Thomas Rabe: der Bertelsmann-Baumeister

Publishing Endlich ganz oben: Mit seiner Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann hat sich der langjährige Aspirant auf den Chefsessel des Top-Konzerns einen Lebenstraum erfüllt. Am Dienstag absolvierte er seinen ersten großen Auftritt: Bei der Bilanz-Pressekonferenz stellte Thomas Rabe die Unternehmenszahlen vor und erläuterte seine Zukunftsstrategie. Der 46-Jährige will Bertelsmann in den kommenden eineinhalb Jahrzehnten neu aufstellen – Beobachtungen beim Auftritt in Berlin.

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In der Welt von Thomas Rabe scheint alles durchgetaktet zu sein. Die Bilanz-Pressekonferenz in Berlin beginnt fast auf die Sekunde genau um 10.30 Uhr. Rabe sitzt in der Mitte, flankiert von seinen Bereichsvorständen, die erstmals eigene Redezeiten in der Jahres-PK erhalten. Während der einleitenden Worte seiner Kommunikationschefin Karin Schlautmann lächelt der CEO fast jungenhaft in die Runde. Sollte er vor seinem ersten großen Auftritt nervös sein, so ist davon nullkommanichts zu spüren. Durch die Fenster der Hauptstadtresidenz des Konzerns mit der symbolträchtigen Adresse Unter den Linden 1 scheint die Frühjahrssonne. Rabe, der nur unter der Woche in Gütersloh weilt, wohnt gar nicht weit entfernt. Das hier ist sein Heimspiel.
Der 46-Jährige ist angekommen an seinem Ziel, das er jahrelang zielstrebig – manche sagen: verbissen – verfolgt hat. Seit dem 1. Januar ist er Chef von Europas größtem Medienunternehmen, und er weiß, dass er sich auf dem Erreichten nicht eine Sekunde ausruhen darf. Keine 20 Minuten dauert sein Eröffnungsvortrag, währenddessen er förmlich durch das komplexe Zahlenwerk fliegt, um am Ende seine Vision für den Konzern zu formulieren. Das zurückliegende Geschäftsjahr nennt er „solide“ und „zufriedenstellend“. Nicht gerade eine euphorische Wertung, zumal er zudem eine ordentliche Delle im Konzernergebnis berichten muss. Abhaken und besser machen, könnte man folgern. Aber wie?
Diese Frage ist es, die die anwesenden Journalisten wie die Branche am meisten interessiert, und Rabe beantwortet sie in der erwarteten Weise: internationale Expansion, Vorantreiben der Digitalisierung, Investments in konjunkturunabhängige und wachstumsstarke Segmente wie den globalen Edu-Markt. Das Unternehmen wechselt die Rechtsform, wird von der Aktien- zur Kommanditgesellschaft und damit empfangsbereit für fremdes Geld. Mit der Investment-Company KKR gibt es bereits eine erprobte Zusammenarbeit im Musikgeschäft. Solche Finanzierungsmodelle dürften in der Zentrale in Gütersloh, deren Expansionsstreben immer noch von einer milliardenschweren Schuldenlast gedämpft wird, Zukunft haben.
Zehn bis 15 Jahre, sagt der Vorstandschef, werde der Umbau und die Neuaufstellung des Konzerns dauern – für Wirtschaftsprognosen eine lange Zeit, die Rabe nur haben wird, wenn er Schritt für Schritt Erfolge präsentieren wird. Der neue Mann an der Spitze ist auch bereit, Risiken einzugehen. Ein Börsengang ist in seinem Unternehmensbild wieder eine reale Option. Die Familie Mohn soll die Macht behalten, aber der Kurs des früheren Finanzvorstands ist ohne hohe Investitionen kaum umsetzbar. Der Fokus der Strategie wird sich verschieben: Europa, wo heute vier Fünftel des Konzernumsatzes generiert werden, wird an Bedeutung verlieren und die schnell wachsenden Märkte in Asien und Südamerika werden statt dessen in den Vordergrund rücken. Europas Wirtschaft, so Rabes unsentimentale Einsicht, wächst langfristig nicht oder zumindest nicht schnell genug. Der weltgewandte  Manager, der fünf Sprachen spricht und sich auf internationalem Parkett leichtfüßig zu bewegen weiß, will den Konzern global stärker aufstellen und auch in Entwicklungsländern lukrative Geschäfte ankurbeln.
