Antonia Rados – der Fremdkörper bei RTL

Fernsehen Die Sendung “extra” mit Birgit Schrowange ist bei RTL ein TV-Gemischtwarenladen. Nackmodels, Benzin-Wut, Dschungel-Show, Elends-Reportagen. Versendet wird, was gerade da ist. Am Montag sendete “extra” eine Spezial-Ausgabe, in der Reporterin Antonia Rados enthüllte, dass der gestorbene libysche Diktator Gaddafi ein schlimmer Vergewaltiger war. Neben den Gelüsten des Diktators bekam man dabei auch vorgeführt, warum Antonia Rados bei RTL ein Fremdkörper ist.

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Antonia Rados ist ohne Zweifel eine gestandene Reporterin. Spezialisiert auf Einsätze in Kriegs- und Krisengebiete genießt die Frau einen ausgezeichneten Ruf und wurde bereits vielfach mit Preisen geehrt. Sie ist mutig, ihre Recherchen sind seriös, Zuschauer erkennen sie. Antonia Rados ist eine journalistische Marke – im positiven Sinne. Bleibt die Frage, warum diese Frau seit Jahren bei RTL arbeitet. RTL ist der erfolgreichste deutsche Privatsender und steht für schrille Unterhaltung. “Deutschland sucht den Superstar”, “Bauer sucht Frau”, “Ich bin ein Star – holt mich hier raus!” – das sind so die Hausmarken des Senders.

Dazu gehört auch die frühere ZDF-Ansagerin Birgit Schrowange mit ihrem “extra”, in dem nun auch Frau Rados mit ihrer Libyen-Reportage abgelegt wurde. Die Reportage selbst wurde an anderer Stelle (sehr treffend bei Spiegel Online) bereits ausführlich besprochen. Sie ist professionell gefilmt, für das Thema freilich viel zu reißerisch und sensationslüstern. Dass ein grauenhafter Diktator wie Gaddafi neben seinem sonstigen Schreckens-Handwerk offenbar auch Frauen in Serie vergewaltigte, ist furchtbar. Eine übermäßig überraschende Enthüllung aber ist das nicht.

Im Anschluss an die Reportage zeigte RTL noch eine Art Making-of-Interview, das Birgit Schrowange mit Antonia Rados führte. Die Kriegsreporterin wurde dabei vorgeführt wie ein wertvolles Exemplar einer seltenen Spezies: Guckt mal, wir bei RTL haben auch eine echte Journalistin. Ob Frau Rados ihren Film für einen anderen Sender genauso reißerisch aufgemacht hätte – man weiß es nicht. Wahrscheinlich ist sie von ihrer Sache überzeugt und sieht die Machart als Zugeständnis an den bunten Arbeitgeber.

Dabei passt Antonia Rados schlichtweg nicht zum heutigen RTL. Im März 2011 schaffte es die Reporterin, ein Interview mit Gaddafi zu bekommen. Das 40-Minuten-Gespräch wurde von RTL auf drei Minuten zusammengestrichen gesendet. Dass sie für die neuerliche Gaddafi-Geschichte nun immerhin 45 Minuten im “extra”-Gemischtwarenladen bekam, wirkt da fast wie ein Goodie des Senders.

Denn für RTL erfüllt Antonia Rados durchaus einen gewissen Zweck: Sie ist ein bekanntes Gesicht des Journalismus, noch dazu eine Kriegsreporterin – eine ganz seltene Spezies in der Branche. Wenn in medienpolitischen Diskussionen mal wieder auf Bohlen und den liebestollen Bauern bei RTL herumgeritten wird, Stichwort: Niveau, können die Senderverantwortlichen immer noch sagen: Moment, wir haben da ja noch die Antonia Rados. Eine wie sie wäre eigentlich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern besser aufgehoben. Eigentlich. Denn 2008 wechselte Antonia Rados zum ZDF, um dort für die Redaktion des “heute journals” zu arbeiten. Sie scheiterte bei dem Mainzer Sender aber an bürokratischen Zwängen und kehrte zu RTL zurück. Die Einschränkungen eines Kommerzkanals schienen ihr weniger schwer zu wiegen als die Behörden-Behäbigkeit der Öffentlich-Rechtlichen. In den USA würde sie vermutlich bei CNN arbeiten, in Großbritannien bei BBC World. Dass es in Deutschland keinen Sender gibt, bei dem eine wie Antonia Rados wirklich gut aufgehoben ist, ist ein Armutszeugnis für die hiesige Medienlandschaft.

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