Titanic sucht (und findet) Bild-Autoren

Publishing Eine Bild-Zeitung gratis für 41 Millionen Haushalte: Mit der Ankündigung dieser Aktion anlässlich des 100. Geburtstages von Axel Springer sorgte das Boulevardblatt selbst für Schlagzeilen - und rief einen ungewöhnlichen Mitstreiter auf den Plan. Die Redaktion des Satiremagazins Titanic wollte da nicht außen vor bleiben und machte sich undercover auf die Suche nach prominenten Autoren. Die glaubten, tatsächlich mit einem Bild-Mitarbeiter zu reden. In der neuen Ausgabe veröffentlicht Titanic die Protokolle.

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Der 23. Juni, an dem die Volks-Bild erscheint, ist auch der 60. Geburtstag der Zeitung. "Ganz Deutschland liest dann das Springer-Blatt", schreibt Titanic, "aber wer soll es schreiben?" Bei Martin Walser wird der Titanic-Anrufer abgewimmelt, doch schon bei Bestseller-Autor und Ex-Gatte von Nobelpreisträgerin Herta Müller, Richard Wagner ("Die deutsche Seele") hat das Magazin mehr Glück. Zwar zögert dieser erst ("Ich bin ja nun nicht ein Schriftsteller, der da jetzt mit einem derartigen Journalismus vertraut wäre"), willigt dann aber ein, als Wagner die "Post von Wagner" zu übernehmen, was Titanic mit "Freude in der Ein-Mann-Redaktion der Jahrhundert-Bild" kommentiert.

Oben der erste Kolumnenversuch: schon schlecht, aber für die
hohen Ansprüche des Satiremagazins nicht grottig genug…

Was dann folgt ist ein skurriles Ringen um einen Text zum Thema Brot, bei dem sich der Schriftsteller äußerst flexibel zeigt und – offenbar gegen ein Honorarversprechen – seinen Text mehrere Male abändert und auf Wunsch des Titanic-Anrufers nicht mehr an "Liebe Deutsche", sondern an "Liebes Brot" adressiert und zudem noch ein angebliches Axel Springer-Zitat in die Kolumne einarbeitet. Mit dem Beitrag des "bestsellenden Banatschaben", so Titanic, sei "die erste Achtelseite der Jahrhundert-Bild" bereits gefüllt – was dort zu lesen ist, ist derart trivial, dass es Franz-Josef Wagner wohl die Schamröte ins Gesicht treiben würde.

So ist’s recht: Im Bild-Layout präsentiert sich das ziemlich
wirre Geschreibsel des Schriftstellers form- und stilvollendet.

Bemerkenswert ist auch die Reaktion von Kardinal Meisner. Dem katholischen Würdenträger bietet das Magazin inkognito nicht nur die "Post von Wagner" sowie die "In & Out"-Liste auf der letzten Bild-Seite, sondern auch noch die "Auswahl und Betextung" des Seite 1-Mädchens an, wobei es sich dabei auch "um eine Figur aus der reichen Historie der christlichen Malerei" handeln könne. Der Pressesprecher bedankt sich ausdrücklich für die Anfrage und kündigt eine rasche Klärung an. Bei Titanic notiert man fassungslos: "Nackmalerei in der Bild, kommentiert von Kardinal Meisner – dieses frivole Ansinnen scheint kein Grund zu sein, uns direkt zur Hölle zu schicken. Aber schließlich weiß die katholische Kirche genau, wo Gott wohnt: im Springer-Hochhaus."
Weitere zumeist glücklose Versuche startet das Satiremagazin bei Günter Grass (der offenbar eine Entschuldigung von Bild bei der Familie Böll verlangt), Herta Müller und Thea Dorn. Und es gibt ja auch noch Roberto Blanco, der sich natürlich "an der Jahrhundert-Bild-Ausgabe gerne beteiligt". Dazu wird es nach der Veröffentlichung der Fake-Anrufe in der neuen Titanic nun nicht mehr kommen – schade eigentlich.

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