Seine Weltstrategie klingt verlockend, hat aber auch einen Hauch von der Verwegenheit, die vor mehr als einem Jahrzehnt den damaligen Vorstandschef Thomas Middelhoff umwehte und die später konservative Köpfe in den Führungsetagen in Alarmstimmung versetzte.
Doch was Rabe an diesem Tag vorträgt, hat Hand und Fuß – und fast zu wenig Überraschendes, weil seine Sichtweisen seit Monaten Branchenthema sind. So muss sich der Neue auch die bei der Jahres-PK gestellte Frage gefallen lassen, was er denn wirklich anders mache als sein Vorgänger, der ebenfalls mit einem offensiven Wachstumsbekenntnis angetreten war, um dann die volle Wucht der Weltkrise zu spüren. Rabe erwähnt den Namen Hartmut Ostrowski nicht, sein Blick geht ausschließlich nach vorn. Im Konzern, der traditionell auf Dezentralität setzt, wird Rabe die Zügel anziehen. Für das Neugeschäft gebe es künftig „klare Vorgaben“, die er als entscheidende „Investitionskriterien“ voraussetzt, wenn in den Unternehmensbereichen die Millionen mit Zustimmung aus Gütersloh fließen sollen. Die sechs Punkte rasselt er dann so geschwind herunter, dass die meisten Berichterstatter beim Versuch aufgeben, alle Punkte zu notieren.
Rabe drückt aufs Tempo, das gilt nicht nur hier, sondern im gesamten Unternehmen, das er als designierter Vorstandschef bereits im vergangenen Jahr zum „konzernweiten Dialog“ aufrief. Auch in Berlin beantwortet der CEO Fragen mit großer Ernsthaftigkeit, er positioniert sich klar, aber er polarisiert zu keinem Zeitpunkt. Wer hier auf Breaking News in der Konzernstrategie gewartet haben mag, macht eine interessante Entdeckung: Nicht WAS der Neue in den Raum stellt, scheint das Zentrale, sondern WIE er seine Ziele zu erreichen gedenkt: nicht problem-, sondern lösungsorientiert. Nicht zögerlich, sondern mit voller Kraft und Überzeugung. Nicht gegeneinander, sondern im Team.
Bei seinem ersten großen öffentlichen Auftritt schafft es Thomas Rabe, den Nimbus des Neuanfangs zu verströmen, und es ist ganz schwer zu beurteilen, wie viel davon tatsächlich gelebte Überzeugung ist und wie viel möglicherweise Selbstbeschwörung. Der gerade angetretene Vorstandschef präsentiert sich zum Start als ein Mann auf dem Sprung, als einer, der sich von den Unsicherheiten der Welt- und Geldmärkte nicht von seinem Weg abbringen lässt, der seinem Konzern wie der Branche Optimismus einimpft, indem er etwa über die Digitalisierung, das Schreckgespenst vieler Medienhäuser, schlicht sagt: „Sie macht unsere Angebote wertvoller.“ Und er weiß, dass es in seiner Position auch einen Politiker und Diplomaten erfordert, um erfolgreich zu sein. So umarmt er die Konkurrenz im Medienbusiness, indem er im Kampf um einen digitalen Urheberschutz zum "Schulterschluss der Kreativbranche" aufruft.
Als nach 75 Minuten die letzte Frage beantwortet ist, hat Thomas Rabe seine Aufgabe mühe- wie tadellos erledigt. Nicht spektakulär, aber souverän, ganz, wie man es im westfälischen Familienunternehmen schätzt. Doch am Ende wird alle Strahlkraft nur so lange halten, wie sie von laufenden Konzernerfolgen des CEO gefüttert wird. Das Modell des Baumeisters muss vom kühnen Entwurf zum Fass- und Messbaren werden. Auf Rabe lastet jetzt der Druck, seine Versprechen und Visionen Realität werden zu lassen. So lässig, wie er am Ende beim Vorstandsfoto in die Kameras lächelt, kann er damit offensichtlich gut umgehen.

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