Gottschalk: Endlosschleife Selbstgespräch

Fernsehen Kopfschmerztabletten helfen bei Gehirntumoren. Oberflächlich betrachtet. Sie lindern das Symptom, die Ursache selbst bekämpfen sie nicht. Nach aktuellem Diskussionsstand des "Gottschalk live"-Relaunches folgen die Verantwortlichen demselben Ziel: Veränderungen an Konzept, Struktur und Erscheinungsbild werden sichtbare Symptome der aktuellen Katastrophe abmildern. Den Kern der Ursache berühren sie nicht. Der nämlich heißt Thomas Gottschalk. Der Mann im Selbstgespräch kann eines nicht: Kontakt.

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Als das ZDF vor Jahren den langhaarig-gelockten Lehrer, Radio- und TV-Moderator mit Hang zu unkonventioneller Bekleidung auf Stars und Wettkandidaten losließ, mochten die orthodoxen Unterhaltungschefs des trägen Gebührenschiffes ZDF diese Entscheidung für eine echt hippe Kulturrevolution gehalten haben. Gottschalk, heute 61, hatte Erfolg: "Wetten, dass..?" geriet über Jahre zum Dino der letzten, großen Samstagabend-Show-Formate. Auch und gerade wegen seiner langjährigen Leistung.
Heimspiel
Ansatz und Fülle des Formats jedoch machten es Gottschalk leicht. Aus nüchterner Distanz betrachtet, moderierte er in einem vollen, lebendigen und ereignisreichen Umfeld: Eine Wette nach der anderen. Kandidaten im Wechsel mit der auf der Couch sitzenden Riege internationaler Stars. All dies forderte von Thomas Gottschalk letztlich die charmant-flüchtigen Fähigkeiten eines Butterfahrt-Conferenciers. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Thommy huschte wie ein Schmetterling von Wette zu Wette, von Star zu Star. Ein Grandseigneur des Small Talk: Immer ein bisschen verschusselt, und mit der Fähigkeit zu unverbindlich-unterhaltsamer Oberflächlichkeit. Immer bunt gekleidet, ein wenig eitel Tand und Flitterkram – schrill und voller Impulse kumpelhaft-distanzloser Verbrüderung. Immer auch mit diesem Blick in die Augen von Gesprächspartnern und Kameras, der stets ein wenig mehr ihm selbst gelten mochte als dem Gegenüber. Gottschalk konnte das gut: Gottschalk konnte Gottschalk. Für "Wetten, dass..?" war dies ein Glück, aber die Wahrheit ist auch: Die Grenzen der Fähigkeiten von Thomas Gottschalk sind in diesem Format nur jenen sichtbar geworden, die sehr genau hinschauen wollten. Mehr noch: Seine Beschränkungen bildeten einen Kern des Format-Erfolges. Gottschalk kultivierte Gottschalk und wurde Kult.
Forever young. Forever crazy
Kontinuität, Ernst, Tiefgang – selbst jener Humor, der aus dem Spiel mit Beziehung wächst, wären für "Wetten, dass..?" undenkbar gewesen. Nie und nimmer hätte das Format dauerhaft einen anderen Moderator vertragen als Thommy, die lustige Fernsehnase, Moderator zwischen Neurose und Nerz. Der Mann, der nicht nur ein Schloss in Deutschland bewohnte, sondern über Jahre auch mit seinem Wohnsitz in Malibu Nachbar jener Weltstars war, die viele TV-Sender gerne gehabt hätten, und die immer wieder auf der "Wetten, dass..?"-Couch herumlümmelten. Thommy, so dachte man, war irgendwie einer von ihnen. Er sprach mit den Stars, wie Ilse an der Baumarkt-Kasse in Castrop-Rauxel, wenn sie alte Schulfreundinnen trifft: Belanglos. Selbstverständlich. Selbstverständlich belanglos, aber immer unterhaltsam.
