prozesses bewusst. Natürlich wird Breivik hier eine Bühne geboten. Er kann seine Thesen verbreiten und erreicht damit genau das, wofür er seine Wahnsinnstat überhaupt erst begangen hat. Darf man das zulassen? Soll man ihm das gestatten? Man muss. Wegschauen ist keine Alternative. Das würde dann wirklich bedeuten, sich von Breivik das eigene Verhalten vorschreiben zu lassen. Die Angst würde gewinnen.
Es ist beeindruckend zu sehen, wie der Prozess bisher in Norwegen geführt wird. Am ersten Tag wurde live fürs Fernsehen aus dem Gerichtssaal gesendet. An heiklen Stellen wurde die Übertragung unterbrochen. Während der Marathon-Aussage von Breivik gibt es dagegen keine Live-TV-Bilder. Die Öffentlichkeit ist in Form der Medienvertreter trotzdem zu jeder Minute zugelassen. Für die Einlassungen Breiviks hat das norwegische Gericht ganze fünf Tage angesetzt. Das werden vor allem für die Angehörige seiner Opfer schmerzhafte Tage werden. Am am Ende ist es vielleicht möglich, mit der Tat umzugehen, mit ihr abzuschließen. Dass man Breivik sich derart ausführlich äußern lässt, ist mutig und richtig. Dass man seine Aussage nicht live überträgt, zeugt von Fingerspitzengefühl. Der Rechtsstaat zeigt hier eine Souveränität im Umgang mit dem Täter und der Tat, die man nicht immer überall und nicht immer in Gerichtssälen findet. Auch in deutschen.
Schon deshalb wirkt die Kritik deutscher Juristen am öffentlichen Verfahren inklusive der (Teil-)Liveberichterstattung aus dem Saal unlauter und deplatziert. In Deutschland wären Bilder aus dem Gerichtssaal unmöglich. Der Deutsche Anwaltvereins hatte am Montag in einer Stellungnahme erklärt, der Auftritt Breiviks sei "ein gutes Argument für das deutsche Rechtssystem". Die Bühne, die Breivik am ersten Tag geboten worden sei, wäre kaum zu vermitteln und nahezu unerträglich, so ein Sprecher. Wer sich allerdings ein Bild von der Verfahrensrealität und der Urteilsfindung machen will, braucht einen Eindruck vom Geschehen im Gerichtssaal. Dazu gehört wohl – so unerträglich es für den Moment ist – auch das Bild eines Massenkillers, der mit seinen Taten noch prahlt und keinerlei Reue zeigt. Dies ist fürchterlich, aber wahr, und um die Wahrheit geht es bei dieser Tragödie von nationalem Ausmaß.
Einem wie Breivik öffentlich den Prozess zu machen und ihm dabei keine Bühne zu bieten, das ist wahrlich eine unlösbare Aufgabe. Stattdessen konzentrieren sich Gericht und Medien hier darauf, ihre Aufgaben korrekt zu erfüllen. Ganz schlicht. Das ist, bei aller Trauer über das Geschehene und ganz egal, wieviel der Täter vor Gericht reden darf, eine gute Nachricht für jede freie Gesellschaft. Und zum Glück eine schlechte für einen wie Anders Breivik.

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