Toulouse – die Sache mit dem Weglassen

Publishing Das schreckliche Attentat von Toulouse und der mutmaßliche Täter stellen die berichtenden Medien vor ein altbekanntes Dilemma: Welche Details darf/sollte man nennen? Was lässt man besser weg, was nicht? Zahlreiche Medien verzichteten darauf, in ihren Berichten zu erwähnen, dass der Verdächtige algerische Wurzeln hat. Andere wiederum erwähnen dies. Die Abwägung in solchen Fällen ist sehr schwer, eine moralisch einwandfrei “richtige” Entscheidung zu treffen fast unmöglich.

Werbeanzeige

Da hat man also einen mutmaßlichen Attentäter, der ein schreckliches Verbrechen begangen hat. Der Mann verschanzt sich vor der Polizei und beruft sich auf die Terror-Organisation al-Qaida. Auch die Informationen, dass er in der Vergangenheit Pakistan und Afghanistan bereist hat und Verbindungen zu Salafisten- und Dschihadisten-Gruppen pflegte, sind unstrittig. Aber darf/sollte berichtet werden, dass der Mann algerische Wurzeln hat (seine Mutter stammt offenbar aus der ehemaligen französischen Kolonie)? Hier wird es schwierig.

Zahlreiche Medien, u.a. weitgehend der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Spiegel Online, die taz und die FAZ, lassen diese Information weg. Andere wiederum (u.a. Süddeutsche Zeitung, Bild-Zeitung, der Guardian, Der Standard) schreiben sie dazu. Ist das nun richtig oder falsch? Die Frage ist schwierig bis gar nicht zu beantworten.

Grundsätzlich dürften viele Journalisten während ihrer Ausbildung gelernt haben, dass die ethnische oder nationale Herkunft eines Tatverdächtigen nichts in der Berichterstattung zu suchen hat. Die berühmten Beispiele kennen viele noch aus ihrer Zeit bei Lokalmedien, wenn der Polizeibericht gefaxt wurde (heute kommt der wahrscheinlich auch via Mail). Wenn dort von einem Verdächtigen mit “südländischen Aussehen” oder “osteuropäischem Akzent” die Rede war, galt es, beherzt den Rotstift anzusetzen. Es gibt nun mal keinen kausalen Zusammenhang zwischen der regionalen Herkunft eines Menschen und einem Verbrechen, bzw. einem Verdacht.

Was aber ist mit Frankreich und Algerien? Gilt hier dasselbe Prinzip? Die beiden Länder haben eine lange, konfliktbeladene Vergangenheit. Algerien war einst französische Kolonie. Zahlreiche Algerier oder Menschen mit algerischen Wurzeln leben in Frankreich, es gibt, gerade in Großstädten, viele soziale Spannungen. Kann/sollte man das ausblenden? Ist es bei der Berichterstattung über so ein Attentat richtig, in jedem Artikel zu betonen, dass der mutmaßliche Täter französischer Staatsbürger ist, aber wegzulassen, dass er algerische Wurzeln hat?

Bei den drei französischen Soldaten, die offenbar von dem gleichen Mann getötet wurden, wird in fast allen Medien erwähnt, dass sie “nordafrikanische Wurzeln” hatten. Stammten sie auch aus Algerien? Man weiß es nicht. Das Weglassen der Nationalität oder der Herkunft eines Tatverdächtigen oder eines Täters folgt guten Absichten. Man will nicht alle anderen, unbescholtenen Angehörigen der jeweiligen Nationalität oder Volksgruppe pauschal mitverurteilen. Gerade wenn es, wie auch im Fall Frankreich/Algerien, ohnehin schon viele Vorurteile und Spannungen gibt. Das Weglassen dieser Details schürt bei Menschen, die für solche Vorurteile empfänglich sind, aber vielleicht auch den Eindruck “die Medien” würden hier einseitig Stimmungsmache betreiben, indem Informationen bewusst zurückgehalten werden. Es ist vertrackt.

Ganz anderer Fall, ganz anderes Thema aber ein ähnlicher Mechanismus. Nach Amokläufen wie in Winnenden oder Erfurt wurde oft thematisiert, dass die Täter passionierte Computerspieler waren. Schnell wurden Rufe nach Reglementierungen von gewalttätigen Videospielen laut. Sollte man die Information besser weglassen, dass ein Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, gerne gewalttätige Filme sah und Spiele spielte? Den natürlich werden solche Filme von Millionen geschaut und solche Spiele von Millionen gespielt, ohne dass diese Zuschauer oder Spieler zu Amokläufer werden. Und genauso gibt es in Frankreich zig Menschen algerischer Herkunft, die mit oder ohne französischen Pass ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten und denen nichts ferner läge, als ein schreckliches Verbrechen zu begehen.

Trotzdem könnte es in den Einzelfällen der Taten dazu gehören. Der Film- und Spielekonsum könnte ein Puzzleteilchen sein, das dazu beiträgt, die Tat des Amokläufers zu erklären. Die Herkunft eines Attentäters könnte dazu beitragen, zu erklären warum er seine furchtbare Tat begangen hat. Einerseits. Andererseits gibt es auch gute Gründe, warum das das Nennen solcher Infos Vorurteile und pauschale Ressentiments schüren kann. Eine einfache Lösung gibt es in dieser Frage nicht.

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige