Julia Jäkel: die unverkopfte Topmanagerin

Publishing Sie hat eine Karriere wie aus dem Bilderbuch gemacht, darf sich als große Gewinnerin der Umstrukturierung bei Gruner + Jahr fühlen, steht unter gewaltigem Erwartungsdruck und will nun noch Baby und Job unter einen Hut bringen: Wer glaubt, dass damit selbst die stärkste Frau an ihre Grenzen gelangt, kennt Julia Jäkel nicht. Die 40-Jährige wirkt angesichts all dieser Herausforderungen so tiefenentspannt und angstfrei, wie nur jemand sein kann, der im Leben Glück hatte und im Beruf fast immerzu Erfolg.

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Der scheinbar mühelose Aufstieg von der Geschäftsführenden Redakteurin beim People-Magazin Gala in den Kreis der einflussreichsten Manager im Hamburger Zeitschriftenkonzern ist allerdings kein Zufall. Es ist gut möglich, dass die damaligen Mittzwanzigerin in Diensten von Bertelsmann in den späten 90er Jahren einige Tugenden oder gar Qualifikationen vermissen ließ, die man im Hause Gruner + Jahr traditionell hochschätzte – im Gegenzug brachte Julia Jäkel aber Tugenden und Qualitäten mit, die Kritiker am Baumwall zu Recht vermissten. Eine von Anfang an interessante Konstellation, die jetzt auf beiden Seiten auszahlt.

Termin bei der Business-Frau Ende Januar: Durch die bodentiefen Fenster in ihrem Büro im dritten Stock sind Hafenanlagen und Speicherstadt zu sehen, der Raum läuft spitz zu wie der Bug eines Schiffes und spiegelt auch hier den architektonischen Entwurf der G+J-Zentrale am Elbufer wider. Julia Jäkel hat wenig Zeit. Die fortgeschrittene Schwangerschaft steht ihr ausgesprochen gut, mahnt sie aber zugleich, jetzt noch effektiver mit ihren Ressourcen umzugehen als gewohnt. Die beinahe makellose Bilanz der Jahre als Hauptverantwortliche der Verlagssparte Exclusive & Living hat ihre Position intern gestärkt, sie hat mit ihrem Team Schöner Wohnen neu belebt und gerade Essen & Trinken auf die Erfolgsspur zurückgebracht.  Das lange Zeit eher überschaubare Corporate Publishing-Geschäft wurde hat sich unter ihrer Führung spürbar dynamisch entwickelt. Das ehrt, schürt aber auch die Erwartungen.

Was jetzt vor ihr liegt, ist eine ungleich schwierigere Aufgabe: Der Verlagsgeschäftsführerin fällt mit der gerade vollzogenen Strukturreform nun fast der gesamte wichtige – weil enorm umsatzstarke – Bereich Frauen/Familie/People zu, der mitsamt der bisherigen Titel auf ein Portfolio von rund zwanzig Medienmarken mit geschätzt 600 Mitarbeitern anschwillt. Da hilft es enorm, dass sie früher viereinhalb Jahre Verlagsleiterin der Brigitte-Gruppe war und viele wichtige Köpfe in Redaktion wie Verlag bestens kennt. Julia Jäkel geht die Fusion zur publizistischen Unternehmenssäule G+J LIFE unaufgeregt an: "Es ist erst einmal mein Job, für Ruhe und Gelassenheit zu sorgen." Denn sie ist überzeugt, dass "Menschen besser arbeiten, die lustvoll arbeiten. Ich bin selbst so."

Dabei ist ihre eigene Gelassenheit ein Glück, zu dem sich die Managerin selbst zwingen musste. Julia Jäkel "1.0" galt als ungeduldig, als der Typ Chef, der die Mitarbeiter mit seinen Ideen und seinem Veränderungswillen förmlich überrennt. Der nicht immer sofort genau hinhörte und begriff, was die Leute umtrieb. Das war früher, die Julia Jäkel des Jahres 2012 ist anders und gereifter. Der Wille zur Perfektion und die Ziele sind geblieben, aber inzwischen nutzt sie schlauere Wege, diese zu erreichen. Viel Energie investierte sie in Aufbau und Veränderung einer Führungsmannschaft aus ambitionierten Verlagsleitern und Chefredakteuren, die nach ihrer Überzeugung eine Mischung aus originellen Köpfen und gereiften Persönlichkeiten darstellen. Die Verlagsleiter Matthias Frei und Alexander Schwerin gehören dazu, der neue Chefkoch-Geschäftsführer Robert Franken, Online-Geschäftsführer Thomas Schmidt, Chefredakteure wie Stephan Schäfer, Bettina Billerbeck (Living at Home), CP-Geschäftsführer Soheil Dastyari, Christian Krug als CP-Editorial Director, Jan Spielhagen u.a als Chefredakteur des eigenwilligen Männer-Kochmagazins Beef!  "Ich habe gelernt, loszulassen. Denn ich habe ein Team sehr starker Verlagsleiter und Geschäftsführer, auf die ich mich verlassen kann. Mein Job ist es, anzuregen, hinzuhören und Sparringspartner zu sein."  Das funktionierte auch deshalb, weil die Chefredakteure ihre Marken, wie sie sagt, "besonders gut im Griff haben". Stephan Schäfer, den sie vom Bauer-Verlag holte, ist einer von denen, und ihm gelang das Kunststück, in Doppelfunktion nacheinander die Magazine Schöner Wohnen und Essen & Trinken erfolgreich zu revitalisieren.

