iPad-Magazinen droht der „Retina-Schock“

Publishing Das hochauflösende Display ist das Kaufargument für Apples neues iPad. Was für den User enorme Vorteile in puncto Bildqualität bedeutet, dürfte Medienhäuser künftig vor große Probleme stellen. Denn mit höherer Auflösung geht auch eine höhere Dateigröße einher. Bei einem iPad-Magazin mit mehreren hundert Seiten führt das zu einem frappanten Anstieg bei den Downloadraten. Die Publishing-Industrie steht vor dem Problem, speicherfressende Monster zu produzieren. Eine Patentlösung gibt es nicht.

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iPad-Magazine funktionieren nach einem sehr einfachen Prinzip – egal, wie aufwändig gestaltet sie sind: Eine Redaktion layoutet Seite für Seite, komponiert Texte, Bilder und Videos zu einem fertigen Layout, das dann exportiert wird. Damit aus den einzelnen Layouts ein Magazin entsteht, braucht es noch ein Tool, um aus den einzelnen Seiten ein digitales Magazin zu gestalten.

Damit dieses Tool vernünftig arbeiten kann, braucht es eine feste Endgröße, um das Layout perfekt an das Display anzupassen. Die Konsequenz: Einmal fertiggestellt, ist das iPad-Magazin, in Form gegossen.

Mit dem Wissen, dass das neue iPad über die vierfache Auflösung des iPad 2 verfügt, stehen Publisher vor zwei großen Problemen: Alte Ausgaben sehen auf dem Display-HD schlicht aus wie Grütze. Eingebaute Bilder, Videos nutzen nicht die Möglichkeiten, die der Bildschirm des neuen Apple-Tablets mit sich bringt. Und die ohnehin üppigen Dateigrößen für iPad-Magazine, bei der digitalen Ausgabe der Wired über 600 Megabyte, dürften angesichts solcher Spezifikationen durch die Decke knallen.

Stuntbox, eine US-Agentur spezialisiert auf interaktives Design, rechnet im eigenen Blog vor: Bei leichter Bildkompression ist eine einzelne eMag-Seite derzeit zwischen 150 und 350 Kilobyte groß. Um auf dem neuen iPad-Display ein scharfes Bild zu erzeugen, dürfte die Dateigröße auf rund zwei Megabyte anschwellen – pro Seite. Zusätzlich zu Videos, die in die Magazin-App integriert würden, könnte eine Ausgabe rasch über ein Gigabyte Speicher verbrauchen.

Wer einmal eine Ausgabe der amerikanischen Wired auf das iPad heruntergeladen hat, hat schnell das Gefühl, dass der Gang zum Kiosk an der Ecke eventuell die bessere, und vor allem schnellere, Wahl gewesen wäre. Für User dürfte sich zudem die Frage stellen, ob man sich den begrenzten Speicher auf dem Tablet mit elektronischen Magazinen vollladen möchte – auf Kosten der Musik- oder Filmsammlung. Denn obwohl sich die Displayauflösung vervierfacht hat, erhöhte Apple nicht die Speicherkapazität der Geräte. Maximal 64 Gigabyte Speicher lassen sich auf dem neuen iPad nutzen.

Das Retina-Display führt auch an anderer Stelle zu Problemen: Die Games-Branche gilt als einer der wichtigsten Treiber des App-Booms. Damit Spiele weiterhin gut aussehen auf dem iPad, müssen Entwickler ihre gesamten Artworks mit dem Vierfachen der aktuellen Auflösung ausstatten, was zu einer Vervierfachung der Appgröße führen dürfte. Der Haken: Bislang lag das Downloadlimit für Apps im mobilen Netz bei 20 Megabyte. Apple reagierte bereits und hob das Limit auf 50 MB an. Für User könnte der Anstieg der Dateigrößen allerdings zu Mehrkosten im Mobilfunkvertrag führen.

Eine Lösung, die nicht auf Kosten des Speicherplatzes gehen, gibt es derzeit noch nicht. Zwar ließe sich ein Magazin auch als HTML5-Anwendung realisieren. Allerdings ist der Bau einer Web-App nicht direkt vergleichbar mit dem Design eines Magazins, wie etwa über InDesign und der Komposition einzelner Seiten mit Tools wie Woodwing. Es bräuchte neue redaktionelle Strukturen, neue Fachkräfte und ein Umdenken beim Bau von elektronischen Magazinen.

Die noch recht junge Branche der Tablet-Publisher steht damit vor der Herausforderung, nicht den technischen Anschluss zu verlieren, und aus den Vorteilen einer mobilen Lesemaschine nicht mit speicherfressenden Ausgaben und langen Downloadzeiten keine Nachteile zu machen.

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