Deutsche Wired warnt vor „Netz am Abgrund“

Publishing "Das Web steht vor dem Blackout" – schreibt ausgerechnet ein Medium, das wie kaum ein anderes vom Siegeszug des Internet lebt. Aber zum Glück gibt´s ja auch noch Unterzeilen. In der zweiten Ausgabe der deutschen Wired versprechen uns die Macher, "wie es trotzdem weitergeht". Die Stärken der Erstausgabe – eine opulente und gewitzte Optik, guter Themenmix – wurden beim Zweitling beibehalten, die Schwächen behoben: Auf vielfachen Leserwunsch gibt es mehr längere Lesestücke.

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Die Leser der Wired-Erstausgabe hätten "ein besonderes Interesse an tiefergehenden Geschichten" signalisiert, sagt Chefredakteur Alexander von Streit, der den Job Anfang des Jahres von Thomas Knüwer (nun Editor at Large) übernommen hatte. Im Erstling gab es zwar spannende Themen wie Darknets und einem Porträt des Dating-Networks Badoo, doch blieben die Texte, zumindest wie sie später im Heft zu lesen waren, zu sehr an der Oberfläche.

Ein Comic für Kimble

In der zweiten Ausgabe gibt es weiterhin viele unterhaltsame kleinteilige Elemente, aber mit einem Blick hinter die Kulissen der Pharmaindustrie, einem Porträt des Dienstes Tumblr und dessen Macher David Karp, einem Feature über die deutschen Macher einer Handheld-Spielekonsole und einer Fotoreportage aus dem Deutschen Museum München mehr Lesestoff, bei dem sich etwas verweilen lässt. An die Länge von Stücken in der amerikanischen oder britischen Wired kommen die deutschen Geschichten aber nicht heran.

Titelgeschichte "Blackout"

Auch nicht die Titelgeschichte über die Zukunft des Netzes, an der gleich sechs Autoren mitschrieben. Die These: "Der Kampf um die Kontrolle von Inhalten" rücke das Internet in die Nähe des Abgrunds. Die Wired-Journalisten haben zur Untermauerung dieses düsteren Ausblicks u.a. die Gesellschaft für Urheberrechtsverletzungen (GVU) in Berlin besucht. Kleinere Player wie die GVU und größere wie die Vereinigten Staaten von Amerika versuchten zunehmend, das Netz unter ihre Kontrolle zu bringen, schreiben die Autoren. Die allerdings nur die Entwicklungslinien aufzeigen und nicht selber Stellung beziehen – der Text ist keine Anti-Acta-Streitschrift (was für eine Publikation eines Großverlags wohl auch überraschend wäre). Sie zitieren aber den Entwickler eines alternativen Netzes, der quasi als Zusammenfassung sagt, Nutzer müssten nun wählen: "zwischen einem wirklich offenen Netz – oder einer Isolation auf dem Level von Nordkorea".

Wired-Kolumnen

Dazu passend hat die Redaktion den Comic-Zeichner Rick Veitch engagiert, die Story des Megaupload-Gründers Kim Schmitz in bunte Panels zu übersetzen. Was eine smarte und Wired-angemessene Umsetzung ist. Themen wie Datenschutz und Urheberrecht seien zwar wichtige Eckpfeiler der Ausgabe, sagt Chefredakteur von Streit, aber keine Leitmotive für das komplette Heft: "Uns schwebt Wired als ein Heft vor, das ganz verschiedene Themen und Perspektiven bedient. Wir machen ein Gesellschaftsmagazin, keine Computer- oder Internetzeitschrift."

Das Gesellschaftsmagazin ist von den demographischen Daten aber relativ klar festgelegt. Eine Leserumfrage hat ergeben, dass 88 Prozent der Käufer der Erstausgabe Männer waren. Nicht ganz zufällig wurde darum vermutlich auch das Ressort "Test" eingeführt, in der neuen Ausgabe mit Kopfhörer und Smartphones im Angebot. Das Testen sei ja "große Wired-Tradition", sagt von Streit. Bisher gab es dafür die Rubrik "Fetisch", in der allerdings eher ausgefallene Objekte platziert werden.

Infografik zu den Weltreligionen
Die Erstausgabe der deutschen Wired hat sich nach Verlagsangaben etwa 110.000 mal verkauft – zunächst im Bundle mit dem Männermagazin GQ, anschließend als Einzelausgabe am Kiosk. Diese Vertriebs-Kombi hat der Verlag Condé Nast wieder gewählt. Nun mit dem Unterschied, dass der Einzelverkauf zum Preis von 3,80 Euro pro Ausgabe zwei Tage früher am Kiosk beginnt als der Bundle-Verkauf mit GQ. Die viel gelobte App ist ab Dienstag zum Herunterladen bereit (für 2,99 Euro). Die erste App-Ausgabe kauften ca. 14.000 iPad-Besitzer.

Fazit: Die zweite deutsche Wired ist gelungen. Einen großen Wurf im Blatt gibt es nicht, aber viele optische und auch inhaltliche Schmankerl. Das Team ist erennbar auf dem Weg, eine eigene Wired-Sprache zwischen dem mächtigen US-Vorbild und einem deutschen Dialekt zu finden. Bis zum Ziel wird es aber sicher noch einige Ausgaben dauern. Condé Nast Deutschland wird hoffentlich so viel Zeit haben. Einen Ansporn gibt es: Business Punk von Gruner+Jahr wandelt seit einiger Zeit ebenfalls mit hervorragenden Texten und Themen auf der Fährte von Wired.

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