Instagram: Facebooks YouTube-Moment

Auch Facebook verpasst mal einen Trend: So gesehen beim mobilen Fotosharing-Boom. Obwohl die Facebook-App seit Tag eins des App Stores inklusive Foto-Upload verfügbar war, musste sich das weltgrößte Social Network zwei Jahre später vom Newcomer Instagram die Butter vom Brot nehmen lassen. Instagram war cooler, schneller, variationsreicher und nicht zuletzt offener. Wenige Wochen vorm Börsengang beweist Mark Zuckerberg nun echte CEO-Qualitäten – und stellt für sein Versäumnis eine dicken Scheck aus, den Facebook aus der Portokasse bezahlt.

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Auch Facebook verpasst mal einen Trend: So gesehen beim mobilen Fotosharing-Boom. Obwohl die Facebook-App seit Tag eins des App Stores inklusive Foto-Upload verfügbar war, musste sich das weltgrößte Social Network zwei Jahre später vom Newcomer Instagram die Butter vom Brot nehmen lassen. Instagram war cooler, schneller, variationsreicher und nicht zuletzt offener. Wenige Wochen vorm Börsengang beweist Mark Zuckerberg nun echte CEO-Qualitäten – und stellt für sein Versäumnis eine dicken Scheck aus, den Facebook aus der Portokasse bezahlt."

"Was cool ist? Eine Milliarden-Übernahme, kurz bevor man an die Börse geht". So ordnet TechCrunch-Schnellschreiberin Alexia Tsotsis Facebooks Ostermontags-Coup ein. Natürlich: Das ist eine subjektiv Einschätzung, die klassische Medien so gar nicht teilen. "Dreht das Silicon Valley jetzt völlig durch?" fragt sich etwa das Handelsblatt. "Eine Milliarde Dollar für ein Mini-Unternehmen ohne Gewinn."

Wer den eigentlichen Sinne und Motivation der Instagram-Übernahme verstehen will, muss etwas zurückgehen im Zeitstrahl. Genau genommen fast vier Jahre, als Facebook sich mit einem Knall ins mobile Web vorwagte.

Erste Facebook-App – mobiler Goldstandard dank Foto-Uploads

Facebook und Mobile – das ist eine Achterbahnfahrt. Zunächst war da die starke erste App-Version, die am 11. Juli 2008 und damit zeitgleich zum Start von Apples App Store debütierte. Facebooks iPhone-App setzte den Goldstandard für digitales Publishing in der neuen Smartphone-Ära. Es war der Kickstart für Facebook auf dem Weg zum Siegeszug rund um den Erdball – der echte Eintritt ins mobile Internetzeitalter. 

Denn wie aufregend war das: Plötzlich wurde die jahrelang ziemlich statische digitale Pinnwand um ihre entscheidende Komponente ergänzt  – das Teilen des Echtzeitmoments. Und wie war das unmittelbarer möglich als mit einem Foto, das den Augenblick festhielt, die wichtigste Währung eines Facebook-Nutzers?

Facebooks Faux Pas: Den Foto-Upload nicht weiterentwickelt

Keine 100 Millionen aktive User zählte Facebook seinerzeit – heute ist die Milliarden-Grenze im Visier. Mehr als die Hälfte davon nutzt Facebook mobil.  Doch auf dem Weg zur digitalen Welteroberung gibt es eben auch Verluste. Facebooks mobiler Faux Pas blieb angesichts der rasanten Wachstumsdynamik lange genug unerkannt: Der mobile Foto-Upload wurde nie weiterentwickelt.

Im Gegenteil: Die vierte und letzte Version passte die iPhone- und unerklärlich lange nicht existente iPad-App mit einer browserbasierten Mobilversion an – das Killerfeature des Bilderpostens wurde indes noch umständlicher. Sechs Schritte sind es, rechnet der Business Insider vor, um vom ersten Impuls des Teilens bis zum finalen Postings zu gelangen – und das dann auch noch ohne jede weitere Bildbearbeitungselemente.

