Google+: das missverstandene Netzwerk

Publishing Google+ ist eine Geisterstadt. Google+ hat keine Chance gegen Facebook. Google+ ist auf dem absteigenden Ast. Nach dem anfänglichen Hype um das neue Social Network scheint man Google+ abschreiben zu wollen. Dabei hinkt der Vergleich zu sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter gewaltig. G+ war nie angetreten, um Facebook die Stirn zu bieten. Immerhin ist das Google-Netzwerk kein Social Network im eigentlichen Sinne. Der Versuch einer Erklärung.

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Wer nicht drin ist, dürfte angesichts der recht unterschiedlichen Bewertungen des Google-Netzwerks wie der Ochs vorm Berge stehen. Weisen die Google-Oberen gerne auf das rasante Wachstum innerhalb der vergangenen acht Monate hin, immerhin von 0 auf 90 Millionen, halten die Marktforscher von Comscore mit extrem geringen Nutzungszeiten dagegen. Was stimmt denn nun? Ist Google+ eine Geisterstadt? Oder der nächste große Star am Social-Media-Himmel?

Die Fakten: Laut Google verfügt Google+ derzeit über mehr als 90 Millionen User. Tendenz: rasant wachsend. Doch angeblich sind die Nutzer laut Comscore im Google-Netzwerk nur drei Minuten pro Monat aktiv. Zum Vergleich: Auf Facebook sind User monatlich rund 400 Minuten aktiv. Ein vernichtendes Urteil, das sich aber relativieren lässt. Facebook hat schon rund acht Jahre auf dem Buckel, Google+ hingegen nur rund acht Monate. Außerdem hat Comscore die mobile Nutzung nicht miteingerechnet. Eigentlich undenkbar, nutzt doch mittlerweile rund ein Drittel der User in Europa Social Networks über mobile Endgeräte.

Das Vorurteil: Da ist ja nix los. Meine Freunde sind immer noch auf Facebook.

Das Missverständnis: Bei 90 Millionen Usern ist "Nix los" eine ziemlich steile These, die sich auch nicht wirklich halten lässt. Aus eigener Erfahrung kann ich behaupten, dass Google+ für mich Facebook ins keinster Weise verdrängt hat, allerdings ein besseres Twitter geworden ist. Der Launch von Google+ war so etwas wie ein Neustart in der Netzwelt. Die Karten wurden teilweise neu gemischt. Und zum Vorurteil "Geisterstadt": Seit dem Start von Google+ wird immer noch wie verrückt gezirkelt. Die User haben schlicht Lust, sich zu vernetzen und neue Kontakte zu knüpfen. Ganz im Gegenteil zu Twitter. Oder aber Facebook, das ein Großteil der Mitglieder nutzt, um reale Kontakte zu spiegeln. Und nicht, um Fremde in ihren Freundeskreis aufzunehmen.

Deswegen befinden sich unter meinen rund 1500 Followern und den Personen, denen ich folge, auch kaum private Kontakte. Google+ hat es noch nicht geschafft, den Otto-Normal-User für sich zu gewinnen. Den, der das Web eigentlich nur fürs Shopping nutzt, ab und an auf Bild.de und Spiegel Online surft, und Facebook in Deutschland erst lange nach StudiVZ und MeinVZ für sich entdeckt hat. Aber hier ist der Deal: Das muss Google+ auch gar nicht, um erfolgreich zu sein.

Das eigentliche Ziel von Google+: Haben sich Eric Schmidt, Sergej Brin oder Larry Page jemals hingestellt und verkündet, mit Google+ einen Facebook-Rivalen platzieren zu wollen? Mitnichten. Google hatte angesichts des immensen Erfolges von Facebook ein Problem: Man wusste, was es im Internet gibt. Aber Facebook wusste, was den Usern daran gefällt. Ergo launchte man ein Netzwerk, um seine Suche sozialer zu machen. Denn man hatte längst erkannt, wie wichtige vertrauensvolle Verbindung im Web sind. Genau darauf fußt Facebook: auf vertrauensvollen Verbindung, die das Teilen, Liken und Kommentieren erst sinnvoll machen.

Aber Google verdient in erster Linie Geld mit seiner Suche, genauer: durch Werbung im Suchumfeld. Der Autor Gideon Rosenblatt hat verstanden, worum es Google+ wirklich geht: um den Aufbau und die Optimierung eines “Shared Interest Graph”. Was heißt das? Das Internet ist ein Netzwerk aus Links. Social Networks sind ein Netzwerk aus sozialen Verbindungen. Google ist der Großmeister im Zusammentragen von Informationen. Facebook ist der Zeremonienmeister im Verbinden von Personen. Twitter änderte Vieles und verband Personen, die vor allem aufgrund gemeinsamer Interessen, nicht wegen eines gemeinsamen sozialen Backgrounds, zueinanderfanden.

Weil relevante Informationen für Google das wertvollste Gut sind, brauchte man also ein Informationsnetzwerk. Genauer: ein betreutes Informationsnetzwerk. Gleichzeitig besteht neben Twitter auch auf Seiten der User ein Bedürfnis nach einem Netzwerk, das sich nicht nur eines Social Graphs, sondern auch eines "Interest Graphs" bedient.

Rosenblatt resümiert folgerichtig: Wenn irgendein Webunternehmen Ahnung von meinen Interessen hat, dann das, über das ich nach Dingen im Web suche: Google. Gleichzeitig braucht Google ein Netzwerk, das die Interessen ordnet und vorsortiert. Deswegen arbeitet Google+ nach dem Follower-Prinzip. Wenn ich beispielsweise gerne Geschichten über Lego lese und weiß, dass Nico Lumma gerne und oft über Lego schreibt, werde ich ein Follower. Er sortiert und kuratiert Neuigkeiten aus diesem Bereich für mich vor. Und Google erfährt gleichzeitig, welche Neuigkeiten User interessieren dürften, wenn sie im Web nach Lego suchen. Voilà!

Ergo bräuchte Google zwar auch viele Otto-Normal-User, um seine Suchergebnisse zu verfeinern. Was Google+ aber vor allem braucht, sind Personen, die Themen, Neuigkeiten und Ereignisse einordnen und damit für ihre Follower vorsortieren. Wie sich das auswirkt, lässt sich derzeit gut beobachten: Einmal angemeldet, werden bei der regulären Websuche Einträge, die von G+-Kontakten geplusst wurden, entsprechend auffälliger präsentiert. Die Suche wird sozialer. Ob das ein Vorteil ist, ist eine andere Geschichte. Dennoch zeigt es, dass das Prinzip “Shared Interest Graph” schon jetzt funktioniert. Und ein Vergleich zu Facebook auch noch in acht Jahren hinken würde.

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