Google-Gegner: „Such-Markt ist zerstört“

Publishing "Der Markt regelt es überhaupt nicht, der Markt ist zerstört." Das sagt Wolfgang Sander-Beuermann über das Internet, und im Speziellen über den Wettkampf zwischen den Suchmaschinen. Sein Verein SuMa-eV kämpft seit Jahren für die Förderung von Gegengewichten zu Google und die Entwicklung europäischer Alternativen. Für Sander-Beuermann, der die Suchmaschine Metager mit entwickelt hat, ist es allerhöchte Eisenbahn. Nutzern rät er, Werbeblocker zu installieren und Nein zu Google+ zu sagen.

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Wolfgang Sander-Beuermann ist ein Suchmaschinen-Demokrat. Am Revers seines Jackets hat er einen kleinen Button befestigt, auf dem ein rot durchgestrichenes G+-Zeichen zu sehen ist. Das steht für Googles soziales Netzwerk Google+, das der US-Konzern im vergangenen Jahr startete und das die Nutzer länger im Google-System halten soll als bisher. Google müsse wegen seines "faktischen Monopols" reguliert werden, findet der Wissenschaftler, der das Suchmaschinenlabor an der Universität Hannover aufgebaut hat. 2004 gründete er SuMa-eV, einen gemeinnützigen Verein "zur Förderung der Suchmaschinen-Technologie und des freien Wissenszugangs".

Sander-Beuermann kämpft schon seit einigen Jahren für mehr Alternativen im Netz und gegen die Vormachtstellung von Netz-Giganten. Allgemeingut sind seine Forderungen darum noch längst nicht – die Masse der Nutzer strebt nach Bequemlichkeit und arbeitet daher mit Google oder netzwerkt über Facebook. Datenschutzbestimmungen sind wichtig, irgendwie, aber das aktive Interesse, Alternativen zu fördern, ist eher gering ausgeprägt. Darum liegt ein Hauch von "Zerschlagt Google!"-Stimmung in der Luft, wenn der freundliche Herr Vorschläge macht, wie Monopolisten im Netz reguliert werden könnten.

Gesucht: Eine KEK für das Internet
Der Wissenschaftler denkt beispielsweise an eine Clearingstelle, die Machtmissbräuche vorab prüfen könnte – die also beispielsweise einen App-Store wie den von Apple vor der Freischaltung genau unter die Lupe nehmen oder die ein faires Ranking von Suchergebnissen garantieren müsste. Eine Kommission wie die deutsche KEK für den TV-Markt wäre denkbar, die sich um Konzentrationstendenzen im Netz kümmern und gegebenenfalls verhindern könnte. Die KEK leiste diese Aufgabe ja leider nicht, denn sie berücksichtige ja noch nicht einmal YouTube, moniert Sander-Beuermann und findet, die KEK "sollte zugemacht werden oder ihre Strukturen zeitgemäß anpassen".

Sander-Beuermann, der promovierter Ingenieur ist, hat aber auch einige andere, ganz detaillierte Ideen. So regt er ein Verbot an, marktdominante Suchmaschinen in Browser oder Portale voreingestellt einzubauen. Das EU-Gerichtsurteil von 2007 gegen Microsoft, nach dem der US-Konzern seine Machtstellung zum Schaden von Verbrauchern ausgenutzt habe, könnte ein Vorbild sein. So verlängerte etwa Firefox just die Kooperation mit Google und kassiert dafür Hunderte von Millionen Dollar. Ein weiterer Vorschlag: Dominante Suchmaschinen müssten eine Obergrenze von etwa 60 bis 70 Prozent der gesamt gestellten Suchanfragen vorgegeben bekommen. Der Rest der Anfragen müsste dann an die Mitbewerber weitergegeben werden. Oder: Die Werbeplätze oberhalb der Suchergebnisse müssten abgeschafft werden. Google habe das Verhältnis zwischen organischen Suchergebnissen und Ergebnissen, die gegen Bezahlung platziert werden, in den vergangenen Jahren deutlich zugunsten der Werbeplätze verändert.

Ziel: ein "teilweise eigenständiges europäisches Internet"
Sander-Beuermann wiederholte seine Forderungen in dieser Woche auf einer Konferenz, die sein Verein gemeinsam mit der Freien Universität Berlin ausgerichtet hat. Sein Ziel lautet, in aller Kürze: der Aufbau eines "teilweise eigenständigen europäischen Internets". Denn, sagt Sander-Beuermann: "Der Neoliberalismus darf nach dem Finanzwesen nicht noch das Internet zerstören". Alle wesentlichen Entscheidungen über die Zukunft des Internets fielen in den USA – gerade darum seien europäische Alternativen so wichtig. Die bestehenden Machtstrukturen im Internet sind für Sander-Beuermann nichts anderes als eine Oligarchie, also eine Herrschaft der Wenigen.

Wenn das Wort Netzaktivist nicht vor allem durch Männer in ihren Mittdreißigern besetzt wäre, könnte man Sander-Beuermann wohl als einen solchen bezeichnen. Er ist allerdings ein Aktivist, der nicht nur redet, sondern auch etwa tut für seine Überzeugungen. Bereits seit 1997 beschäftigt er sich an der Uni Hannover mit dem Aufbau der Meta-Suchmaschine Metager – die Suchanfragen an verschiedene andere Maschinen weiterleitet und deren Ergebnisse sortiert und beispielsweise Dopplungen löscht.

Eine Hoffnung für mehr Wettbewerb heißt Yandex
Und noch auf einer weiteren Suchmaschine ruhen seine Hoffnungen, das Monopol von Google zumindest in einigen Ländern brechen zu sehen: dem russischen Anbieter Yandex. Yandex kann es in vielen Belangen technisch mit dem US-Rivalen aufnehmen, ist aber bei weitem noch nicht so bekannt – selbst wenn Yandex seit einem NASDAQ-Börsengang im vergangenen Jahr zum nach Marktkapitalisierung größten Internetkonzern Europas aufstieg. Nun ist auch Yandex ein kommerzielles Unternehmen, das ganz ähnlich wie Google sein Geld mit Werbung verdient. Aber zumindest ist hier ein Wettbewerber in Sicht.

Ein Yandex-Vertreter stellte die Funktionen der Suchmaschine dann auch auf der Berliner Konferenz vor. Es gibt nur eine Handvoll Suchmaschinen, die in ihrem Heimatmarkt die Nase vor Google haben – dazu gehört auch Yandex. Ob das protektionistischen Hilfestellungen, dem komplizierten kyrillischen Alphabet oder tatsächlich der Überlegenheit von Yandex geschuldet ist, wird sich zeigen, wenn die Russen die Internationalisierung vorantreiben. Wolfgang Sander-Beuermann sagt, wenn die Marktmacht einer einzigen Suchmaschine ungebrochen bestehen bleibe, werde Populäres nur noch populärer. Und der Rest versinke "in Bedeutungslosigkeit".       

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