Foto-Community: Instagram baut auf, was Hipstamatic verpasst hat

Die jedoch sind über die Jahre  schwer in Mode gekommen: Die Retro-Foto-App Hipstamatic avancierte durch das Spiel mit verschiedenen Linsen, Rahmen und Belichtungsmöglichkeiten zum Liebling unter den iPhone-Nutzern, verpasste aber den Aufbau einer Community. Die baute der Konkurrent Instagram, der sich ebenfalls Bildbearbeitungs-Spielereien zunutze machte, von Tag eins durch eine enge Verzahnung mit Twitter und Facebook auf.

Das vom früheren Google-Mitarbeiter Kevin Systrom im Oktober 2010 mitgegründete Start-up startete spätestens ab Version 2.0, in der neue Filter sowie einen Verwischungseffekt ergänzt wurde, und vor allem der tiefen Integration in Facebook selbst durch. ‚Via Instagram‘ war da plötzlich unter Foto-Uploads im weltgrößten Social Network zu lesen – und auch eine URL im Stile http://instagr.am wurde dem Foto zugefügt. Das war im Januar.

Instagram – einer der Social Media-Trends des Jahres

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war für jeden Nutzer deutlich, dass Facebook beim Megatrend Photosharing den Anschluss verpasst hatte. Das weltgrößte Social Network hatte bei seiner gigantischen Ausdehnung den Fokus offenkundig schlicht auf andere Dinge gelegt – wie etwa der gewagten Generalüberholung seiner Profile im Zuge des Timeline-Updates.

Binnen nur eines Quartals verdoppelte Instagram seine Nutzerzahl auf zuletzt 30 Millionen – das Wachstum war zu schnell und gewaltig, um länger ignoriert werden zu können. Instagram war neben Pinterest und Path zum ganz großen Social Media-Trend des Jahres erwachsen. Es war Zeit, zu handeln.

Facebooks YouTube-Moment

Zur großen Überraschung vieler tat Markt Zuckerberg nun genau das. Mutmaßlich wenige Wochen vor dem Meilenstein des lang anvisierten Börsengangs zückt Zuckerberg einen Scheck über eine Milliarde Dollar – und kauft mal eben so ein 18 Monate altes Start-up mit 13 Mitarbeitern und ohne Umsätze.

Was auf den ersten Blick nach Blasenbildung 2.0 aussieht, könnte sich als echte Reifeprüfung in der Karriere des 27-jährigen Harvard-Abbrechers erweisen: Zuckerberg schlägt zu, als es darauf ankommt. Es geht weniger darum, die Kosten schnell zu amortisieren – vielleicht wird das nie der Fall sein.

Doch darum geht es gar nicht. Es geht darum, einen aufstrebenden, coolen Mitbewerber, der etwas anbietet, was Facebook nicht besitzt, gar nicht erst groß werden zu lassen. Es geht darum, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und möglichen Anteilseignern zu zeigen, dass man bereit ist, flexible Entscheidungen zu treffen – genauso wie Google, als es den Shootingstar YouTube im Sommer 2006 einfach vor der verblüfften Konkurrenz einsammelte.

Ein Scheck für das fehlende Puzzleteil
 
Zuckerberg hat diese Chuzpe auch noch unmittelbar vor dem Börsengang besessen. Die mutmaßlich hochbezahlte Akquisition kann das extrem liquide Social Network ohnehin aus der Portokasse bestreiten. Mindestens fünf Milliarden fließen im Mai in die Kasse des weltgrößten Social Networks. Über hundert Milliarden Dollar dürfte Facebook beim Gang aus die Technologiebörse Nasdaq aus dem Stand wert sein.

Mit diesen Sicherheiten im Rücken hat Zuckerberg den Weitblick und die Reife besessen, die er von seinem Mentor Steve Jobs nicht besser hätte lernen können. "Wenn wir in Zukunft einmal jemand übernehmen müssen, um das fehlende Puzzlestück zu finden, um etwas ganz großes Wirklichkeit werden zu lassen, dann könnten wir dafür einfach einen Scheck ausstellen", hatte der Apple-Gründer in seinen letzten Jahren einst erklärt.

Instagram könnte ein solches Puzzleteil für Facebook sein – ein Puzzleteil, das in der Gesamtheit viel wertvoller sein könnte als ein Hundertstel des mutmaßlichen Unternehmenswertes. 

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