Günter Grass auf der Suche nach dem Tabu

Publishing Es ist schon erstaunlich, dass ein 84-Jähriger Schriftsteller im Jahr 2012, mitten im digitalen Zeitalter, mit einem zweifelhaften Gedicht für weltweiten medialen Aufruhr sorgen kann. Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass ist das gelungen. Leider erreichte er diesen erstaunlichen Effekt mit seinem Prosa-Gedicht “Was gesagt werden muss” nur, indem er sattsam bekannte anti-israelische Klischees bedient und den Mythos des angeblichen Tabus der Israelkritik beschwört. Und die Süddeutsche Zeitung hilft fleißig mit.

Werbeanzeige

Die Süddeutsche Zeitung zeigt am heutigen Mittwoch Günter Grass auf ihrer Seite eins. Dazu die Überschrift: “Ein Aufschrei”. In den dürren Zeilen der Bildunterschrift steht, dass Grass in seinem Gedicht vor einem Krieg gegen den Iran warne. Er fordere, Israel dürfe keine deutschen U-Boote mehr bekommen. Das ist inhaltlich einerseits richtig. Wenn man das Gedicht von Grass liest, würde einem freilich noch fiel mehr einfallen, was man dazu sagen könnte. Die SZ druckt das Gedicht aber in einem Kasten auf der Feuilleton-Aufmacherseite unkommentiert. Auch auf der Meinungsseite der Zeitung fehlt jede Einordnung, jede Meinung zu dem Gedicht, in dem der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Grass den Staat Israel immerhin als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet.

Das Gedicht wurde laut Presseberichten zeitgleich mit der SZ auch in der New York Times und der italienischen La Repubblica veröffentlicht. Die italienische La Repubblica ließ ihre Leser mit dem Grass-Gedicht nicht alleine und stellte dem Text einen kritischen Kommentar zur Seite. Ein globaler Medien-Coup eines alten Mannes, wie man es sonst nur von Julian Assange und Wikileaks kennt. Andere Blätter sind denn auch schon voll mit Kommentaren und Analysen über das Grass-Stück – die meisten irritiert bis ablehnend. Den deutlichsten Standpunkt vertritt, wenig überraschend, Henryk M. Broder in der Welt, der Grass als “Prototyp des gebildeten Antisemiten” bezeichnet.

Es fällt ja relativ leicht, sich über Broders überschäumenden Eifer in der Formulierung lustig zu machen. Inhaltlich hat er hier aber nicht Unrecht. Grass steht mit seinem Gedicht in der Tat in einer unguten, antisemitischen Tradition der Argumentation. Da wird vorsorglich die Solidarität mit dem Staat Israel bekundet (“…dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will…”). Dann wird ausführlich darüber räsoniert, dass man Kritik an Israel ja eigentlich gar nicht äußern dürfe, weil man ja sonst immer gleich als “Antisemit” bezeichnet werde (“… Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig …”). Grass macht diesen Mythos der angeblich tabuisierten Israel-Kritik sogar zum Titel: “Was gesagt werden muss”.

Dieses “Was gesagt werden muss” ist aber nichts anderes als das verdruckste “Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass …” mit dem weltanschaulich nicht ganz lupenreine Zeitgenossen für gewöhnlich die Verbreitung rassistischen Gedankenguts rechtfertigen. Es ist eine dumpfe Gesellschaft, in die sich Günter Grass mit solchen Formulierungen begibt. Der Vorwurf, der in seinen Zeilen gemacht wird, dass man gegen Israel nichts sagen dürfe, gerade nicht als Deutscher, läuft ohnehin ins Leere. Ständig wird in deutschen Medien, in der deutschen Öffentlichkeit Kritik an Israel und der israelischen Politik geübt. Günter Grass tut es ja gerade auch wieder. Grass und sein Gedicht sind der Beweis dafür, dass man hierzulande selbst groben, hanebüchenen Unfug über Israel schreiben kann und es damit unkommentiert auf die Seite eins der größten überregionalen Abo-Zeitung des Landes schafft. Von einem Tabu keine Spur.

PS: Die israelische Botschaft in Berlin hat den Grass-Text folgendermaßen kommentiert: „Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will. Was auch gesagt werden muss ist, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird. So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch. Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.“

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige