Warum „DSDS“ 2012 besser ist als sein Ruf

Fernsehen Es gilt als unpopulär, positiv über "DSDS" zu schreiben. Die Riege der Castingshow-Kritiker hat sich eingeschossen: Bohlen-Sprüche auf Kosten intellektuell unauffälliger Kandidaten mit dünnen Stimmen bilden - manchmal zurecht - beliebte Ziele für Kritik-Redundanz. Wenige Kritiker allerdings verstehen Casting und TV. Noch weniger haben je den Komfort ihres Elfenbeinturmes verlassen und Produktionen von innen erlebt. Und: Positive Veränderungen der aktuellen Staffel werden eher ignoriert.

Werbeanzeige

Wenn Alexander Kissler im Focus Castingsshows als "langweilige Lüge" bezeichnet, "Unterwerfungsrituale" kritisiert und unter dem Titel "Schluss mit dem Casting-Wahn!" ein Ende des Casting-Booms sieht und fordert, ist auch er "unterworfen": dem manchmal angemessenen, aber stets redundant-moralisierenden Diktat des aktuellen Kritiker-Mainstreams. Irgendwie gilt es als hip, aus scheinbar moralisch einwandfreier Ecke anderen vorzuhalten, sie seien partiell "schlechte Menschen". Unabhängig vom sachlichen Content in der Tat kritikwürdiger Aspekte können sich aktive Teilnehmer der Casting-Kritiker-Bewegung und "Fernsehfachleute" Kollegen verbunden fühlen, die in gleicher Weise moralische Federn spitzen, Zeigefinger recken und auf die Welt der Bohlens und Klums herabdiagnostizieren. Der angenehme Nebeneffekt: Jede kritische Bemerkung, jeder Verweis auf ethische Insuffizienzenz etwa eines Bohlen zementiert die Kritiker selbst auf der moralisch guten Seite des Zauns.
Ohne jeden Zweifel: Es gibt und gab an Casting-Shows viele Aspekte, die kritisch gesehen werden müssen. Kritiker selbst könnten ihre eigene professionellen Außenwirkung stützen, wenn sie über moralische Aspekte hinaus intensiver auch Ebenen kommentierten, die für die Qualität eines Formates ebenso erfolgskritisch sind, wie etwa der Umgang einer Jury mit den Kandidaten: Die Qualität der Produktion. Die Substanz vokaler Leistungen. Oder eine Bewertung der Zielgruppenquote, die sich tendenziell nicht nur an High-Level-Peaks orientiert, sondern am Senderschnitt. Oder die Eigendynamik des Life-Cycles einzelner Formate und des Genres, wie auch Gegenabhängigkeiten von Programmplanung und Wettbewerbssituation.
Insbesondere bei der Bewertung des Klassenfeindes "DSDS" scheint das ein abenteuerlicher Gedanke zu sein. Mehr noch: Wahrnehmung und Beschreibung positiver Veränderungen scheint grundsätzlich eher die mediale Attraktivität zu fehlen. Man ist so eingeschwungen darauf, entweder Bohlen yellowpressmäßig undifferenziert "supergut" zu finden, oder ihn und "DSDS" redundant zu kritisieren, dass Teile des fachlichen Raumes von Kritik zwischen beiden Extremen kaum Bedeutung finden. Dabei weist die aktuelle Staffel von "DSDS" in der Tat Veränderungen auf, die zeigen: RTL, Grundy und auch Bohlen haben nachgedacht und Modifikationen auf den Bildschirm bewegt.
Die Jury:
Bohlens bisherige Jury-Kollegen bildeten in der Vergangenheit eher kurzatmige Staffage für Bewertungen und Vernichtungssprüche des Meisters. In der 2011er Staffel wurden Quotenfrau Fernanda Brandao, 28, und Patrick Nuo, 29, angekündigt als "Sexiest Jury ever". Brandao lächelte sich durch die Jury-Rolle wie ein Unfallopfer mit Gesichtslähmung und die Schenkenberg-Kopie Patrick Nuo duckte sich so hartnäckig vor Bohlen, dass seine scheinbar eingeklemmte Luftröhre ihn kaum einen Satz geradeaus sprechen ließ. Die Macher des Formates haben gelernt: Die neue Jury sieht neben Bohlen mit Natalie Horler, 30, die Frontfrau von Cascada. Die Britin, Tochter des Jazz-Musikers David Horler, wuchs in Bonn auf, erreichte im Sat.1-Wettbewerbsformat "Star Search" als Kandidatin Runde zwei und blickt auf Gold- und Platin-Erfolge ihrer Titel zurück. Horler ist zwar in der Jury-Kombo eher zurückgezogen, aber auf eine sehr erwachsene und sympathisch-kompetente Art. Man darf ihr jederzeit zutrauen, durchaus eine eigene Meinung zu vertreten und den Raum für die Trennschärfe eines persönlichen Profils zu nutzen. Stand heute ist Horler eine erwachsene Bereicherung des Gremiums.
