Peinliche Promo-Posse beim Kulturspiegel

Publishing Es ist eine Geschichte, die an David gegen Goliath erinnert: Eine kleine Band kritisiert öffentlich den großen Kulturspiegel. Das Duo TabTwo wirft dem Hamburger Kulturmagazin vor, ihr Album "Two Thumbs up" weit vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin in Umlauf gebracht zu haben. Denn: Die Platte landete bei einem Hamburger Musikhändler, der das Album bei Amazon anbot. In einem offenen Brief fordern sie eine Entschuldigung, der Händler spricht von üblicher Praxis, und der Spiegel entschuldigt sich.

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Um ein Album vor dem Veröffentlichungstermin (VÖ) bekannt zu machen, schicken Plattenlabels Rezensionsexemplare an Kulturredaktionen im ganzen Land. Soweit seit Jahrzehnten gängige Praxis. Doch nachdem etliche Alben und Singles renommierter Künstler vor dem eigentlichen VÖ im Netz auftauchten und für erhebliche Umsatzeinbußen sorgten, sind die Labels dazu übergangen, ihre Rezensionsexemplare zu markieren. So lassen sie sich später besser zurückverfolgen. Genau das wurde nun dem Kulturspiegel zum Verhängnis.

Nach Aussage des Label-Managers Jürgen Schlachter hatte man die Print-Promo-Firma Q-rious mit dem Versand von insgesamt 120 Rezensionsexmplaren des Tab-Two-Albums "Two Thumbs up" beauftragt. Die Platte mit der Nummer 71 landete beim Spiegel. Und am 23. Februar tauchte genau diese CD beim britischen Amazon auf. Über zwei Monate vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin.

Grund genug für die Band, sich in einem offenen Brief bei der Kulturredaktion zu beschweren: "Bei Ihrem Anruf bei uns am 23.2.12 haben Sie versucht, das Problem weit von sich zu wulffen. Schade, wenn man bedenkt, welche Moralinstanz der Spiegel für sich in Anspruch nimmt, wenn es um die Verfehlungen Anderer geht”, heißt es auf der Webseite der Künstler. Auf Anfrage erklärte der Verkäufer Frank Mundt, der seit 1984 einen Musik- und Buchhandel in Hamburg betreibt und die CD einstellte, gegenüber MEEDIA, dass es nichts Besonderes sei, wenn Journalisten Rezensionsexemplare weiterverkaufen. Schließlich würden Redakteure bekannter Zeitschriften allzu oft mit Material zugeschmissen.

In einem besonders krassen Fall habe er bei einer Redaktion sogar 110 vollgepackte Umzugskartons mit Büchern und CDs abgeholt. Gegenüber MEEDIA erklärte Mundt, dass solche Vorgänge bis 2003 Usus waren. Verlagsmitarbeiter, Redakteure oder Redaktionen selbst hätten Bücher und CDs bei ihm verkauft. Teilweise, um den Erlös zu spenden, teilweise aber auch, um das eigene Gehalt aufzubessern.

Nach 2003 hätten die Labels aber begonnen, ihre Rezensionsexemplare zu nummerieren, was den Weiterverkauf erschwert. Allerdings sei es nie vorgekommen, dass eine Redaktion mit dem massenhaften Verkauf von Tonträgern Geld machen wollte.

Auf Anfrage bei der Kulturspiegel-Redaktion verwies man uns auf die Facebook-Seite. Dort heißt es: “Leider ist es tatsächlich so, dass ein freier Mitarbeiter unseres Magazins die Promo-CD an diesen Laden verkauft hat. Wir entschuldigen uns dafür und erklären, dass wir dieses Verhalten nicht billigen.” Die Band nahm die Entschuldigung an, wie das Management bekanntgab.

Was für den Kulturspiegel peinlich endet, war für das Duo Helmut Hattler und Joo Kraus eine gelungene Marketingaktion. 2000 erschien das vorerst letzte Album von "Tab Two", 2011 gaben der Bassgitarrist und der Trompeter ihre Reunion bekannt. Auch wenn der Kulturspiegel sich dagegen entscheidet, die Platte zu besprechen, so haben sich die Künstler mit ihrem offenen Brief wieder ins Gespräch gebracht.

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