Inmitten von Wettkandidaten und Stars hatte Gottschalk nie wahre Empathie und nie ein wirkliches Gefühl für Distanz. Niemanden störte das. Warum auch? Distanz ist ohnehin nur für jene wichtig, die Nähe herzustellen beabsichtigen. Dieser Impuls hätte ein großes Show-Format unangemessen irritiert, und Thommy selbst hätte es nie gekonnt. Im prallen Leben von "Wetten, dass..?" drehte Thomas Gottschalk stets um sich selbst. Es fiel nur nicht so auf. Und wenn, dann wirkte für viele irgendwie chic und unkonventionell. Thommy: forever young. Forever crazy.
Niemals geht man so ganz
Dass Gottschalk sich ernsthaft und integer von "Wetten, dass..?" verabschiedete, nachdem der schwere Wettunfall einen Kandidaten gelähmt zurückließ, muss man ihm hoch anrechnen. Vielleicht war sein Motiv in Teilen auch gebaut aus der Erkenntnis, alt zu werden. Plötzlich gab es eine ernste Krise, die ganze andere Kompetenzen erfordert haben mochte als jene, die Gottschalk selbst langjährig kultiviert hatte. Weit, weit weg von Small Talk, Sonnyboy und Glitzerkram wurde es rasend schnell dunkel. Forever Tommy, forever crazy trug nicht mehr im Angesicht von Unfall, Schuld-Ideen und Intensivstation. Nochmal: Gottschalks Umgang mit der Situation und seinem Abschied war hochinteger und verantwortlich, aber: In Situationen wie diesen altern gerade jene sekundenschnell, die jahrelang für sich die Leichtigkeit von Oberflächen reklamieren.
Der Mann, der – weit über "Wetten, dass..?" und Haribo hinaus – mehr für das deutsche Fernsehen getan hatte, als viele andere, verabschiedete sich aus einer seiner zentralen Rollen. Nicht viele haben über eine derart lange Strecke so sehr an der TV-Uhr gedreht.
Nun ist, sich klar und konsequent verabschieden zu können, mindestens so schwer, wie anderen klar und konsequent begegnen zu können. Beide Aspekte beschreiben von diametralen Seiten dieselbe Fähigkeit, beschreiben Unter- und Oberseite derselben Medaille. Eine Fähigkeit, so scheint es, welche Thomas Gottschalk nicht in jeder Sekunde des Tages vollumfänglich souverän zur Verfügung steht. So beginnt die eigentliche Kritik dort, wo Thomas Gottschalk scheinbar aus den Entwicklungen bei "Wetten, dass..?" nicht das gelernt hat, was für ihn zu lernen möglich war. Sie beginnt auch dort, wo Sender, Produktion und Gottschalk selbst eine Wette eingegangen sind, die alle Beteiligten längst verloren haben. Und mit der Kritik beginnt so etwas wie leise Traurigkeit über einen Mann, der bei "Gottschalk live" – unfassbar ignorant, verzweifelt und verbohrt – öffentlich an seiner eigenen Demontage bastelt. Die wirkliche Tragik von "Gottschalk live" besteht darin, einem Mann zuzusehen, dem man neben der Aufmerksamkeit und dem Respekt für seine Gäste unterhalb schillernder Oberflächen eben diesen Respekt sich selbst gegenüber von Herzen gewünscht hätte. Man kann darauf wetten: Niemand hat ihm das so gesagt.
Format ohne Format
Die Geschichte von "Gottschalk Live" ist schnell erzählt: Sie beginnt mit Fehleinschätzungen von Gottschalk selbst, von Sender und Produktion und zeichnet einen Ursprung fataler Oberflächlichkeit der Beteiligten, die vielleicht davon ausgingen, der Name Gottschalks allein reiche für Erfolg und Quote. Man hätte lernen können aus Erfahrungen der Privaten: Sat.1 mit Kerner, Pocher und auch mit Harald Schmidt boten hinreichend Beispiele für die Zerbrechlichkeit dieser Annahme.
