Season: das paradoxe Frauenmagazin

Publishing Es soll ein Heft sein, das Leben vereinfacht. Eine "Geheimwaffe gegen das Chaos, gegen den Informations-Overkill", wie Chefredakteurin Bettina Wündrich im Editorial schreibt. Doch die neue Gruner + Jahr-Zeitschrift Season, von einer Crew ehemaliger Condé Nast-Topkräfte äußerst professionell durchgetaktet und produziert, fügt dem Leben eigentlich noch mehr Ballast hinzu – in Form von etwa 400 Gegenständen. "Machen Sie Ihr Leben bunter", fordert die Frauenzeitschrift in ihrer Erstausgabe auf.

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In dem Lied "Bring den Vorschlaghammer mit" der Band Element of Crime heißt es im Refrain: "Der ganze alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein, bis morgen muss der ganze Rotz verschwunden sein". Nun wäre es natürlich vollkommen unangebracht, die sehr schönen Produkte, die in Season ebenso ansprechend vorgestellt werden, als Schrott zu klassifizieren. Aber das Prinzip von Season ist paradox: Die Zeitschrift hat den Anspruch, die Welt ihrer Leserinnen übersichtlicher zu machen, sie etwas zu entschleunigen. Gleichzeitig fordert Season aber dazu auf, sich an neuen Produkten zu erfreuen. Konkret: Im Einstieg "Schön zu haben" werden Brillen, 3D-Fingernagel-Deko und Vogelhäuser empfohlen. Wenig später schreibt eine Autorin, die ihre Ernährung komplett umstellen musste, sie habe den "Verzicht" in ihr Leben integriert. Doch ein Heft über oder pro Verzicht ist Season eben nicht. Dazu passend startet G+J parallel zum Printtitel in Kooperation mit Herstellern der gezeigten Waren einen eigenen "Season-Online-Shop", über den die Leserinnen von der Redaktion vorgestellte Produkte online bestellen sollen.

Das Magazin, das alle zwei Monate erscheint (Entschleunigung!), kommt sehr wertig daher. Season ist Lifestyle ohne Hochglanz, aber dafür mit einer Botschaft. In einer Strecke über Businessmode stehen Slogans wie: "Sagen Sie Nein", "Stehen Sie Ihren Mann", "Verlassen Sie die Komfortzone". An anderer Stelle rät eine Expertin "Arbeiten Sie nicht gegen Ihren Körper". In einem der wenigen übers Heft verteilten längeren Lesestücke – richtige Reportagen oder ausführliche Interviews fehlen – geht es um Elternzeit für Männer. Angesprochen ist die erfolgreiche, selbstbewusste Frau, die sich wieder auf sich selbst besinnen soll. Die Farben sind frisch, auf dem Titel mümmelt ein Osterhase ein Blatt, das Layout ist sehr aufgeräumt. Eine Botschaft verheißt: "Alles, was Sie die nächsten zwei Monate brauchen". Die Welt, so viel wird klar, besteht für Season aus Antworten. Prinzip: "Wir müssen reden", aber bitte möglichst schnell und danach noch das "15 Minuten Workout", "simpel, gesund und rasant schnell".

Ein wenig erinnert Season an Real Simple, die amerikanische How-To-Zeitschrift. Das ist natürlich kein schlechtes Konzept, das auf dem deutschen Frauenzeitschriftenmarkt auch tatsächlich noch fehlt. Möglicherweise ist die Erwartungshaltung, die heute an neue Frauenzeitschriften gestellt wird, einfach zu hoch: Das Genre soll bitteschön möglichst neu erfunden werden. Der Ansatz von Season ist, etwas weniger aufgeregt aufzutreten als Mitbewerber und dies vor allem im Layout deutlich zu machen. Das ist überhaupt nicht verkehrt. Doch etwas mehr Mut, auch andere, überraschende Inhalte in das mit 220 Seiten sehr umfangreiche Heft zu bringen, wäre wünschenswert gewesen.

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