Ist Facebook nicht mehr cool genug?

Ein Kauf, zwei Meinungen: Während Branchenexperten Mark Zuckerberg für seine Entschlossenheit beglückwünschen, sind im Netz entsetzte Reaktionen über Facebooks Zukauf von Instagram zu lesen. "Bitte Facebook, mach Instagram nicht kaputt", sorgt sich etwa die Netz-Postille Mashable, während Instagram-User in Angst vor dem Umgang mit ihren Daten Accounts löschen. Die reservierte Reaktion wirft vor allem eine Frage auf: Hat Facebook seine besten Tage hinter sich und ist offiziell nicht mehr cool?

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Ein Kauf, zwei Meinungen: Während Branchenexperten Mark Zuckerberg für seine Entschlossenheit beglückwünschen, sind im Netz entsetzte Reaktionen über Facebooks Zukauf von Instagram zu lesen. "Bitte Facebook, mach Instagram nicht kaputt", sorgt sich etwa die Netz-Postille Mashable, während Instagram-User in Angst vor dem Umgang mit ihren Daten Accounts löschen. Die reservierte Reaktion wirft vor allem eine Frage auf: Hat Facebook seine besten Tage hinter sich und ist offiziell nicht mehr cool?

Ist es der Augenblick, in dem Facebook endgültig die Coolness des sonnigen Start-up-Szene aus dem Silicon Valley verliert und zum bösen Establishment der Web-Verwalter wird? Dieser Eindruck zumindest drängt sich auf, wenn man die Reaktionen auf den Übernahme-Coup von Instagram verfolgt. 

Einerseits sind da die Lobpreisungen für den erst 27-jährigen Mark Zuckerberg, der mit seinem entschlossenen Zukauf eines Mitbewerbers kurz vor dem Börsengang echte CEO-Qualitäten demonstriert. Andererseits ist da jedoch die Netz-Gemeinde, durch die ein Aufschrei geht: Nutzer löschen ihre Accounts in Scharen, andere machen ihrem Ärger Luft. "Bitte Facebook, ruiniere Instagram nicht", sprach Mashable-Redakteurin Christina Warren aus, was viele Nutzern befürchten. 
Erste Milliarden-Übernahme: Facebook lässt die Muskeln spielen

Facebook, der Innovator, der das Web mit seiner Idee einer offenen Welt umkrempelte, ist über Nacht zum milliardenschweren Aufkäufer von Innovationen geworden, die er selbst zu entwickeln verpasst hat. Wie Google 2006 lässt nun auch Facebook die Muskeln spielen und schluckt einen hippen Mitbewerber mit einer milliardenschweren Übernahme. 
Damit erlebt das Social Network seinen YouTube-Moment. Es ist auch ein Eingeständnis, dass das Startup im mobilen Internet geschludert hat, schließlich launchte Facebook am bereits 11. Juli 2008, zum Start von Apples App Stores, seine erste iPhone App, die den Goldstandard für andere Social Networks auf Smartphones setzte. Einen Photo-Upload gab seinerzeit schon – mehr als zwei Jahre vor der Gründung von Instagram.  
Die Übernahme des 18 Monate alten Start-ups für eine Milliarde Dollar kann also durchaus als Denkzettel an das eigene  mobile Entwicklerteam verstanden werden. Facebook kann es sich allerdings in den Größenordnungen, in denen es angekommen ist, locker leisten, die Lücke mal eben mit einem Jahresgewinn zu schließen. Minimalerlöse von fünf Milliarden Dollar im Zuge des IPOs und eine Bewertung von 100 Milliarden Dollar im Rücken, schreibt sich so ein Scheck schnell. 
Instagram, das minimalistische Gegen-Facebook: Ein Foto, das war die Message
Das ist die wirtschaftliche Seite. An der Basis jedoch schlägt der Instagram-Zukauf hohe Wellen. Instagram war wie Path ein bisschen das Gegen-Facebook  – ein abgeschlossener Raum für Gleichgesinnte im App(le)-Universum des iPhones, bevölkert seit letzter Woche auch von Android-Nutzern. 
Der Freundschaftszwang, die immer undurchschaubareren Privatsphäre-Einstellungen in Facebook – alles weg. Instagram war Minimalimus pur, ein angenehmer Rückzug auf das, was wirklich wichtig ist. Ein Foto, das war die Message. Und dankbarerweise eben auch außerhalb der Facebook-Welt, die bei fast einer Milliarde Nutzern vielleicht schon von der eigenen Schwiegermutter belagert wird. 
Nun wird den Nerds der ersten Stunde dieser Geheimtipp, der er bis vor der Anbindung an Facebooks Timeline im Januar war, auch noch weggenommen – einverleibt, vom 100 Milliarden Dollar-Gorilla, der ohnehin das ganze soziale Internet dominiert. Big Brother-Emotionen kochen da hoch, die Web-Avantgarde reagiert entsetzt. Natürlich ist das ein bisschen kindisch, schließlich kann jeder Nutzer zunächst Instagram weiter nutzen, ohne dass er seine Facebook-Freunde dazu holen muss.

Für Facebook jedoch markiert der Aufschrei den endgültigen Schlussstrich unter eine Ära. Acht Jahre nach der Gründung ist Facebook der Mainstream des Internets – mehr noch als Google, das sich mit dem Launch von Google+ wieder zurück in die Garage gewagt und etwas riskiert hat und nun als Facebook-Gegenentwurf vor allem Nerds begeistert, die der endlosen Privatsphäre-Diskussionen, unzähligen Spiele-Anfragen und unseeligen Relaunches einfach müde sind. 
Mehr Mainstream als Facebook geht im Internet eigentlich nicht. Facebook, das ist die Lady Gaga-Version des Webs geworden, zum Synonym des Internets, zur unvermeidlichen Seite, an der keiner mehr vorbeikommt, so wie an Gagas Gossenhauern, ob man will oder nicht. Eine Cameo-Appearance durch einen hippen Newcomer wie Instagram möbelt das Image prima auf, auch wenn die Avantgarde wild nach "Sell-out" kreischt.
Mainstream Facebook: Die Lady Gaga-Version des Webs
Kurzfristig hat Facebook damit alles richtig gemacht – erst recht vor dem nahenden Börsengang. Langfristig allerdings wirft der Instagram-Aufschrei jedoch Fragen auf, die noch vor ein, zwei Jahren undenkbar schien. Während Googles Suche als Grundvoraussetzung der Internet-Nutzung eine schier unkaputtbare Relevanz besitzt, lebt Facebook ausschließlich vom Zuspruch seiner Nutzer. 
Der Coolness-Faktor ist eine nicht zu unterschätzende Währung. Tatsächlich ist es die einzige Währung, die im Social Web wirklich zählt. Wer nicht mehr cool, ist nicht mehr kreditwürdig. Der Massenexodus oder die Heraufkunft einer virtuellen Geisterstadt wäre die Folge. Wie schnell das gehen kann, hat MySpace einst erlebt. Die Karawane zieht weiter, die Milliardenwette endete im Firesale bei 35 Millionen Dollar. Für potenzielle Facebook-Aktionäre könnte die Instagram-Übernahme so noch zu einem rechtzeitigen Weckruf werden.

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