Die zweite Fehleinschätzung bestand darin, jene Defizite Thomas Gottschalks, die im Content-Overload von "Wetten, dass..?" schwer sichtbar wurden, auf ihre Relevanz für das neue Format hin zu überprüfen. Niemand käme im richtigen Leben auf die Idee, eine erfolgreiche Ballett-Tänzerin bei Meisterschaften im Synchronschwimmen mit der Begründung einzusetzen, sie könne sich anmutig bewegen und hätte eine lange Erfahrung darin, Sportbekleidung zu tragen. Jemanden mit der Tendenz, derart hartnäckig und bunt um sich selbst zu drehen, ohne "Kontakt zu können" als Kern eines Formates zu platzieren, in welchem es primär um Kontaktfähigkeit geht, trägt interessante Züge leichtsinniger Nachlässigkeit. Es wirkt so, als hätte man "Gottschalk Live" in derselben Weise auf die Straße gesetzt, in welcher Thommy "Wetten, dass..?" moderierte: ein wenig chaotisch und bindungslos verschusselt. Ohnehin und unabhängig von Gottschalk keine ganz langweilige Frage, ob im deutschen Fernsehen "Vorabend-Domian-Formate" mit lebendigen Gästen überhaupt erfolgreich laufen können. Diese Frage allein böte Spannungsfelder genug.
Wie unter einem Brennglas wurden die Grenzen der Fähigkeiten Thomas Gottschalks sichtbar. Jeder Gast, der den Impuls verspürt haben mochte, Gottschalk zu Begrüßung die Hand zu reichen, um "Hallo!" zu sagen, musste befürchten, dass Tommy selbst diese Geste dazu nutzen würde, um direkt nach der Begrüßung zu einem längeren, selbstexplorativen Exkurs auszuholen, der beschrieb, wem er, Gottschalk, denn in seinem Leben insgesamt schon die Hand geschüttelt habe. Und weiter: Dass Schütteln von Händen insgesamt nicht der US-amerikanische Kultur entspräche, als Land, in welchem er, Gottschalk, lebe. Zwei Sätze weiter dann hätte Gottschalk landen können: damals, in jener Zeit, als er rübergemacht hatte über den großen Teich, und wie schön es sei, dass er nun so viele – durchaus bekannte – Freunde dort habe. Ein bizarres Bild? Stimmt. Weit weg davon allerdings ist die aktuelle Realität des Formates nicht.
Dass Gottschalk Namen und Themen der Gäste verwechselte, wurde häufig kritisiert. Vielleicht das Alter, vielleicht mangelnde Vorbereitung, vielleicht beides. Mit erbarmungslos hartnäckiger Sicherheit jedoch reproduzierte er vor dramatisch niedrigen Zuschauerzahlen wieder und wieder im Kern die bodenlose Unfähigkeit, mit Ernst, Respekt und Aufmerksamkeit beim Gegenüber bleiben zu können.
Menschen, die nie der Notwendigkeit ausgesetzt sind, ihr Spektrum sozialer Fähigkeiten im Umgang mit sich und anderen qualitativ zu erweitern, betonen unter Druck das, was sie können – was sie stark gemacht hat, weil es das einzige ist, worauf sie zurückgreifen können. Erfordern Thema und Situation jedoch anderes, werden ihre vergeblichen Versuche hartnäckiger, verbohrter, verzweifelter. Immer wieder und immer wieder neu. Das ist mit allem Respekt eine zutiefst traurige Dynamik. Gottschalk, so schien es, strampelte wie ein Ertrinkender: getrieben, hilflos und an vielen Stellen paradox. Auch deshalb sieht man "Gottschalk Live" nicht gerne zu: Niemand sieht wirklich gerne, wie ein Mann, der viel geleistet hat, offensichtlich Tag für Tag Respekt und eigenes Ansehen beschädigt und ihn niemand dabei aufhält.
All dies ist weit, weit mehr und viel sensibler,  als eine reine Format- und Quotenfrage.
