LSR: Konsequenz einer Massentäuschung

Publishing Eine typische Meldung aus der digitalen Medienwelt: Für jeden Dollar, den US-Zeitungen zusätzlich mit Werbung im Netz umsetzen, verlieren sie sieben Dollar Werbeumsatz mit ihren gedruckten Ausgaben. Auch wenn die Situation in Deutschland noch nicht so dramatisch ist, spiegelt diese Entwicklung einen globalen Trend. Das geplante Leistungsschutzrecht ist eine direkte Folge dieses Trends. Zielscheibe des geplanten Gesetzes ist vor allem Google - auch wenn der Konzern das bestreitet.

Werbeanzeige

Der lange vorbereitete Plan, ein Leistungsschutzrecht für Verlage im Internet durchzusetzen, ist – auch – das Ergebnis einer Massentäuschung und -enttäuschung. Der Täuschung nämlich, dass sich hochwertige journalistische Inhalte über das Reichweitenmodell Werbevermarktung refinanzieren lassen. Dieses Modell funktioniert für Marktführer wie Spiegel Online und Bild.de, es funktioniert auch für Anbieter mit Nischenthemen, die attraktive Zielgruppen mit speziellen Informationen versorgen. Für die breite Masse der journalistischen Websites von Verlagen, die originär recherchierte Nachrichten anbieten, ist das Netz keine Geldquelle. Und dass die Werbepreise im stationären Netz mittelfristig steigen, ist eher unwahrscheinlich. Im Internet ist Information kein knappes Gut.

Zaghafte Versuche, einen zweiten Erlösstrom aufzubauen, indem Nutzer zur Kasse gebeten wurden, unternahmen einige Verlage im In- und Ausland bereits vor vielen Jahren – um diese dann wieder zugunsten der Werbevermarktung ad acta zu legen. Die Folge: Es blieb bei einem weiterhin vergleichsweise kleinen Werbe-Erlösstrom aus dem Netz als Gegenleistung für die kostenlose Bereitstellung von Inhalten – in der Regel eine Mischung aus erweiterten Agenturmeldungen und originär erstellten Inhalten. Wenn sich viele Verlage heute wieder darauf besinnen wollen, für ihre Angebote auch Geld von den Nutzern zu nehmen, dann ist dies ein nachvollziehbarer Gedanke. Die praktische Umsetzung und vor allem der Erfolg dürfte nicht über Nacht kommen.

Die Idee der Einführung eines Leistungsschutzrechts ist eine direkte Folge der Gewissheit vieler Anbieter, dass sie ihre tatsächlichen und zu erwartenden Werbeumsatzverluste mit Printmedien nicht im Netz ausgleichen können. Wie der Beschluss des schwarz-gelben Koalitionsausschusses zeigt, will der Gesetzgeber vor allem Suchmaschinen und "News-Aggregatoren" zur Kasse bitten. Unternehmen, die ursprünglich auch stellvertretend für ihre im Netz surfenden Mitarbeiter zahlen sollten, sind offenbar zunächst aus dem Fokus geraten, um die deutsche Industrie nicht zu verstimmen.

Es ist unbestritten, dass kaum ein Unternehmen die Logik des Netzes besser verstanden hat als Google. Auf den US-Konzern wird sich die künftige Debatte um das Leistungsschutzrecht konzentrieren, weil er aus Sicht vieler Verlage der Inbegriff des Trittbrettfahrers ist, der mit fremder Arbeit maximalen Erlös erzielt. Um diese Debatte aber seriös führen zu können, müsste eine exakte Gegenrechnung her: Wie viel an zusätzlicher Aufmerksamkeit und Reichweite – also auch an Werbeumsätzen – bringen Suchmaschinen Verlags-Angeboten im Netz? Und, im Gegenzug: Wie profitiert eine Suchmaschine direkt und indirekt von den Verlags-Inhalten? Diese Gegenrechnung ist so schlicht wie fast unmöglich zu beantworten. Den Beweis, dass es ein Ungleichgewicht zugunsten der Suchmaschinen und Aggregatoren gibt, ziehen Befürworter des Schutzrechtes aus den unglaublichen Gewinnen, die allein Google aus dem Netz zieht.

Doch stellt sich die Frage: Ist der Gewinn von Google zwangsläufig und direkt ableitbar der Verlust der Verlage? Die Gewissheiten, mit der sowohl Befürworter wie Kritiker über das geplante Schutzrecht, seine zwingende Notwendigkeit oder seine Netz-zersetzende Wirkung streiten, sind absolut. Aber noch ist der Beschluss der Koalition in seiner Sprache außerordentlich schwammig. Wenn es dort heißt, Aggregatoren sollten für die "Verbreitung von Presseerzeugnissen…ein Entgelt an die Verlage zahlen", dann stellen sich viele Fragen, die alle um die Definition des Wortes "Verbreitung" kreisen. Reicht dafür ein Link? Ein Snippet? Ein Textabsatz? Diese Schwammigkeit kann gefährlich sein, denn gerade in diesem Fall muss Präzision in der Formulierung oberste Priorität haben. Die vagen Formulierungen in dem Beschluss deuten auch darauf hin, dass die Koalition und ihre Wortführer zum Leistungsschutzrecht nicht so genau wissen, wo sie eigentlich hin wollen.

Festzuhalten bleibt bis dahin, dass ein Leistungsschutzrecht ein gezieltes Eingreifen in den Markt bedeutet. Kein privatwirtschaftliches Unternehmen in Deutschland kann das eigentlich wollen. Zumal, wie eben beschrieben, die Ursachen zumindest teilweise hausgemacht sind. Wenn also die Marktwirtschaftler an der Spitze von Medienunternehmen das Handtuch werfen, dann ist das kein gutes Zeichen. Unabhängig davon, ob das geplante Gesetz überhaupt jemals eingeführt wird, ist das Signal der Verleger so klar wie beunruhigend. Es lautet: Wenn wir kein Geld von Google bekommen, dann hat sich der Qualitätsjournalismus im Netz für uns erledigt. Wenn sich umgekehrt Google dazu entschiede, einfach nicht mehr auf Verlagsinhalte zu verweisen, dann würde sich umgekehrt das Netz, wie wir es kennen, ohne die Verlage weiter entwickeln. Gute Optionen sind das beides nicht. 

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige