Gutjahrs offener Kanal beim Staatsfernsehen

Fernsehen Ob's auch am frischen Wind durch den Intendantenwechsel vor gut einem Jahr liegt, weiß man nicht so genau. Ganz sicher ist es Richard Gutjahr zu verdanken, dass die konservative Sendeanstalt Bayerischer Rundfunk ein Experiment startet, bei dem nichts Geringeres ergründet werden soll als die Zukunft des Fernsehens. Zusammen mit gut vernetzten Kollegen präsentiert der 37-Jährige ab 14. Mai vier Wochen lang die kanalübergreifende "rundshow". Eine gute Idee, allerdings arg beifallheischend inszeniert.

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Schon das frech klingende Motto "Occupy Bayerischer Rundfunk" wirkt unfreiwillig unangemessen, geht es letztlich doch nicht darum die Senderwelt aus den Angeln zu heben, sondern diesem ein paar zusätzliche Kanäle freizuschaufeln. Genauso lässt sich darüber streiten, ob eine Piratenflagge auf einem trostlos wirkenden Containerbaus auf dem BR-Gelände gehisst werden muss und ob dies im aktuellen politischen Kontext die adäquate Zeichensetzung ist. Immerhin bezieht Gutjahr diesen Vergleich nicht auf die gleichnamige Partei, sondern auf einen Ausruf von Steve Jobs ("Let’s be pirates!") mit dem dieser zur Meuterei gegen die eigene Firma aufrief. Aber erstens wird kaum einer umhin kommen, die laute Verkaufe des Projekts mit dem aktuellen Hype um die Piraten in Verbindung zu bringen. Und zweitens ist Aufstand gegen das eigene Haus so ziemlich das Letzte, was von der "rundshow"-Crew zu erwarten sein dürfte.
Im Gegenteil: Als "freier Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens" (so Gutjahrs offizieller Status beim BR) nutzte der Online-Journalist des Jahres 2011 (Zeit) seinen guten Draht in die Münchner Sender-Machtzentrale, um das Projekt durchzusetzen. Ziel: Gutjahr und seine Mitstreiter wollen zeigen, dass modernes Fernsehen aus mehr als einem untadeligen und bisweilen preisgekrönten Programms besteht – ihnen geht es darum, die Rückkanäle zu öffnen und den Sender auch empfangsbereit für die Reaktionen und Stimmungen der Zuschauer zu machen. Der gute Zweck heiligt da offenbar auch eine kleine Etikettenschummelei im Marketing, solange die genau betrachtet falsche Flagge die Aufmerksamkeit in die Höhe treibt.
"Die Art und Weise, wie wir heute fernsehen, hat sich gewandelt", schreibt Gutjahr in seinem Blog zum eigentlichen Thema: "Längst sind viele Menschen parallel zum laufenden Fernseher online, chatten auf Facebook, checken ihre Mails. Wer schon mal während eines Tatorts bei Twitter vorbeigeschaut und den Hashtag #tatort eingetippt hat, weiß, wovon ich spreche." Und weiter: "Das Internet ist der ‚Missing Link‘, die Infrastruktur, die eine Verbindung zueinander, jenseits der mächtigen Massenmedien, herstellt. Das Internet verbindet keine Computer, es verbindet Menschen. Und ganz nebenbei egalisiert es Hierarchien. Vor dem Netz sind wir zunächst einmal alle gleich."
Die "rundshow" solle zeigen, wie es gelingen könnte, Fernsehen und Web sowie Zuschauer und Programmmacher "möglichst geschmeidig zusammenzubringen". Dies erfordere auch neuartige Abläufe und den Aufbruch des herkömmlichen Arbeitsschemas. Gutjahr will eine "neue Form von Infrastruktur aufzubauen", für die sogar ein eigenes Content Management System aufgebaut werden müsse, "um die zahlreichen Datenströme (Facebook, Twitter, App-Eingaben) auszuwerten und auf den richtigen Kanälen wieder auszuspielen".
Jeweils montags bis donnerstags wird Gutjahr ab 23.15 Uhr im Studio sitzen, flankiert von Autor und Social Media-Experte Sascha Lobo, Hörfunkjournalist Daniel Fiene (Was mit Medien), Blogger Deef Pirmasens, TV-Autor Markus Walsch, Reporterin Sophie von Puttkamer, "Videopunk" Markus Hündgen, Software-Spezialist Michael Niekerke, ZDF-Autor Ralph Benz, Medienberater Marco Maas, die Unternehmer Kira Song (AppAdvisors) und Michael Reuter (u.a. Mitgründer von YiGG.de.
So rasant, wie sich die News von der "rundshow" derzeit in der Netzgemeinde verbreitet, dürfte eine überaus rege Beteiligung am Sender-Experiment zu erwarten sein. Ob dabei ein neues Fernsehen durchschimmert oder nur kollektives Durcheinander herrscht, bleibt abzuwarten. Bis Mitte Mai steht die Mitmach-Bühne, aber dann muss auch die Show stimmen – was hier dann für alle Seiten gilt.

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