Der "Retter": Markus Peichl
Mit Markus Peichl, 53, als Redaktionsleiter ist nun ein Apotheker an Bord. Das Ergebnis seiner Arbeit kann im Rahmen einer weiteren Wette vorab verkündet werden: Die Kopfschmerzen werden gelindert werden. Das Problem wird sich nicht ändern. Die Quote kann steigen, aber sie wird die erfolgskritische Minimalgrenze dauerhaft nicht überschreiten. Peichls Erfahrungen mit Talk-Formaten haben ihm nicht dazu verholfen, in einem guten und kooperativen Stil an der richtigen Stelle anzusetzen. Das ist bereits aktuell sichtbar. Gute "Retter" nehmen wahr, reden viel, prüfen und bewegen die Situation. Sie treten innerhalb eines angeschlagenen Systems – falls überhaupt – sensibel, klar und integrativ in die Öffentlichkeit – auch und gerade, weil ohnehin schon viel beschädigt ist. Nicht so Peichl: Kurze Zeit nach seiner Inthronisation als Redaktionsleiter gab "der legendäre Medienmacher" den Kollegen von Spiegel Online ein Interview voller Plattitüden, blumiger Absichtserklärungen und  Banalitäten. Dabei beschädigte er ohne Not die bisherige Arbeit des gesamten Teams, dem er in deutlicher Aufwertung seiner eigenen Person "kein klares Konzept" bescheinigte. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Fußballtrainer, der im Abstiegskampf als Retter zu einer Mannschaft gerufen wird, erzählt in der Presse, wie schlecht dort alles ist und trifft damit zwangsläufig öffentliche Werturteile über alle armen Schweine, die mit oder gegen den Star des Teams  unter Hochdruck bislang ihre  Arbeit gemacht haben. Ganz, ganz schlechter Stil, ohne jede Not.
Es gibt empathischere Starts in Szenarien von Krisen-Kooperationen. "Das neue Konzept", so Peichl, "stehe bis zur Sommerpause" und sei "ab Herbst in der Quote spürbar": Auch diese Februar-Aussagen, die Hoffnung in Kompetenz und Handlungsfähigkeit Peichls schneller zerstört haben mochten, als es ihm selbst zugänglich gewesen sein mochte. Wer derart selbstverliebt-bewusstlos kommuniziert, so mochte man denken, soll also Retter eines Kommunikationsformates werden. Die positive Deutung: Da sprach ein Mann, der so genau nicht gewusst haben mochte, was er sagt. Die negative: Peichl hat gewusst, was er sagt und hat es auch so gemeint. Beides in der Tat fürchterliche Bilder.
Tumor und Tabletten
Es ist wahrscheinlich richtig, das Konzept und Ablauf der Veränderung bedürfen. Peichl hat allerdings scheinbar eine alte Wahrheit nicht verstanden: Konzept, Rahmen, Abläufe und Design sind wichtig. Sie bilden jedoch stets ausschließlich das Vehikel für das Eigentliche. Das Eigentliche bei "Gottschalk live" heißt Thomas Gottschalk: mit allen Fähigkeiten, mit allen Stärken und Schwächen. Daran müsste gearbeitet werden, wenn Gottschalk es zuließe. Nicht daran, mit Konzept und Sidekicks eine Second-Hand-Wetten-dass-Welt um Gottschalk herum zu bauen, die den Ursprung des Problems für Zuschauer schwerer sichtbar macht. Diese Chance allerdings hätte maximal vor Start von "Gottschalk live" bestanden. Für Apotheker ist es lange schon zu spät.
Thomas Gottschalk wird irgendwann in Malibu sitzen und sich die Sonne auf die Locken scheinen lassen. Er wird sich am Pool mit einem Cocktailglas hineinträumen in alte, schwerelose Zeiten.  Vielleicht sogar kommt auf einen Drink Brad Pitt vorbei. Man gönnt ihm das, und man wird ihn in aller Leichtigkeit als schillernden "Wetten, dass..?"-Moderator in für viele guter Erinnerung behalten. Nicht wenige allerdings würden ihm gönnen, er hätte den Mut gehabt, sich das Thema "Gottschalk live" selbst zu ersparen.

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