Die IVW-und-AGOF-Tricks der News-Sites

Als Tomorrow-Focus-Vorstand Christoph Schuh vor einigen Tagen erklärte, Focus Online befinde sich auf den Spuren von Spiegel Online, habe bei der AGOF-Reichweite nur noch einen Rückstand von 1,4 Mio. Unique User, da verschwieg er ein entscheidendes Detail: Ohne seine Kooperationspartner wie Jameda.de, Finanzen100.de, Nachrichten.de, Amica.de, usw. wäre Focus Online längst nicht so stark bei IVW und AGOF. MEEDIA dokumentiert die wichtigsten Fremd-Websites, mit denen die großen News-Angebote ihren Traffic pushen.

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Als Tomorrow-Focus-Vorstand Christoph Schuh vor einigen Tagen erklärte, Focus Online befinde sich auf den Spuren von Spiegel Online, habe bei der AGOF-Reichweite nur noch einen Rückstand von 1,4 Mio. Unique User, da verschwieg er ein entscheidendes Detail: Ohne seine Kooperationspartner wie Jameda.de, Finanzen100.de, Nachrichten.de, Amica.de, usw. wäre Focus Online längst nicht so stark bei IVW und AGOF. MEEDIA dokumentiert die wichtigsten Fremd-Websites, mit denen die großen News-Angebote ihren Traffic pushen.

Um eins vorweg zu sagen: Das, was im folgenden Artikel beschrieben wird, ist keineswegs illegal. Die Statuten der IVW und der AGOF lassen das Mitzählen von fremden Websites durchaus zu, sofern sich zumindest ein kleines Logo des eigentlichen Angebots auf den Seiten findet. Aus diesem Grund prangt auf dem Arztempfehlungsportal Jameda oben rechts der Mini-Hinweis "Partner von Focus Online", auf den Seiten der Wissens-Community wer-weiss-was steht "N24.de – Das Nachrichten- und Wissensportal" und auf Rollingstone.de lässt sich der Hinweis lesen: "Part of WELT.de/musik".

Dennoch: Legalität hin oder her, die Methoden, völlig inhaltsfremde Websites zu einem namensgebenden Angebot hinzuzuzählen, verwässern die eigentlich starken Währungen der IVW und AGOF immer mehr und machen die Zahlen auf Dauer irrelevant. Zu den Angeboten, die diese Methodik intensiv nutzen, gehören derzeit N24, Focus Online, Süddeutsche.de, Zeit Online, DerWesten und Welt Online, also viele große Anbieter.

Focus Online zählt derzeit etwa neben der eigentlichen News-Site Focus.de auch Jameda.de, Max.de, Amica.de, Finanzen100.de und Nachrichten.de hinzu. Ein Blick auf die AGOF-Belegungseinheiten zeigt das Ausmaß: Insgesamt kommt Focus Online hier auf 8,78 Mio. Unique User. Die Zahlen der Focus-fremden Teile kommen auf stattliche Anteile: Jameda erreicht laut AGOF 1,53 Mio. Unique User, Finanzen100 0,41 Mio., Amica.de 0,25 Mio. und Max.de 0,10 Mio. Natürlich lassen sich diese Zahlen wegen Doppelnutzern nicht einfach von den 8,78 Mio. abziehen, um auf die Unique User des Focus-Kernangebots zu kommen, doch der Abstand auf Spiegel Online dürfte in Wirklichkeit deutlich höher sein als die offiziellen 1,38 Mio.

Noch bizarrer wird es im Fall N24: Hier liegen zwar keine detaillierten AGOF-Daten für den Bestandteil wer-weiss-was vor, doch ein Blick auf die Zahlen aus Googles Research-Tool Ad Planner zeigt, dass die Bezeichnung N24.de für das Angebot etwas irreführend ist. Die Domain n24.de erreichte demnach im Februar 0,74 Mio. Unique Visitors, wer-weiss-was.de kam aber auf 2,60 Mio., also auf ein Vielfaches des namensgebenden Angebots. Seit Kurzem gehört auch Süddeutsche.de zu den Profiteuren der beschriebenen Regelung: Die Website der Abendzeitung München wird zu Süddeutsche.de gezählt, immerhin laut AGOF eine Unique-User-Menge von 0,56 Mio., die im Kampf gegen die direkten Konkurrenten Welt, stern, etc. durchaus hilfreich sein können.

