Thomas Bellut – Wege zum Glück

Fernsehen Seinen ersten Auftritt als ZDF-Intendant hat Thomas Bellut souverän absolviert. Wo sind nun die wichtigsten Aufgaben für den neuen Boss vom Mainzer Lerchenberg? Von zentraler Bedeutung wird sein, wie gut es Bellut gelingt, die Unverzichtbarkeit des öffentlich-rechtlichen Systems als Ganzes - ohne die ARD lässt sich das ZDF nicht denken - den Gebührenzahlern zu vermitteln. Mit der Gebührenreform wird den Sendern im kommenden Jahr der Rechtfertigungsdruck steigen. Was auch eine Chance sein kann.

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Wo sind nun die größten und wichtigsten Baustellen für Bellut?

Personal: Die Schlüsselpositionen sind im Großen und Ganzen verteilt. Noch am vergangenen Freitag wurde vom ZDF-Verwaltungsrat beschlossen, ZDF.Neo-Chef Norbert Himmler zum neuen Fernsehdirektor zu machen. Was schon mal eine progressive Besetzung ist. ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner verlässt das ZDF dem Vernehmen nach im Sommer, als ein möglicher Nachfolger ist Andreas Gerling im Gespräch, der im vergangenen Jahr als "Showentwickler" vom NDR kam. Chefredakteur Peter Frey macht einen ordentlichen Job.

Sparprogramm: Die KEF hat das ZDF dazu aufgefordert, einige Millionen Euro einzusparen. 75 Millionen, um genau zu sein, und zwar in der kommenden Gebührenperiode bis 2016. Bellut wie Chefredakteur Frey haben bereits angekündigt, man werde die Kostenschnitte im Programm spüren. Äußerungen dieser Art klingen wie nur leicht verhüllte Drohungen mit dem Abbau von Qualität im Programm. Tatsache aber ist, dass das ZDF Vorgaben der Gebührenkommission nicht befolgt hat. Und auch das gebührenfinanzierte System ist nun mal kein Selbstbedienungsladen. Projekte wie neue Digitalkanäle oder die ZDF-Mediathek, in die personell investiert wurde, sind ohne Frage gut gemacht und stoßen auf eine gewisse Nachfrage bei den Nutzern. Doch schwer nachzuvollziehen ist die Strategie des ZDF, Tatsachen zu schaffen und dann zu lamentieren, dass sich die Sparvorgaben im Programm niederschlagen werden.

Gebühren: Wie beim vorigen Punkt ist hier der Intendant als Qualitätsverkäufer gefragt. Es ist absehbar, dass die Print- und Onlinepresse die Umstellung des Gebührensystems zu einer Haushaltsabgabe im kommenden Jahr mit Hingabe verfolgen, bewerten und möglicherweise vielfach verreißen wird. Bellut wird unmissverständlich klarmachen müssen, warum diese Gebühr gut ist, warum öffentlich-rechtliche Sender ihr Geld wert sind und wo auch sein Sender Kompromisse eingehen wird, um sich den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen. Es wird auf Dauer für die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr möglich sein, gegen den Druck der Gebührenzahler teure Sportrechte wie die der Champions League zu kaufen. Sportveranstaltungen gehören heute in privatfinanzierte Sender.    

Shows: Die Aufmerksamkeit, die dem Moderatorenwechsel von "Wetten, dass…?" in den vergangenen Monaten angediehen ist, übersteigt alle vernünftigen Dimensionen. Hunderte von Berichten, Spekulationen um die Gottschalk-Nachfolge, Maul-Zerreißen über Markus Lanz – das lässt sich eigentlich nur mit dem einstigen Glanz der Show erklären. Die aber in den vergangenen Jahren etwas Patina ansetzte. Die Hürde von zehn Millionen Zuschauern wird der smarte Lanz sicher auch nicht spielend überspringen. Es war zwar nicht verkehrt von Bellut, auf eine Fortsetzung von "WD" zu setzen. Die bessere Entscheidung wäre aber gewesen, die Show mit Tamtam zu beenden. Dass der Sender sehr wohl in der Lage ist, kleinere Shows zu platzieren, die frischen Wind ins Programm blasen, zeigen vorbildhaft die "Heute Show" und "Leute Leute".  

Digitalkanäle: Kurt Beck, Chef der Medienkommission der Länder, forderte bereits die Wieder-Abschaffung einer Reihe öffentlich-rechtlicher Digitalkanäle. Kernkompetenzen laute das Zauberwort. Die Strategie von ARD und ZDF, junge Zuschauer mit einem jungen Programm, gewissermaßen im Digital-Ghetto abzufangen, teilt Beck offenbar nicht. Währenddessen ist das ZDF schwer begeistert von dem jugendlichen Elan, den die Kanäle Neo, Kultur und Info verbreiten. Die Botschaft an die Branchenbeobachter lautet: Wir können mehr als Kukident! Das ist wohl wahr, doch die Frage bleibt: Stehen Aufwand und Ertrag im Verhältnis?

Thomas Bellut hat gesagt, anbieten werde er die Einstellung eines Digitalsenders sicher nicht. Er hat aber auch nicht gesagt, dass er sich einer Aufforderung widersetzen würde. Politisch waren diese Sender gewünscht und abgesegnet, darum kann Bellut zunächst einfach auf Zeit spielen und sich die Sender derweil weiterentwickeln lassen. Aber: Der Beleg für die Behauptung, dass der Hauptsender von den Ablegern lernen soll, muss noch erbracht werden. So lange Joko und Klaas nur bei ZDF.Neo zugange sind und nicht im Hauptprogramm, ist noch viel Wunschdenken im Spiel, was die kreative Befruchtung des ZDF durch die Digitalsender betrifft.