Beide Titel sind Klassiker des Verlagshauses, aber Julia Jäkel hat bei Exclusive & Living nicht nur betagte Flaggschiffe mit messbarem Erfolg wieder flottgemacht, sondern auch Neueinführungen initiiert. Ein bemerkenswertes Beispiel ist Couch, denn diese Zeitschrift passt auf den ersten Blick eher weniger zu Gruner + Jahr: zu kleinteilig, zu produktlastig, zu katalogig – manche im Haus würden sagen: zu flach. Die Verlagsgeschäftsführerin findet das Heft "wirklich großartig", lobt den "schnellen, hemdsärmeligen ganz und gar nicht verkopften Angang" bei der Entwicklung und entgegnet den Kritikern: "Das Magazin muss so sein." Couch startete als One Shot und kommt ab Mai regelmäßig. Ein Beispiel das auch zeigt, welche Bandbreite das Markenangebot eines Premium-Anbieters wie Gruner + Jahr ausschöpfen kann. Das Feedback der Leser ist positiv, und Jäkel sieht eine "echte Chance, hier etwas Neues geschaffen zu haben".

Das Gefühl für Produkte ist ein entscheidendes Erfolgskriterium verlegerischen Handelns. Julia Jäkel scheint es in größerem Maß zu haben als viele zahlenfixierte Manager der Branche – vielleicht auch, weil sie von Anfang an die Schnittstellen zwischen Verlag und Redaktion besetzte. Sie selbst bringt es auf die Formel: "Inhaltliches mit Business verbinden." Ihre erste Station bei Gruner war die der Geschäftsführenden Redakteurin bei Gala. Sie kam von Bertelsmann, mit einer Vita, die nicht verriet, in welche Richtung ihre Karriere sich entwickeln wurde: Tochter aus einer Arzt-Familie, Einser-Abiturientin, Studium der Geschichte und Politik in Heidelberg, mit Jura und VWL als Nebenfächer. Eine Geisteswissenschaftlerin, die mit dieser Ausrichtung ihre Familie überrascht hat. Aber es entsprach eben ihrer inneren Überzeugung: "Ich habe immer gedacht, ich mache das, was mir Lust macht, und wenn ich das mache, dann bin ich da auch gut." Aus dem behüteten Heidelberg wechselte sie nach Harvard, in ein hoch kompetitives Umfeld, das Neuankömmlinge oft einschüchtert, sie dann aber um so mehr belohnt, wenn es ihnen gelingt, sich dort durchzusetzen. Julia Jäkel schaffte auch das und sattelte noch eine Studieneinheit in Cambridge drauf. Sie durchlief das anspruchsvolle Recruiting bei Bertelsmann und wurde nach Hamburg zur Verlagstochter entsandt.

Die Neue war ein Exot, ein Lehrling im Verlagsgeschäft, aber einem mit großem Entwicklungspotenzial. Und gleichzeitig ein Musterbeispiel für Disziplin und Motivation. Die Gala war ihre erste Station, danach kam der Ruf zur Financial Times Deutschland, dem ehrgeizigen Projekt des designierten CEOs Bernd Kundrun. "Ich bin ein neugieriger Mensch", sagt Julia Jäkel von sich, "ich habe immer gern gelernt." Dazu hat sie jetzt überreichlich Gelegenheit, bei der FTD ist sie offiziell Stellvertretende Geschäftsführende Redakteurin, aber eigentlich für alles irgendwie ein bisschen zuständig. Sie baut mit Chefredakteur Christoph Keese die Redaktion auf, besorgt die PR, bringt die Lifestyle-Beilage How to spend it auf die Rampe. Und fühlt sich erstmals wie eine Mini-Verlegerin. Sie liebt es, in beide Richtungen zu denken. Was braucht das Produkt? Und wie wird es profitabel?

