„Korrupte, innerlich erloschene Menschen“

Publishing Im Zuge der Bundespräsidenten-Debatte veröffentlichte MEEDIA kürzlich ein 19 Jahres altes Cover des Satire Magazins Titanic auf unserer Facebook-Seite. "Zwei gute Gründe für Hildegard Hamm-Brücher" lautet die Zeile zu der die Brüste eines Nacktmodells abgebildet sind. Facebook stufte die Satire als Pornografie ein und löschte das Foto. Wir sprachen mit Titanic-Chefredakteur Leo Fischer über Facebook, die Präsidentenfrage und seine Angst vorm Datenklau.

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Vor einigen Tagen hat Facebook das Titanic-Cover zur Bundespräsidentenwahl 1993 von der MEEDIA-Fanpage entfernt, weil es pornografisch sei. Hätten Sie erwartet, dass Facebook jetzt ernst macht mit dem sauberen Netz – und dass es dabei ausgerechnet Sie trifft?

Das war eigentlich zu erwarten. Ab einer gewissen Marktmacht kommt es automatisch zu einer Disneyfizierung dieser Plattformen, bei der ausgewogener, niveauvoller Journalismus wie der unsere auf der Strecke bleibt. Bisher sind wir von Zensur auf Facebook verschont geblieben, da wir keine eigenständigen Inhalte, sondern nur Links auf unsere Seite posten. Dass Facebook jetzt als Verleger auftritt, sehen wir aber gelassen: Die Erfolgsgeschichte von Titanic wäre ohne unberechenbare, irrlichternde Verleger gar nicht denkbar. In diesem Sinne hoffen wir auch in Zukunft auf die Zusammenarbeit mit Herrn Zuckerberg.

Finden Sie es nicht auch respektlos, wie Ihre Vorgänger bei Titanic damals mit Frau Hamm-Brücher auf dem Titel umgegangen sind?

Durchaus nicht. Titanic hat die Präsidentenfrage schon immer sehr offensiv gestellt, eigene Kandidaten ins Spiel gebracht – erinnern Sie sich nur an unseren Titel "Warum nicht mal ein Neger?", mit dem wir einen möglichen Kandidaten Roberto Blanco ins Spiel gebracht haben. Noch heute erhalten wir sehr engagierte Anrufe schwarzer Menschen zu diesem Cover.

Als Buchautor von "Generation Gefällt mir" sind Sie selbst ja ein Experte in Sachen Social Media. Wie sind Sie auf die Idee zu dem Buch gekommen?

Das Buch behandelt nicht die sozialen Medien selbst, sondern die dahinterstehende Geisteshaltung, und ist vollkommen frei von störendem Expertenwissen. Meine These ist, dass es überwiegend korrupte, degenerierte und innerlich erloschene Menschen sind, die aus Facebook ihr Selbstbewusstsein beziehen. Diese Erkenntnis habe ich überwiegend durch Selbstbeobachtung gewonnen.

Ihr Buch nennen Sie eine "Sammlung aus Artikeln, Reportagen und weiteren Satire-Phantasien". Was erwartet die Leser?

Ziemlich verworrene und hanebüchene Artikel, die zum Teil schon in Titanic, zum Teil in noch fragwürdigeren Medien erschienen sind.

Können Sie sich ein Leben ohne Facebook vorstellen?

Nein. Das Netzwerk erlaubt mir eine mechanisierte, seelenlose Abwicklung meines Soziallebens ohne störende Emotionen oder körperliche Nähe – für neurotische, schwer gestörte Persönlichkeiten wie mich geht damit ein Lebenstraum in Erfüllung. Übrigens kann auch Titanic nicht darauf verzichten: Mittlerweile kommen fast drei Viertel der Besucher unserer Webseite von unserer Facebookpräsenz. Ich rechne damit, dass Facebook und Konsorten das Netz, wie wir es kennen, in naher Zukunft komplett übernehmen werden.

Statt des erhobenen Zeigefingers gibt es jetzt den erhobenen Daumen was hat sich dadurch in der Gesellschaft geändert?

Zumindest unser künftiger Bundespräsident ist schon ein gutes Beispiel dafür: Ihm gefällt sein neues Amt so gut, dass er darüber sogar das Waschen und Nachdenken vergisst. Und seine Stasiakte hat er erfolgreich weggeklickt. Das ist genau die Patchwork-Realität, die das Netz bietet.

Vielen fällt auf, dass es häufig eine tiefe Kluft zwischen den Kommentaren der herkömmlichen Medien und der Stimmung bei den Social-Media-Fans gibt, wie aktuell bei der Meinung zu Joachim Gauck. Was sagen Sie als Vertreter eines klassischen Magazins dazu?

Es ist die Politik unserer Zeitschrift, die Leserschaft nach Möglichkeit zu ignorieren, daher ignoriere ich auch alle Kommentarthreads. Der Unterschied zwischen dem, was der Spiegel zu Gauck schreibt und dem, was der durchschnittliche Facebooktroll dazu äußert, unterscheidet sich meines Erachtens nur durch die Anzahl der verwendeten Smileys.

Wie nutzen Sie soziale Netzwerke? Haben Sie keine Angst vorm Missbrauch mit ihren sensiblen Daten?

Die eine Hälfte meiner Daten vertraue ich Google, die andere Facebook an. Damit sollten beiden Konzernen die entscheidenden Puzzlestücke zur Totalüberwachung fehlen.

Für wen ist Facebook eine größere Bedrohung: für die Medien oder für die Nutzer selbst?

Weder noch. Ich glaube, dass Facebook nur unsere soziale Realität widerspiegelt, frei von verzerrenden Einflüssen. Unser politischer Arm, die Partei "Die PARTEI", hat bei Facebook fast so viele Fans wie die SPD. Ich hoffe deshalb, dass bald auch die Wahlzettel über die Plattform abgegeben werden können.
Das Buch "Generation gefällt mir" von Leo Fischer ist für 12,95 Euro im Buchhandel erhältlich 

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