Verjüngung: Die Gefahr, die beim ZDF (wie bei ARD) immer latent droht, ist die der zur Schau gestellten Selbstzufriedenheit. Die Attitüde, dass nur öffentlich-rechtliches Fernsehen die Nation vor der Verblödung bewahren kann, tragen nicht nur Intendanten und Chefredakteure zuweilen sehr plakativ mit sich rum. Thomas Bellut hat in seiner Antrittsrede aber den Finger in die Wunde gelegt und gelobt, den Altersdurchschnitt zu senken. Der liegt beim ZDF bei 61 Jahren. Angesichts der demographischen Entwicklung dürfte die Senkung des Altersschnitts keine leichte Sache werden.

Internet: Die Auseinandersetzung mit den Tageszeitungsverlagen ist vielleicht erst der Anfang. Seit ARD und ZDF entdeckt haben, wie wichtig das Netz für sie ist, kollidieren sie immer häufiger mit privatwirtschaftlich finanzierten Angeboten. Hier ist Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick gefragt. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen fraglos im Netz ihre Rolle finden, dürfen die werbefinanzierten Angebote aber so weit wie möglich nicht bei der Entfaltung ihrer Geschäftsmodelle torpedieren. Bisher bewegen sich die Konflikte noch auf einem kleinen Level. Doch die Tagesschau-App war vermutlich erst der Anfang. 2012 soll die On-Demand-Plattform "Germany´s Gold" von ARD und ZDf starten. Ein ähnliches Projekt von RTL und ProSiebenSat.1 wurde vom Kartellamt untersagt. Auch hier droht eine lange juristische Auseinandersetzung, weitere werden mit Sicherheit folgen.

Beziehung zur ARD: Es liegt auch an Bellut, das Verhältnis zur ARD zu definieren. Man ist Partner, wie bei "Germany´s Gold", man ist aber auch Konkurrent. Dies betonte Bellut bei seiner ersten Pressekonferenz. Das ZDF wolle "dynamischer und besser" sein als die ARD. Die gemeinsamen Nachrichten am Vormittag hat das ZDF schon mal abgesagt. Bellut muss alles daran setzen, dass ZDF nicht verzichtbar zu machen oder auch nur den Eindruck zu erwecken. Darum ist die Schärfung des Profils auch und vor allem bei Nachrichten, Magazinen, Dokumentationen und Shows wichtiger denn je.

Marktanteile: Der neue Intendant übernimmt die ZDF-Verantwortung an einem Zeitpunkt, an dem sich der Sender im Auftrieb befindet. Seit dem historischen Minusrekord von 10,7 Prozent im August 2011 gab es keinen Monat mehr, in dem das ZDF nicht besser als im jeweiligen Vormonat abschnitt. Im Februar erreichte man so immerhin wieder 12,7 Prozent und lag damit nur noch 0,4 Prozentpunkte hinter RTL auf Platz 2. Solche Zahlen sind auch dringend nötig, wenn ein neuerlicher Minusrekord in der Jahreswertung vermieden werden soll. Das Jahr 2011 war mit 12,1 Prozent nämlich das schwächste in der ZDF-Historie.

Positiv anzumerken ist, dass der Sender in den wichtigsten Zeitschienen Vorabend und Prime Time am stärksten ist. Hier schlägt man die Konkurrenz auf den Monat gerechnet klar. Besonders am Samstagabend mit Shows und den Krimireihen, aber auch am Sonntag (Romanzen von Pilcher & Co.), Montag (Fernsehfilme) und Freitag (Krimiserien) erreicht das ZDF regelmäßig Top-Quoten. Richtig schwach sind die Mainzer derzeit eigentlich nur in der Prime Time eines Tages: Der Dienstag bleibt mit seinen Info-Programmen klar unter dem Soll. So scheitert der vor nicht allzu langer Zeit in ZDFzeit umbenannte Doku-Sendeplatz um 20.15 Uhr regelmäßig an der 10 Prozent-Marke. In der vergangenen Woche gab es beispielsweise nur katastrophale 4,8 Prozent: Nur 1,55 Millionen Zuschauer interessierten sich für "Die Unbesiegbaren – Rückkehr der Seuchen". Bitter, das gerade ein solcher Infoabend wie der Dienstag der schwächste im Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders ist.

Die größte Baustelle bleibt beim ZDF aber weiterhin der Nachmittag. Dort schwirren zwischen 12 Uhr mittags und 17 Uhr eigentlich alle Programme um die 10 Prozent-Marke herum – zu wenig für einen Sender mit Durchschnitts-Marktanteilen von 12,7 Prozent. Der aktuelle Mix aus Kochshows und alten Serien begeistert die ZDF-Zielgruppe nur wenig. Viel Hoffnung setzt der Sender daher in die neue Telenovela, die derzeit unter dem bekannten Label "Wege zum Glück" entsteht. Sollte sie an alte Erfolge der Marke anknüpfen können, wäre immerhin der 16.15-Uhr-Sendeplatz keine Baustelle mehr. Überraschend mies läuft im ZDF übrigens auch das gemeinsam mit der ARD produzierte "Morgenmagazin". Weit unter der 10 Prozent-Marke bleibt man hier. Am Dilemma, dass die Zuschauer bei identischen Programmen die ARD dem ZDF vorziehen, kann wohl auch der neue Intendant nichts ändern.

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