Irgendwann kam dann der Punkt der Entscheidung. "Gehst Du in die Redaktion oder in den Verlag", fragte sie sich, "ich konnte ja nicht immer nur Schnittstellen-Jobs machen." Die Entscheidung fiel ihr schwer. Sie legte sich auf die Verlagsrolle fest, und der Erfolg gab ihr Recht. Ihre erste große Bewährungsprobe kam, als sie zeitgleich mit Einsetzen der Konjunktur- und Anzeigenkrise im Herbst 2008 die Verlagsgruppe Exclusive & Living übernahm. Dort musste sie harte Entscheidungen treffen, und sie tat es mit Überzeugung, weil diese "unausweichlich waren".

Das ist die andere Seite der so kommunikationsorientierten und -freudigen Verlagsgeschäftsführerin: Julia Jäkel ist nicht bereit zu akzeptieren, wenn sich Führungskräfte selbstgefällig zurücklehnen und ihre Titel vernachlässigen. Dann greift sie durch und macht keine Kompromisse. Und gibt sich rückblickend bei Problemfällen wie Schöner Wohnen selbstkritisch: "Wir haben nicht gesehen, wie wenig zeitgemäß unsere Produkte geworden waren. Wir waren nachlässig, vielleicht sogar arrogant. Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen." Jäkel ist überzeugt, dass ihr Verlag ein wunderbares Arbeitsumfeld bietet, spannende Themen wie interessante Individuen, und dass es da nicht akzeptabel ist, wenn manche sich im kalkulierten Mittelmaß einrichten.

Dass sie mit dieser Mentalität aufräumte, gehört zu den großen Verdiensten der Chefin Jäkel. Sie sagt: "Es regt Mitarbeiter viel mehr auf, wenn ein Verlag es zu lange toleriert, dass führende Mitarbeiter ihren Job nicht gut machen." Es zeichnet sie aus, dass die Umsetzungsgeschwindigkeit in ihrer Gruppe besonders hoch und zugleich exakt zu sein scheint. Erfolg messbar zu machen, gehört zu den Maximen der 40-Jährigen. Vielleicht hatte sie das Glück, starke Marken in einem weniger starken Zustand zu übernehmen – eine Vorlage für ein engagiertes Management. Aber Julia Jäkel hat die Aufgabe überaus erfolgreich erledigt, mit einer klaren Philosophie: "Als Führungskraft versuche ich, Menschen so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte: Ich will ein deutliches Feedback, im Guten wie im Schlechten." Zu den Niederlagen, die sie erinnert, gehört die verunglückte Neupositionierung von Brigitte Young Miss, aus Verlagssicht ein überschaubares Fiasko, aus dem die Managerin viel gelernt hat. Und sie weiß: "Es ist ein Unterschied, ob ich etwas gut und sympathisch finde, oder ob ich deswegen auch eine Zeitschrift kaufe."

Es ist dieser Pragmatismus, das Unverkopfte, das es ihr erleichtert, schwierige Aufgaben zu meistern und eine hohe Umsetzungskraft zu entwickeln. Sie hat einen Draht zum Leichten, zum unbeschwerten Konsum, aber der ist gepaart mit einer preußischen Disziplin, einer Freude an der Pflicht. Sie liebt ihren Job, und es verwundert nicht, dass sie wohl flugs aus der Babypause an den Schreibtisch zurückkehren und dennoch darauf achten wird, dass auch das Private nicht zu kurz kommt. Frauen wie sie scheinen mühelos Job und Karriere zu vereinen, aber Julia Jäkel weiß, dass dabei auch Zufälle, Glück und günstige Umstände eine Rolle spielen. Und so hat sie – auch wenn sie selbst die Frauenquote bei Topjobs in Unternehmen nicht offen verlangt – doch große Sympathien für die Debatte, die allein die Forderung ausgelöst hat. Über ihren eigenen Vorstandschef sagt sie, er sei kein Frauenförderer, ihm sei bei der Besetzung von Führungspositionen das Geschlecht der Bewerber schlicht egal. Wer darüber zweimal nachdenkt, begreift, dass dies ein großes Kompliment ist. Sie selbst habe nie das Gefühl gehabt, als Frau im Job benachteiligt worden zu sein.

Die Zahlen, die Julia Jäkels Bereich Quartal für Quartal präsentiert, zeigen, dass ihr Weg Gruner + Jahr gut tut. Dabei ist sie alles andere als eine One Woman Show, sondern sagt: "Ich brauche meinungsstarke Kollegen um mich herum, ich brauche das Team, das Streiten über Themen wie Herausforderungen." Sie ist klug und umsichtig genug, Rat einzuholen und Menschen zuzuhören. Aber sie weiß auch, dass der Erfolg sich nicht von selbst einstellt. "Glück kommt nicht, Glück wird", ist ihr Lieblingsspruch; ein Zitat von Joachim Gauck. Es gibt in der Medienszene kaum jemanden, auf den dies aktuell mehr zuzutreffen scheint als auf sie selbst.

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