Reporter dreht Syrien-Doku mit dem iPhone

Fernsehen Al Jazeera English hat die 25-minütige Dokumentation “Syria: Songs of Defiance” ausgestrahlt. Darin begleitete ein Reporter der englischsprachigen Schwestersenders von Al Jazeera die Anfänge der syrischen Aufstände. Der Clou: Die komplette Doku wurde mit einem iPhone gedreht. Damit gelang es dem Journalisten, dessen Namen der Sender aus Gründen der persönlichen Sicherheit verschweigt, eine rohe und umittelbare Reportage zu erzählen. Ist das die Zukunft des Krisenjournalismus?

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Bei Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten geht es für Journalisten vor Ort vor allem um eines: die passenden Bilder für den Beitrag zu bekommen. Weil der Zugang zu Akteuren meist schon schwierig genug ist, rangiert hier die reine Existenz von Bildmaterial vor Schönheit. Weil ein Redakteur mitsamt Kamera-  und Tonmann in den meisten Fällen viel zu auffällig wäre, müssen Krisenreporter oft selbst zur Kamera greifen. Doch selbst ein kleiner Camcorder könnte in den falschen Momenten Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Was liegt da näher, als zum iPhone zu greifen? Das Smartphone nimmt kaum Platz auf Reisen weg und nimmt Videos in Full-HD auf. Syriens Aufständische hatten die Möglichkeiten schnell erkannt und Videos von Protesten auf YouTube mit anderen geteilt. Das Regime reagierte und verbot die Nutzung von iPhones bei Protesten.

Und dennoch entschied sich ein Reporter von Al Jazeera English für das Smartphone als Reportage-Werkzeug. “Weil es zu riskant gewesen wäre, eine Kamera zu transportieren, nutzte ich mein iPhone während ich durch das Land reiste”, erklärt der Journalist zu Beginn seiner 25-minütigen Reportage.

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Dass viele Bilder unscharf, verwackelt und schlecht ausgeleuchtet sind, ist der Sache eigentlich nur zuträglich. Schließlich handelt es sich um eine Reportage aus einem Krisengebiet. Hochglanzaufnahmen würden deplatziert wirken. Der Zuschauer bekommt durch die Unmittelbarkeit der Aufnahmen in dem Beitrag, den Al Jazeera English in seiner Sendung “People & Power” ausstrahlte, ein Gefühl für die Hektik und Ungewissheit in diesen Tagen.
Diese Unmittelbarkeit scheint Journalisten schon seit längerer Zeit am Umgang mit Smartphones zu faszinieren. Im Mai 2011 sorgte die Auszeichnung für ein Bild des New-York-Times-Fotografen Damon Winter für Aufsehen. Seine Reportage “A Grunt’s Life” vom 2. Battalion der 87. US-Infantrie in Afghanistan gewann den dritten Platz in der Kategorie “Newspaper” des “Pictures of the Year International”. Aufgenommen wurde das Bild mit einem iPhone 4 und der App Hipstamatic.
Winter schätzte in seinem NYT-Blog “Lens” die Authentizität: „Selbst die Soldaten knipsten sich gegenseitig mit ihren Telefonen. Da fiel ich weniger auf.“ Die geschossenen Bilder haben ihre ganz eigenen Charme. Ohne stilisierten Fokus. Ohne Bewegungsunschärfe. Sehr direkt, unmittelbar und authentisch. So, als würde der Fotograf komplett in seiner Umgebung aufgehen und nicht weiter auffallen.
Und auch die Filmindustrie hat die Smartphones für ihre Zwecke entdeckt. Der "Oldboy"-Regisseur Park Chan-wook drehte 2011 einen kurzen Kinofilm namens "Night Fishing" auf dem iPhone. Und Hooman Khalili und Pat Gilles, zwei Film-Neulinge aus San Francisco, drehten erst kürzlich einen Kinofilm mit einem Smartphone.
Allerdings scheint die Wahl der Kamera in diesem Fall eher zu Werbezwecken getroffen worden zu sein. Einen Kinofilm mit dem Smartphone gedreht? Das lässt sich gut an die versammelte Techpresse verkaufen.
Ganz anders verhält es sich beim journalistischen Einsatz: Hier bieten iPhone und Co. echte Vorteile. Sie sind klein, leicht, lassen sich gut verstecken und verfügen über Optiken, die gut genug sind, um eine Geschichte für das Fernsehen erzählen zu können.
Nicht zuletzt lassen sich die Geräte auch als Modems nutzen, um mittels Tethering Aufnahmen zu verschicken. Wie gut das funktioniert, bewies Blogger Richard Gutjahr, als er auf eigene Faust aus Kairo während der Aufstände in Ägypten Anfang 2011 berichtete. Es bleibt interessant abzuwarten, wann auch deutsche Fernsehmacher die Vorteile des mobilen Journalismus für sich entdecken. Wer noch Inspiration braucht: Mashable führt vier gute Gründe an, warum Reporter mobile Endgeräte stärker nutzen sollten.

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