Frauenquote in den Medien? Ja bitte!

Publishing Heute, am Donnerstag, 8. März, ist Weltfrauentag. Das merkt man spätestens, wenn man in Zeitungen und ins Internet guckt, und männliche Chefredakteure schreiben, warum Frauen in Führungspositionen ganz wichtig sind und ohne Frauen überhaupt gar nix läuft. Der Zeit-Chef ist für die Frauenquote, die Bild zeigt, wie schlimm es ohne ihre Redaktionsfrauen ist usw. Und morgen wursteln alle weiter wie bisher. Kaum etwas zeigt besser, dass eine Frauenquote in den Medien bitter nötig ist, als der Weltfrauentag.

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Die Standard-Argumentation des deutschen Chefredakteurs zur Frauenfrage geht ungefähr so:

Stufe 1 – das Lippen-Bekenntnis: Ja, natürlich brauchen wir mehr Frauen in Führungsjobs auch und gerade in den Medien!

Stufe 2 – verdammen der Quote: Aber doch bitte nicht mit einer Quote! Die Frauen sollen auf Grund ihrer Qualifikation in die Top-Jobs kommen. Ales andere wäre ja auch eine Beleidigung für die ganzen tollen Medienfrauen, nicht wahr?

Stufe 3 – ausführliches Eigenlob: Und außerdem wird in unserer/m Redaktion/Verlag/Anstalt die Forderung der Quote nach 30 Prozent Frauenanteil bei Führungsjobs sowieso schon erfüllt/übererfüllt/fast erfüllt. Es folgt eine undurchsichtige Rechnung, wie viele Führungsjobs in dem jeweiligen Medienunternehmen fest in weiblicher Hand sind. Meistens werden dabei technische Abteilungen, Stellvertreter-Jobs und alles mögliche dazu gerechnet. Die Chef-Sekretärin hat ja auch irgendwie Führungs-Aufgaben…

Stufe 4 – weitermachen wie bisher und dem besten Männer-Kumpel bei nächster Gelegenheit den geilen Leitungs-Job zuschanzen.

Tja, so sieht sie aus, die bundesdeutsche Medienrealität. Gerade die Bild macht wieder mal ein Riesen-Buhei um den Weltfrauentag. Diesmal lassen die Herren die Bild und Bild.de nicht ausschließlich von Frauen produzieren, wie anno 2006, sondern die Frauen wurde – hö, hö – nach Hause geschickt. In der Zwischenzeit wird eifrig dokumentiert wie super-wichtig die Damen für den Redaktionsalltag sind und wie sehr sie fehlen usw. Einer der Bild-Männer setzt sich zum Spaß eine lustige kleine Pickelhaube auf und in der Redaktionskonferenz gibt es erstmal einen müden Macho-Witz. Emanzipation, wie sie sich die Bild so vorstellt.

Wieso nur hat man bei solchen Aktionen immer das Gefühl, dass da jemand nur so viel Radau macht, um abzulenken? Vielleicht, weil kurz danach mal wieder die nächste Pressemitteilung der Bild rausgeschickt wird, in der man fröhlich verkündet, dass ein Mann zum Ressortleiter Letzte Seite aufsteigt?

Der Stern hat vergangene Woche bereits die Frauenförderung auf den Titel gehoben und Chefredakteur Thomas Osterkorn hat im Editorial geschrieben, dass Frauen in der Stern-Chefetage offene Türen einrennen würden. Von 33 Chefposten beim Stern seien schon heute elf mit Frauen besetzt, schrieb er. Fragt sich nur, wie er die 33 Chefposten genau zusammengerechnet hat. Ausweislich Impressum sitzen in der Stern-Chefredaktion sechs Leute (Chefredakteure, Stellvertreter, Art Director, Chefredakteur Stern.de). Alles Männer. Unter den drei Geschäftsführenden Redakteuren ist eine Frau, ebenso unter den drei CvDs. Insgesamt sind das zwölf Chef-Posten, von denen zwei mit Frauen besetzt sind.

