Herrn Regeners Publikums-Beschimpfung

Publishing Bestseller-Autor und Element-of-Crime-Sänger Sven Regener hat sich in dieser Woche im Radio mächtig aufgeregt über Raubkopierer und Online-Piraten. Die Grenzen zur Publikums-Beschimpfung wurden von ihm dabei hier und da überschritten. Beschimpft wurde auch Claus Kleber für sein Ahmadinedschad-Interview. Zu Unrecht. Und dann gab es noch einen FAZ-Artikel über erfundene Missstände in einer Apple-Fabrik und den neusten Karten-Trick bei Gruner + Jahr.

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Es gab eine Menge Kritik an dem Interview, das “heute journal”-Moderator Claus Kleber mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad geführt hat. Kleber sei zu brav gewesen, habe den iranischen Präsidenten vor sich selbst schützen wollen, bzw. dessen krude Ansichten nicht scharf genug kritisiert usw. Das sind ja ganz schöne Schlaumeier, die sich so äußern (u.a. auch in den Kommentaren meines Artikels zu dem Interview). Nach deren Ansicht ist es wahrscheinlich wahnsinnig einfach, mal eben nach Teheran zu spazieren und den Präsidenten des Iran als Volldeppen zu demaskieren. Ein paar Anwürfe von wegen Holocaust-Leugnung und Israel-Feindlichkeit und schon wird der böse Mann weinend zusammenbrechen und Abbitte leisten vor dem gnadenlosen Fragensteller aus Europa. Das ist natürlich Unfug. Wolfgang Michal hat bei Carta.info sehr schön aufgeschrieben, was so ein Interview leisten kann und was eben nicht.

Interessanten Artikel diese Woche in der FAZ gelesen. Es geht um den us-amerikanischen Performance-Künstler Mike Daisey. Der hatte die chinesische Elektronik-Fabrik von Foxconn, die u.a. auch für Apple iPhones und iPads herstellt, besucht und daraus ein Ein-Personen-Broadway-Stück gemacht. In dem Stück schilderte er seine Eindrücke von den grauenhaften Arbeitsbedingungen bei Foxconn. Das ist eben jene Fabrik, die wegen zahlreichen Selbstmorden von Mitarbeitern und schlimmen Arbeitsbedingungen schon oft in den Schlagzeilen war. Das Bühnen-Stück sorgte wegen der eindringlichen Art der Schilderung in den USA für Furore. Blöd nur: Es war größtenteils erfunden. Daisey konnte seine Schilderungen in der renommierten National Public Radio Show “This American Life” ausbreiten. Nachdem bekannt wurde, dass er die beschriebenen Zustände zumindest teilweise erfunden hatte, sendete “This American Life” eine Art Dokumentation, die die Täuschung aufarbeitete. Das Bemerkenswerte: Apple hatte wegen der Aufregung um Daiseys Performance und Foxconn eingewilligt, unabhängige Kontrollen seiner chinesischen Zulieferer zuzulassen.

Bei Gruner + Jahr ist man jetzt auf den Karten-Trick gekommen. Nach dem Kunstmagazin Art führt jetzt auch das Fußball-Heft 11 Freunde eine Karte für Abonnenten ein, in bewährtem Fußball-Sprech “Dauerkarte” genannt. Wer eine solche Dauerkarte, früher: Abo, besitzt, bekommt exklusiven Zugang zu redaktionellen Inhalten, Einladungen zu Lesungen oder Fußballfilm-Kinoabenden. Außerdem gibt es zehn Prozent Rabatt (warum nicht elf?) im 11-Freunde-Webshop. Das gleiche Prinzip der Leserbindung praktiziert schon das Kunstmagazin Art. Dort heißt die Abokarte artcard und ermöglicht u.a. Rabatte beim Eintritt in 120 Museen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gerade für solche Special-Interest-Magazine ist die Sache mit der Abo-Karte keine schlechte Idee.

Da hat er sich aber aufgeregt, der Sven Regener. Der Autor (“Herr Lehmann”) und Sänger der Band Element of Crime ließ bei der Jugendwelle Zündfunk des Bayerischen Rundfunks eine gut fünfminütige Tirade gegen Online-Piraten und Konsorten ab: “Das Rumgetrampel darauf, dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: ,Euer Kram ist nichts wert. Wir wollen das umsonst haben.‘” Die Raubkopierer, die würden Künstler doch nur als “Nutten” sehen. Wenn das so weiterginge, dann blieben nur noch Volksmusik und Deutsche Schlager: “Alles andere ist tot.” Malt er da nicht ein bisschen arg schwarz-weiß, der Herr Regener? Mir zumindest sind auch aus der Piraten-Partei keine maßgeblichen Äußerungen bekannt, die generell das Urheberrecht abschaffen wollen. Aber gegen lobbyistischen Unsinn wie das von Verlagen gepushte Leistungsschutzrecht kann man durchaus sein, ohne Künstler und andere Urheber als “Nutten” im Regener’schen Sinne zu betrachten. Die vom ihm beschriebene Attitüde des “alles für umsonst wollens” ist zudem gar nicht so weit verbreitet. Warum haben Online-Musikdienste wie iTunes, die Musik gegen echtes Geld verkaufen, solche Zuwachsraten? Warum gibt es reihenweise Stars, die auf Portalen wie YouTube oder MySpace groß geworden sind (Lady Gaga, Justin Bieber z.B.). Und Volksmusik und Schlager? Das sind die musikalischen Entsprechungen einer Yellow-Frauenzeitschrift. Die Dinger verkaufen sich auch noch ganz gut, weil die Zielgruppe eben nicht digital ist. Der digitale Umbruch sorgt durchaus für Verwerfungen. Die Lösung für Künstler, ihr Heil in einer gepflegten Publikumsbeschimpfung zu suchen, ist aber vermutlich der falsche Weg, damit umzugehen.

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