Die Furcht vor der Breivik-Medienshow

Fernsehen Wie geht man mit einem Attentäter um, der ein Land ins größte Drama seiner Nachkriegsgeschichte stürzte? Anders Behring Breivik tötete 77 Menschen und verletzte viele schwer. Die norwegische Justiz entschied sich für die größtmögliche Transparenz - mit all ihren Nachteilen. Während die Norweger längst Breivik-müde sind, wird der Fall nun über Wochen von Medien in aller Welt neu aufgerollt. Über tausend Journalisten sind akkrediert beim Prozess, der zur Breivik-Show zu entarten droht.

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"Terror ist Theater." So beschrieb Breivik den Massenmord an 77 Menschen im Sommer 2011. Nach zwei psychologischen Gutachten – die ihn zunächst für geisteskrank, dann für voll schuldfähig befanden – will der 33-Jährige seit Montag offenbar die Chance nutzen, sich global zu inszenieren. Norwegen erwartet einen Mammut-Prozess, den größten der Nachkriegsgeschichte. Doch der Prozess gegen Breivik ist zugleich ein Medienevent unvergleichlichen Ausmaßes. Tausende Journalisten aus aller Welt sind angereist, die Sicherheitsvorkehrungen und Umbauten im Gerichtssaal und den weiteren für Prozessbeobachter hergerichteten Räumen kosten Norwegen Millionen.

Ein Prozess, verteilt auf 17 Gerichtssäle. Weil die Ermordeten auf der Ferieninsel Utoya aus dem ganzen Land stammten, sollen deren Angehörigen die Möglichkeit haben, den Prozess zu verfolgen. So wird das Geschehen von Saal 250 im Osloer Amtsgericht in 16 weitere Gerichtssäle gestreamt.

Zahlreiche Überlebende und Angehörige der Opfer treten in dem auf zehn Wochen angesetzten Prozess als Nebenkläger auf, vertreten von 162 Anwälten. Ingesamt rund 1400 Medienvertreter verwandeln die Osloer Innenstadt in eine Bühne. CCN, BBC und deutsche Sender haben ihre Übertragungswagen vor dem Gerichtsgebäude geparkt. Auch das chinesische Staatsfernsehen ist dabei. Wegen des hohen medialen Interesses wurde der Gerichtssaal für über vier Millionen Euro umgebaut. Die Kosten für den gesamten Prozess werden auf rund 13 Millionen Euro taxiert.

Über jedes einzelne Opfer und die Details der Detonation der 950 Kilogramm schweren Autobombe, die im Osloer Regierungsviertel detonierte, soll akribisch gesprochen werden. Während die Weltpresse den Prozess mit hohem Interesse zu verfolgen scheint, bedeutet das Verfahren für die Norweger eine weitere Tortur mit Einzelheiten zum größten Drama der norwegischen Nachkriegsgeschichte. Allein die Anklageverlesung wurde auf vier Stunden angesetzt. Dass sich selbst die Anwaltscrew von Brevik wie Stars einer US-Anwaltsserie in Szene setzte, verwundert da kaum noch.

Viele Norweger haben das Thema Breivik mittlerweile satt. Kein Wunder: Seit dem 22. Juli 2011, dem Tag des Massakers, sind die norwegischen Medien voll von Details über Breiviks Gräueltat. Laut einer Umfrage erwarten sie keinerlei neue Informationen von dem mehrwöchigen Prozess. Dafür spricht auch die Tatsache, dass von 139 freien Tickets für den ersten Verhandlungstag nur 50 verteilt wurden. Laut einer Umfrage der Zeitung Aftenposten wollen 68 Prozent der Norweger nichts mehr über Breivik hören. Sie halten den Medienrummel um ihn und seine Taten für übertrieben.

Das Dagbladet weiß um die Müdigkeit ihrer Landsleute. Die große norwegische Tageszeitung berichtet auf ihrer Webseite umfassend mit mehreren Livestreams über den Prozess, hat aber für vom Prozess genervte einen “Breivik-Button” installiert. Wird dieser Knopf gedrückt, verschwinden alle Breivik-News von der Webseite.

Doch außerhalb von Norwegen ist man für den Prozess des Jahres bestens gerüstet. Ein Livestream überträgt jede Einzelheit des Gerichts in englischer Sprache ins Netz. Live-Ticker analysieren minütlich das Geschehen. Ob CNN, BBC oder die New York Times: Der 33-Jährige bestimmt die Titelseiten. Jede Regung des Massenmörders wird akribisch auseinandergepflückt. Das dürfte sich den kommenden Tagen und Wochen auch nicht ändern. Für Norwegen, bekannt Hüter der Menschrechte und Verleiher der Nobelpreise, geht es ums Prinzip. Man will sich transparent und rechtsstaatlich geben. Um jeden Preis.

Was das schlussendlich heißt, lässt sich noch schwer absehen. "Der Angeklagte hat erhebliche Verbrechen begangen, mit der wir in unserer Zeit keinerlei Erfahrung haben", sagte die Staatsanwältin am ersten Verhandlungstag. Das dürfte auch auf Norwegens Premier Jens Stoltenberg zutreffen. "Für die Opfer ist es besser, wenn er für zurechnungsfähig erklärt wird", erklärte er in einer Talkshow (Übersetzung: Spiegel Online). Kritiker sahen darin eine versuchte Einflussnahme auf die Entscheidung des Gerichts. Der Regierungschef präzisierte, dass es ihm bei seiner Aussage um die Hinterbliebenen der Opfer ging.

Für die direkt von den Bluttaten Betroffenen wird es schwer werden zu ertragen, wie sich der Angeklagte mit seinen Gewaltphantasien und seinem Fremdenhass vor Gericht und Medienöffentlichkeit zu inszenieren versucht. Schon die geballte Faust im Sitzungssaal und die Erklärung, er habe in "Notwehr" gehandelt, nahmen viele mit Bestürzung auf. Notwehr in Form von gezielten Kopfschüssen auf wehrlose Teenager: In Breiviks Weltbild scheinen alle humanen Grundsätze ausradiert.
Nun fürchten Kritiker des auf Wochen angesetzten Verfahrens, dass der Attentäter das demokratische Verfahren als Bühne für seine Hasspredigten nutzt und dass die Medien diese – unfreiwillig –  in die ganze Welt transportieren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung verweist in einem sehr lesenswerten Beitrag zum Prozessbeginn darauf, dass die norwegischen Medien in den vergangenen Monaten "den stets um Aufmerksamkeit heischenden Attentäter so oft auf ihren Titelseiten gezeigt haben, dass es ihm geschmeichelt haben muss."
Wie verhindert man also, dass der Mordprozess zur Breivik-Show gerät – in den Redaktionen wird man sich auch mit dieser Frage intensiv beschäftigen müssen.

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