Presserabatte: Sind wir denn alle Wulff?

Publishing Die Deutsche Bahn machte den Anfang. Air Berlin und Telekom zogen nach. Alle drei Groß-Unternehmen haben den Presserabatt abgeschafft. Weitere dürften dem Beispiel folgen. Begründet wird dies direkt oder unterschwellig mit dem Hinweis auf die Schnäppchen-Affäre von Christian Wulff. Dass der Presseausweis nicht länger zum Schnäppchensammeln genutzt werden kann, ist grundsätzlich zu begrüßen. Ob die Unternehmen aber wirklich nur hehre Ziele verfolgen, darf bezweifelt werden.

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Das publicityträchtige Abschaffen des Presserabatts passt in die Zeit. Gerade haben die Medien mit hartnäckiger, bohrender Berichterstattung dafür gesorgt, dass Christian Wulff als Bundespräsident zurücktreten musste. Nun steht die “vierte Gewalt” selbst am PR-Pranger. Die Bahn, Air Berlin und die Telekom schaffen die Presserabatte ab. “Passt nicht mehr in die Zeit”, “nicht mehr zeitgemäß”, heißt es zur Begründung. Air Berlin verweist sogar direkt auf den Bezug zur Wulff-Affäre. So entsteht der Eindruck von Journalisten, die Wasser predigen und Wein saufen. Christian Wulff wird heftig für seine Schnäppchenjagd kritisiert und gleichzeitig wird selbst jeder Rabatt, den man mit seinem Ausweis bekommt, gerne mitgenommen.

Solche bigotten Haltungen und Handlungen gab gibt es in unserer Branche genau wie anderswo. Und der Kollege, der beim Besuch im Zoo oder im Museum schon von weitem mit dem Presseausweis winkt, muss einem nicht sympathisch sein. Aber müssen wir uns nun alle schuldig fühlen? Man sollte differenzieren. Genauso wenig wie “die Politiker” generell gierig und korrupt sind, sind es “die Journalisten”. Dass Presserabatte gestrichen werden, ist in Ordnung. Denn, wenn wir ehrlich sind: Sie waren ja nie “zeitgemäß”, wie es die Unternehmensmitteilungen zu deren Abschaffung suggerieren.

Aber es wäre eine Illusion zu glauben, Unternehmen wie die Bahn oder die Telekom hätten mit ihren Rabatten die Berichterstattung in den Medien gelenkt oder beeinflusst. Die Bahn und die Telekom sind zwei Großunternehmen, über die nachweislich extrem kritisch berichtet wurde. Trotz Presserabatt. Gerade bei der Bahn kam der Rabatt zudem oft nicht den einzelnen Journalisten zu Gute, sondern den Medienunternehmen, die den Journalisten die Bahncard für Dienstreisen bezahlen. Und auch über die wirtschaftlichen Probleme bei Air Berlin wurde stets ausführlich berichtet, trotz der sehr großzügigen Pressekonditionen der Fluglinie.

Haben die drei Unternehmen also den Presserabatt abgeschafft, weil er nur kostet und nix bringt? Oder sah man in den Firmen anlässlich der Wulff-Debatte schlicht eine gute Gelegenheit, um einen zur Gewohnheit gewordenen Kostenfaktor zu streichen? Wahrscheinlich eine Mischung aus mehreren Gründen. Und die Journalisten? Die sind eben auch keine besseren Menschen. Im Zweifel muss es jeder Journalist, genauso wie jeder Politiker, jeder Beamte, jeder Manager mit sich und seinem Gewissen ausmachen, was man tun darf, tun sollte und was man lieber lässt. Immerhin ist Christian Wulff gestürzt, weil er solche Grenzen eben nicht gezogen hatte.

Die Einflussnahme von Konzernen bei Medien bleibt trotzdem ein Thema, auch wenn die Presserabatte komplett abgeschafft würden. Unbegrenzt zur Verfügung gestellte “Test-Exemplare” von teuren Gadgets, Luxus-Reisen für “Auto-Tests”, Kreuzfahrten gegen gefällige Berichterstattung. Das alles gab und gibt es, unabhängig von Presserabatten.

Dass nun ein paar Konzerne an die große Glocke hängen, dass sie Presserabatte abschaffen, sollte nicht dazu führen, dass wir diese Unternehmen mit Verteidigern der Pressefreiheit verwechseln.

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