Gerichtsshows: das sterbende Genre

Fernsehen Wenn am Freitagnachmittag die letzte Folge der über zehn Jahre alten Sat.1-Reihe "Richterin Barbara Salesch" ausgestrahlt wird, verabschiedet sich der vorletzte Vertreter eines TV-Genres, das Anfang des 21. Jahrhunderts unfassbar gute Quoten erreicht hatte. Nur noch "Richter Alexander Hold" ist dann übrig - und auch für ihn wird es immer enger. Denn aus dem Mega-Erfolg Gerichtsshow ist im Laufe der Jahre ein Problemfall geworden. MEEDIA blickt auf ein sterbendes Genre.

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Als Sat.1 im Sommer 1999 die Idee präsentierte, in der neuen Show "Richterin Barbara Salesch" werktäglich echte Fälle mit echten Protagonisten vor einem Schiedsgericht zu verhandeln und rechtskräftige Urteile zu verkünden, da war das Genre der Gerichtsshow keinesfalls neu. Das ZDF hatte schon einige Jahrzehnte lang in Sendungen wie "Verkehrsgericht" (1983-2001), "Ehen vor Gericht" (1970-2000) oder "Wie würden Sie entscheiden?" (1974-2000) Recht mit Unterhaltung verknüpft und ließ auch 1999 schon vor dem Salesch-Start in "Streit um Drei" Recht verkünden. Dennoch: Salesch sollte schon kurze Zeit später einen Boom auslösen, der das Nachmittagsprogramm einiger Privatsender auf Jahre hinaus prägen sollte.

Die Vorberichterstattung zum Start der Show war erwartungsgemäß hitzig: Der damalige Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer ließ sich in der Zeitung "Die Woche" z.B. mit den Worten zitieren, dass "die bekannten Kränkungen armseliger Menschen vor einer still feixenden Öffentlichkeit nun noch die Weihe einer ‚Entscheidung‘ bekommen." Die Gerichtsshows seien ein "Schlag in die Magengrube". Doch die echten Fälle, die bei Salesch vom 27. September an, werktäglich um 18 Uhr verhandelt wurden, waren zu unspektakulär, zu austauschbar, der Erfolg der Show blieb zunächst aus. Sie erreichte in der werberelevanten Zielgruppe fast ausschließlich einstellige Marktanteile.

Im Frühjahr und Sommer 2000 fielen die Quoten sogar noch, doch der Sender hielt trotzdem an der Sendung fest, änderte das Konzept aber grundlegend. Am 2. Oktober 2000 wanderte sie auf einen passenderen Sendeplatz, den um 15 Uhr, verhandelt wurden nun auch nicht mehr langweilige echte Schiedsgerichts-Fälle, sondern ausgedachte Räuberpistolen mit Laien-Darstellern. Konzept- und Sendeplatzwechsel sorgten dann für eine riesige Erfolgsgeschichte. Auf Anhieb erreichte Salesch hier die zweistelligen Marktanteile, die ihr um 18 Uhr fast immer verwährt blieben. Schon am 12. Oktober gab es 14,8% und am 15. Januar 2001 übersprang die Show mit 20,2% sogar schon die 20%-Marke.

Das Frühjahr 2002 ging dann als erfolgreichste Zeit der Show "Richterin Barbara Salesch" in die Sat.1-Geschichte ein: Am 13. März erzielte sie aus heutiger Sicht völlig unglaubliche 35,7% bei den 14- bis 49-Jährigen und 30,7% im Gesamtpublikum. Insgesamt 54 mal sprang die in der jungen Zielgruppe auf oder über die 30%-Marke. Eine Flut von weiteren Gerischtsshows war die Folge: "Richter Alexander Hold" startete am 12. November 2001 bei Sat.1, RTL schob schon am 3. September 2001 "Das Jugendgericht" ins werktägliche Programm und ein Jahr später am 2. September 2002 "Das Familiengericht" und "Das Strafgericht". Die Folge des Gerichts-Overkills: Ein zermürbender Kampf ums Publikum begann, die 30% erreichte "Salesch" im August 2002 zum letzten Mal.

Zwar liefen fast alle diese Shows ein paar Jahre lang auf starkem oder zumindest gutem Quotenniveau, doch das Konzept Gerichtsshow nutzte sich ab. "Richterin Barbara Salesch", in der TV-Saison 2001/2002 noch bei 27,8% liegend, fiel ein Jahr später schon auf 19,7% und bis zur TV-Saison 2006/2007 dann auf 14,0%. RTL verabschiedete sich in den Jahren 2007 und 2008 wieder von dem Genre: "Das Jugendgericht" schloss im Februar 2007 seine Pforten, "Das Familiengericht" folgte im Oktober 2007 auf den Fernsehfriedhof, "Das Strafgericht" im April 2008. "Salesch" half das kurzzeitig wieder: Die Gerichtsshow-Fans wechselten von RTL wieder zu Sat.1. Ihre Show steigerte sich von den 14,0% in der Saison 2007/2008 noch einmal auf 16,7%.

RTL entwickelte unterdessen nach dem Gerichts-Trash noch größeren Trash: Eine Welle von Scripted-Reality-Formaten brachte dem Sender neue Nachmittags-Rekorde. Sat.1 verschlief das Genre lange Zeit, widmet sich ihm erst jetzt nach und nach. "Richterin Barbara Salesch" wirkt gegen Formate wie "Mitten im Leben" oder "Familien im Brennpunkt" mittlerweile fast schon brav. Für die Leute, die nachmittags Zeit haben, fernzusehen, offenbar zu brav. Der Zielgruppen-Marktanteil liegt in der laufenden TV-Saison 2011/2012 nur noch bei 10,6%, im April schaffte nur noch eine der sieben bisher gelaufenen Ausgaben den Sprung über die 10%-Marke. "Richterin Barbara Salesch" ist damit dort angelangt, wo sie 1999 begonnen hatte: bei einstelligen Marktanteilen.

Nach dem Aus für Salesch könnte es nun auch für den letzten Gerichts-Mohikaner "Richter Alexander Hold" eng werden. Je nach Erfolg des "Salesch"-Sendeplatz-Nachfolgers "Familien-Fälle" könnte auch "Hold" kurz- bis mittelfristig von einem Scripted-Reality-Format ohne Gerichtssaal ersetzt werden. Die Quoten-Entwicklung sieht bei "Hold" nämlich ähnlich aus wie bei "Salesch". Nach 23,3% in der Start-Saison 2001/2002 blieb "Hold" ein paar Saisons lang mit Marktanteilen um 20% ein großer Erfolg, fiel 2006/2007 dann auf 14,9%, steigerte sich nach dem Aus der RTL-Shows noch einmal auf 16,7% und 2008/2009 sogar auf 17,4%, rutschte dann aber auf 11,3% in der laufenden Saison 2011/2012. Und wie "Salesch" erreichte auch "Hold" im April bei bisher sieben Sendungen nur einmal einen zweistelligen Marktanteil.

Ein Sender wie Sat.1, der wegen vieler Misserfolge derzeit ohnehin unter starkem Druck steht, wird sich solche Probleme am ehemals extrem erfolgreichen Nachmittag sicher nicht lang leisten können oder wollen. Und so könnte nach dem Aus von "Richterin Barbara Salesch" bald auch der Tod des kompletten Genres Gerichtsshow folgen.

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