Bruce Darnell, 54, ist in diesem Jahr der dritte Juror. Der Ex-GI und Fallschirmjäger mit Nahkampfausbildung ist Jury-Profi mit langjähriger Erfahrung bei Klums "GNTM" und RTLs "Supertalent". Er blickt auf eine eingeschwungene und freundschaftliche Beziehung zu Jury-Meister Bohlen zurück, der selbst nie Konkurrenz-Impulse Darnells zu fürchten hatte. Beide ergänzten sich in der Vergangenheit eher gut. Darnell bietet bekanntermaßen Identifikationsfläche für jene Zuschauer, die auf den Unterhaltungswert emotionaler Ausbrüche (hyper-)sensibler Männer stehen. Und da Tränen zwar "nicht lügen", aber andererseits für erwachsene Juroren, die ihre Kernkompetenz nicht im Genre der Musik finden, auch ein wenig eindimensional sind, hat man Darnell strukturell mit Drehbuch und Ablaufplan unterstützt. Es wurden Räume geschaffen, in denen sich Bruce als erwachsener Musik-Juror zeigen konnte: Darnell gab kritisch-musikalische Bewertungen ab und verkündete  das Ausscheiden von Kandidaten. Wohl nicht nur wegen Bruce Darnell, sondern auch im Sinne der Gesamtwirkung der Jury als Gremium auf Augenhöhe wurde produktionstechnisch hier am sichtbaren Image des Tränenmanns geschraubt.
Der Meister:
Wahrscheinlich ist Dieter Bohlen im Kern ein wirklich netter Kerl. Mit Ulli Hoeneß etwa mag ihn verbinden, dass er viel dafür tut, dass man diesen Umstand nicht so schnell merkt. Nach Jahren professioneller Deformation des Medien-Business buchten viele Bohlen standardmäßig als musikalischen Mafia-Paten ohne persönliches Entwicklungspotenzial im Umgang mit sich und anderen ab. In der aktuellen Staffel allerdings sind Ansätze deutlicher Veränderungsimpulse sichtbar: In der Jury hält Bohlen sich mehr zurück, als in den letzten Staffeln, um seinen Kollegen die Chance zu lassen Profil und Raum zu gewinnen. Er könnte verstanden haben, dass ihm selbst dies mittelfristig hilft, ohne ihm etwas wegzunehmen.
Natürlich sind derbe Sprüche bei Kandidatenurteilen nicht verschwunden. Auch sie bedeuten Bohlen-USP und sind Quotengarant. Wer genau hinschaut, stellt jedoch fest, dass der verletzende Charakter der Bohlen-Sprüche sich ebenso verändert hat wie die Frequenz. Kritik erfolgt durchaus nüchtern und erwachsen ohne durchgängig sarkastische Depotenzierung von Kandidaten. Manchmal sogar flackern Ansätze nicht gelernter oder gescripteter Fürsorge auf: Momente, in denen Bohlen so wirkt, als sei ihm diese Entwicklung selbst fast ein wenig peinlich. Will man fair urteilen und beschreiben, muss man vor dem Hintergrund der letzten Staffeln sagen: Auch wenn "DSDS" 2012 in den nächsten Wochen in die dichte Phase geht und es für Prognosen zu früh ist – es gibt sichtbare positive Änderungen am Stil.
Kandidaten:
Es gibt eine ganze Reihe von Kandidaten mit grundsätzlich vokalen Potenzial. Ex-"Supertalent"-Kandidatin Vanessa Krasniqi zum Beispiel als in der Tat gute, junge Sängerin auf ihrem Weg zu einer vielleicht irgendwann sehr guten Sängerin. Joey Heindle, der als junger Mann fernab des Mainstreams unkonventionell, unterhaltsam und sympathisch-bizarr wirkt und so schlecht nicht singt. Marcello Ciurlia als ein kleiner, dicker Junge mit vereinzelten Momenten nie vermuteter gesanglicher Präsenz und Sensibilität in langsamen Titeln. Oder Hamed Anousheh als sub-exotischer Nachwuchs-Womanizer mit Tendenzen zu softer, Naidoo-artig sauberer Modulation der Stimme. Nur einige Beispiele von aktuell nicht herausragenden, aber entwicklungsfähigen, möglichen Talenten mit Chancen. Selbst wer auf Schlager steht, findet in Kristof Hering einen Repräsentanten, der besser singt, als sein Nachname es hergibt.
Wenn am heutigen Abend bei RTL "DSDS" gelaufen ist, stehen die 15 Finalisten fest. Die diesjährige Staffel bietet durchaus Potenzial für Unterhaltung. Und an den leisen Stellen könnte in diesem Jahr etwas anders werden. Ein möglicher Verzicht auf vieles, was in den vergangenen Jahren Garant für Quote bedeutet haben mochte, wäre keine nur dumme Entscheidung:
Wer nicht vom Weg abkommt, so heißt es, wird auf der Strecke bleiben.

Mehr über den Autor: http://www.leadership-academy.de

Werbeanzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige