„Tagesschau“ mau: Liegt’s an Gottschalk?

Fernsehen Das neueste Argument der Gottschalk-Gegner in der ARD heißt "Tagesschau". Das Vorabend-Experiment des Show-Dinos schädige die Hauptnachrichten des Ersten - und das dürfe nicht sein. Doch ist das wirklich so? Leiden die Zuschauerzahlen der 20-Uhr-"Tagesschau" unter den miesen "Gottschalk Live"-Werten? Ergebnis einer MEEDIA-Analyse: So einfach, wie es sich die ARD-Entscheider machen, ist die Lage nicht. Die "Tagesschau" ist derzeit weniger erfolgreich, aber die News der Konkurrenz sind es auch.

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"Es sei für die ARD aber nicht hinzunehmen, dass ihr Flaggschiff von den miserablen Marktanteilen des Vorabend-Talks in Mitleidenschaft gezogen wird", zitierte Hamburger-Abendblatt-Autor Kai-Hinrich Renner indirekt die Stimmungslage unter den Intendanten der ARD. Damit bringen sie erstmals die wohl wichtigste ARD-Sendung in die Diskussion um "Gottschalk Live". Die 20-Uhr-"Tagesschau", der Leuchtturm im deutschen Fernsehen, an dem sich sogar die Prime-Time-Anfangszeit (20.15 Uhr) aller relevanten TV-Sender ausrichtet – die darf nun wirklich nicht Schaden nehmen.
Und tatsächlich: Auf den ersten Blick scheint die 20-Uhr-"Tagesschau" im Ersten derzeit deutlich weniger Zuschauer anzulocken als in den entsprechenden Monaten der Vorjahre. Auf Marktanteile von 17,4% und 17,3% kam sie im Februar und den ersten 22 März-Tagen. Zum Vergleich: Februar und März 2011 bescherten der Sendung 18,0% und 19,4%, Februar und März 2010 18,7% und 18,5%. Allerdings: Die beiden aktuellen Monate, in denen "Gottschalk Live" an den meisten Tagen der Woche vor der "Tagesschau" zu sehen war, sind für die 20-Uhr-Sendung keineswegs die schlechtesten Monate der jüngeren Vergangenheit. Im November und Dezember fiel sie sogar auf 17,0% und 16,7% – und da war "Gottschalk Live" noch Zukunftsmusik.
Natürlich kann es sein, dass Gottschalk die "Tagesschau"-Zahlen ein wenig negativ beeinflusst. Doch das lässt sich anhand der reinen Quoten – auch für die ARD-Intendanten – nicht sagen. Viel wichtiger ist für den Erfolg einer solchen Sendung doch die aktuelle Nachrichtenlage. Im März 2011 bewegten die Katastrophe in Fukushima und die Revolution in Libyen die Welt. Klar, dass da auch die Quoten der Nachrichtensendungen überdurchschnittlich gut waren. Aktuell fehlen solche Mega-Themen: die Wulff-Affäre, der neue Bundespräsident, Schuldenkrise – alles keine Themen, wegen denen man die "Tagesschau" nicht verpassen darf.
Auch der Blick auf die "Tagesschau"-Konkurrenz zeigt, dass die Nachrichtenlage einen höheren Faktor an der Quotendelle haben dürfte. So liegen auch "heute" und "RTL aktuell" im Februar und März mit Marktanteilen von 15,0% und 15,3% bzw. 17.5% und 17,0% deutlich unter den Vorjahreswerten ("heute" 2011: 15,8% / 17,1%, "heute" 2010: 16,0% / 16,1%, "RTL aktuell" 2011: 18,3% / 18,6%, "RTL aktuell" 2010: 17,5% / 18,1%). Auch "RTL aktuell" erreicht im bisherigen März mit 17,0% wie die "Tagesschau" den schwächsten Monatswert der vergangenen zwei Jahre. Ob auch immer "Gottschalk Live" die Zuschauerzahlen der "Tagesschau" ein wenig nach unten drückt – der wichtigste Faktor für den Erfolg der Nachrichten ist die Show sicher nicht.
Nachtrag, 23.03., 15.50 Uhr: NDR-Sprecher Martin Gartzke kommentiert via E-Mail: "Vielen Dank für Ihren Hinweis darauf, dass die Nutzung von Nachrichtensendungen auch mit der jeweiligen Nachrichtenlage zu tun hat. Die Wertung, die Sie am Schluss des ersten Absatzes machen, kann allerdings so nicht stehenbleiben: Die Tagesschau sei derzeit erfolglos, schreiben Sie dort. Im Durchschnitt haben im März 2012 bislang jeden Abend deutlich mehr als 9 Millionen Menschen die 20-Uhr-Ausgabe eingeschaltet. Der Marktanteilsschnitt liegt im laufenden Monat bei mehr als 30 Prozent. Dabei sind die zeitgleichen Ausstrahlungen in den meisten Dritten Programmen, bei 3sat und Phoenix mitgezählt. Wenn mehr als neun Millionen Zuschauer Beleg für Erfolglosigkeit sein sollten, wie finster sähe es dann erst für heute oder RTL aktuell aus?"
Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Formulierung im Vorspann abgeändert in "weniger erfolgreich"; dies dürfte wohl unstrittig sein.

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