Welt Online hat zwar ebenfalls eine Menge von Fremd-Websites im Angebot, sie erreichen aber allesamt keine gigantischen Nutzermengen. So kommt Metalhammer.de derzeit auf 0,13 Mio. Unique User, Rollingstone.de auf 0,12 und Musikexpress.de auf 0,07 Mio. Ebenfalls mit dem Welt-IVW-Pixel versehen sind u.a. eine Reihe von Golf-Websites, zu denen keine AGOF-Zahlen vorliegen, die aber ebenfalls nur auf relativ überschaubaren Traffic kommen dürften. Nahezu gar nicht nutzen die beiden Großen Bild.de und Spiegel Online das IVW-Reglement aus. So zählt Bild.de zwar auch die Domain Bildspielt.de zu seinem Angebot hinzu, doch da ist immerhin der Markenname enthalten und die AGOF weist auch nur 0,00 Mio. Unique User aus. Einziger relevanter Locallist-Eintrag von Spiegel Online ist spiegel.tv, das Online-TV-Angebot des Verlags, das zwar auf 0,77 Mio. Unique User kommt, aber ja aus dem eigenen Hause stammt.

Ähnlich ist die Situation bei n-tv.de, das das eigenproduzierte Telebörse.de mitzählt, oder bei RP Online, wo u.a. die Website der RP-Tochter Neuss-Grevenbroicher Zeitung und das RP-Eventportal Tonight.de hinzu gerechnet werden. Nicht viel mit der Redaktion zu tun hat hingegen der Traffic-Bringer Netzpolitik.org. Das Blog, das zu den populärsten des Landes gehört, ist mit dem IVW-Pixel von Zeit Online versehen und beschert dem Angebot immerhin 100.000 Unique User pro Monat. Keine AGOF-Zahlen liegen zum Reviersport vor, dem Sportmagazin aus dem Ruhrpott. Der Traffic der Website – laut Ad Planner immerhin 120.000 Unique Visitors, pusht das WAZ-Angebot DerWesten.

Dass es auch anders geht, zeigen übrigens auch ein paar große Nachrichten-Websites: So verfügen FAZ.net, stern.de, Express Online, Handelsblatt.com und die FTD über gar keine oder zumindest über keine Traffic-relevanten Local-Listen-Einträge. Sogar noch Traffic ab gibt Spiegel Online: Das SpOn-Karriere-Ressort wird nicht etwa zum Spiegel gezählt, sondern zur Schwester manager magazin. So wuchs die Website in den vergangenen Monaten extrem an, ohne dass die Leser manager-magazin.de überhaupt besucht haben müssen.

All diese Verwässerungs-Methoden schaden letztlich der IVW und der AGOF. Das Problem: Über eine Änderung entscheiden die Protagonisten selbst, die Verlage und Internet-Unternehmen. Zwar ist angekündigt, ein bisschen mehr Transparenz in die Zahlen zu bringen, indem man die PIs der größten Bestandteile gesondert ausweist, doch die PIs interessieren ja gerade in Vergleichen zwischen Nachrichten-Websites, etc., nur wenig. Besser wäre eine komplette Offenlegung, welche Angebots-Bestandteile für wie viele Visits und Unique User verantwortlich sind. Oder gleich ein Verbot der Traffic-Tricksereien. Doch man muss kein Hellseher sein, um die Prognose zu stellen, dass es dazu nicht kommen wird.

In der nahen Zukunft wird Focus Online übrigens noch näher an Spiegel Online heran kommen. Und wieder hat das wenig mit der News-Website zu tun, die unter Focus.de abrufbar ist. Stattdessen mit einer neuen Kooperation: Auch der Traffic von wissen.de zählt künftig zum Angebot Focus Online, das IVW-Pixel ist schon geändert. MEEDIA wird im Übrigen ab sofort bei sämtlichen IVW- und AGOF-Analysen zum Nachrichtenmarkt die relevanten Fremd-Bestandteile offenlegen, die dem namensgebenden Angebot Traffic bescheren.

[Nachtrag: Focus Online hat das Portal Jameda.de nach eigenen Angaben vor einigen Tagen aus der Zählung für Focus Online heraus genommen. Der IVW-Pixel im Sourcecode bestätigt das, Jameda wird demnächst offenbar stattdessen eigenständig ausgewiesen. Ein lobenswerter Schritt.]

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