Rechnen wir nun noch die Ressortleiter als Chefs dazu, das sind 14 Stück. Davon Frauen: drei. Also: zwölf Posten in der erweiterten Chefredaktion plus 14 Ressortleiter, das macht 26 Chefposten, von denen fünf mit Frauen besetzt sind. Was meint Thomas Osterkorn denn nun mit 33 Chefposten beim Stern? Rechnet man die fünf stellvertretenden Ressortleiter dazu, kommt man auf 31 Chefposten. Von den Ressortvizes wiederum ist nur einer eine Frau. Also 31 Chefposten mit sechs Frauen. Rechnet der Stern-Chef die Foto-Abteilung, Grafik und Bildtechnik mit? Die Dokumentation und Leserbrief-Abteilung und das Redaktionsmanagement? Dann haben wir aber deutlich über 33 Chefposten. Sie sehen: Es ist ein bisschen verflixt mit der Frauenquoten-Rechnerei. Wäre man böse, könnte man sagen: Man(n) kann sich die Quote prima schönrechnen.
Burkhard Graßmann, der Geschäftsführer der Burda News Group, hat den Frauen von der Initiative Pro-Quote auf deren Forderung nach 30 Prozent Frauenanteil bei redaktionellen Top-Jobs ebenfalls via Antwortbrief vorgerechnet, dass beim Focus ja schon 36 Prozent der Führungskräfte weiblich sind (siehe Stufe 3). Die Ankündigung, dass die Chefredaktion des Focus nach dem Mann Uli Baur von einer Frau besetzt werden wird, hat er sich dann aber lieber doch gespart.

Schlauer macht es Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Der rechnet nicht lange, sondern erklärt, dass er Quoten eigentlich doof findet, die Zeit aber (natürlich) die Frauenquote von 30 Prozent in Führungsjobs schon fast erfüllt aber die Quote in diesem speziellen Fall trotzdem richtig ist. Denn: “Nach jahrelanger Debatte um den Anteil von Frauen in der Führung ist es mit dem Lavieren nun einfach genug.” Da hat er wohl Recht, der Giovanni di Lorenzo. Noch glaubwürdiger wäre er freilich, wenn er wenigstens eine Frau als stellvertretende Chefredakteurin hätte. Hat er aber nicht. Jan Fleischhauer vom Spiegel reibt ihm das dann auch genüsslich unter die Nase: “Wenn ich seinen Leitkommentar zum Thema richtig verstanden habe, dann wird er demnächst mit einem seiner beiden stellvertretenden Chefredakteure ein ernstes Gespräch führen, warum es Zeit für eine Veränderung ist.”

Die einzig sinnvolle Maß-Einheit um den Frauenanteil bei Führungsjobs in den Medien zu bestimmen, sind die Chefredaktionen. Und da sieht es bekannt Männer-dominiert aus. Bei den überregionalen Tageszeitungen steht taz-Chefin Ines Pohl allein auf weiter Flur. Und auch das nur, weil die taz eine eigene Frauenquote eingeführt hat, laut der die Chefredaktion mit einer Frau zu besetzen ist.

Von den Chefredakteuren der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen sind nur zwei Prozent Frauen, rechnen die Damen der Initiative Pro-Quote vor, die das Ziel ausgerufen hat, 30 Prozent der Medien-Führungsjobs innerhalb von fünf Jahren mit Frauen zu besetzen.

Wann also wird es die erste Herausgeberin bei der Frankfurter Allgemeinen geben, die erste Chefredakteurin bei der Bild, die erste Chefredakteurin beim Spiegel oder beim Stern? Wenn das soweit ist, dann kann man eine Quote guten Gewissens wieder abschaffen. Bis dahin aber sollte die Frauenquote für die Medien erst einmal eingeführt werden. Und zwar schnell.

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