„Schubladendenken funktioniert nur bedingt“

Publishing Webvideos liegen voll im Trend. Nutzer konsumieren weltweit immer mehr auf immer mehr Geräten. Am 31. März werden im Düsseldorfer Savoy Theater die besten Clips des Jahres beim Deutschen Webvideopreis 2012 verliehen. Im MEEDIA-Interview spricht der Award-Erfinder und selbsternannte "Videopunk" Markus Hündgen über die feinen Unterschieden zwischen TV und Web, die harte Arbeit der Jury, die geplante "Un-Gala" zur Preisverleihung und das Geheimrezept für einen gelungenen Clip.

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Herr Hündgen, die Kategorien tragen Namen wie LOL, OMG und FYI. Will man sich mit Hochdruck jugendtauglich machen?
Nicht jugendtauglich, sondern gegenwartsbewusst. Das aus dem Fernsehen bekannte Schubladendenken funktioniert im Internet nur bedingt. Stattdessen entscheidet der Nutzer/Zuschauer immer mehr aus dem Bauch heraus, welchen Aufkleber er einem Video geben will. Bringt es ihn zum Lachen? LOL. Hat er daraus etwas gelernt? RTFM. Ist es das beste Video seit langem? EPIC. Bruce Sterling hatte bereits im Januar 2007 dazu angeregt, der Bewegtbildspielart "Video" insbesondere im Internet neue Begrifflichkeiten zu geben.

Um sich vom alten Medium zu emanzipieren, aber auch den neuen Nutzungsgewohnheiten gerecht zu werden. Wir werden die Kategorien kontinuierlich anpassen. Es kann also sein, dass es 2013 einige neue Kategorien gibt.

Wie behält man den Überblick bei fast 7000 Einreichungen?
Man darf sich nicht von den tausenden Einreichungen überrollen lassen und muss das ganze Jahr über am Ball bleiben und Schauen, Schauen, Schauen. Das erleichtert den Sichtungsvorgang extrem. Trotzdem: 7000 Videos zu kontrollieren (als Veranstalter) und zu bewerten (als Jury) gehört zu den anstrengendsten aber auch spannendesten Dingen, die in der Branche möglich sind. Nirgendwo sonst gibt es einen besseren Einblick in die Trends im Bereich Webvideo.

Wer reicht ein? Profis oder überwiegend Amateure? Mehr Frauen oder Männer? Eher Ältere oder Junge?
Wir beginnen nach der Preisverleihung mit der detaillierten Auswertung der Einreichungen und planen, diese dann als Trendstudie zu veröffentlichen. Schon jetzt lässt sich aber sagen: Die Unterscheidung zwischen Profs und Amateure ist fast nicht mehr möglich.

Haben Sie schon ein, zwei Favoriten? Falls ja, welche und warum gerade diese?
Solange die Abstimmung zum Publikumspreis noch läuft (29. März, 23.59 Uhr) werde ich meine Favoriten für mich behalten. Darüber hinaus ist es wie schon im ersten Jahr des Webvideopreises: Mir sind alle Videos ans Herz gewachsen. Denn hinter jedem Video steckt eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.

Was erwartet die rund 500 erwarteten Gäste und neun Gewinner am 31. März?
Eine Un-Gala. Wir versuchen, an möglichst vielen Stellen das miefige Konzept "Preisverleihung im Theater/Kino" zu brechen. Wir haben einen roten Teppich, aber anders. Es wird die üblichen Gala-Häppchen geben, aber auch nicht. Es wird mehr Wohnzimmerflair denn Galacharakter haben. Die Gäste sollen Spaß haben, mitmachen, ein Teil des Abends werden. Sie sollen feiern und nicht wie versteinert dem Ende des Abends entgegen sedieren. Und per Twitter und Livestream holen wir das Netz-Publikum dazu.

Die Menschen können online ihre Lieblinge voten. Gibt es ein Geheimrezept was bei den Usern am besten ankommt?
Brutale Ehrlichkeit dem Zuschauer, das stetige Liebesbekenntnis dem eigenen Werk gegenüber und eine Prise Selbstironie.

Neben dem Webvideopreis findet am 30. und 31. März das Videocamp statt. Was dürfen die Teilnehmer erwarten?
Das Videocamp ist ein Themen-Barcamp. Zwei Tage lang diskutieren Fernseh- und Webvideomacher, Blogger und Journalisten über Bewegtbild. Wie mache ich dieses, was haltet ihr davon, wo geht die Reise in Zukunft hin. Das Besondere ist, dass es im Vorfeld keinen festgelegten Vortragsplan gibt. Alle Teilnehmer entscheiden jeden Morgen gemeinsam, wie der Tag verlaufen wird. Das schafft eine sehr dichte, persönliche und intensive Arbeitsatmosphäre. Wir als Veranstalter stellen nur den
Sandkasten und die Förmchen zur Verfügung. Wer mit wem welche Burg baut, das entscheiden die Videocamper selbst.

Was unterscheidet das “Webvideo” von normalen Fernsehbeiträgen? Ist es das, was vor oder das was hinter der Kamera passiert?
Jedes gute Webvideo findet seine Qualität hinter der Kamera. Ob es die Idee, die Leidenschaft am Projekt oder der missionarische Eifer sind. All diese Dinge schwappen vor die Kamera – und sind den Zuschauern auch wichtiger, als die pure Verpackung aus Ton und Bild.

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