Lokalchef rätselt über anonymen Wohltäter

Publishing Es ist vielleicht die schönste Mediengeschichte des Jahres: In Braunschweig beschenkt ein Unbekannter bedürftige Menschen mit hohen Geldbeträgen. Kurz nachdem die Braunschweiger Zeitung über eine soziale Ungerechtigkeit berichtete, fanden die Betroffen in ihren Briefkästen Umschläge mit bis zu 20.000 Euro. Für die WAZ-Tochter und ihren Regionalchef ist die Story ein doppelter Glücksfall: Sie beweist die noch immer immense Kraft lokaler Blätter und schafft bundesweite Aufmerksamkeit.

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Die letzte Spende liegt „jetzt rund anderthalb Wochen zurück“, erzählt der Lokalchef der Zeitung, Henning Noske, gegenüber MEEDIA. „Aber diese Pause muss erst einmal nichts bedeuten, denn seit November gibt es immer wieder längere Phasen, in denen die Geschenke aussetzten“.

Wenige Wochen vor Weihnachten begann das moderne Märchen. Die Zeitung hatte über das traumatisierte Opfer eines Handtaschenraubs berichtet. „Unmittelbar danach erhielt die Opferhilfe 10.000 Euro“, erzählt Noske der dpa. Zusammen mit dem Geld lag in dem Umschlag auch noch eine Ausriss mit der Story aus dem Regionalblatt.

Seitdem wiederholte sich dieses Muster mit Spenden für eine Suppenküche, einen behinderter Jungen, für die Sternsänger, eine Kirchengemeinde und Kindergärten. Mittlerweile verteilte der anonyme Wohltäter 180.000 Euro. Dabei geht er so geschickt vor, dass den Beschenkten auch keine Nachteile aus den Hilfsumschlägen erwachsen. So liegen die Präsente immer unterhalb der steuerpflichtigen Grenze von 20.000 Euro und auch die Polizei sieht keinen „Ansatz für eine kriminelle Handlung“. Das Geld scheint sauber zu sein.

Über die Identität des Wohltäters mag Noske nicht spekulieren. Genauso wenig über die Beweggründe. „Solange es keinen Hinweis auf eine zweifelhafte Herkunft gibt, könnte es von uns aus immer so weitergehen“, sagte er der dpa. Auch woher das Geld kommt, weiß der Journalist nicht. „Es kann sein, dass der oder die Spenderin eine Erbschaft gemacht hat oder warum auch immer ein schlechtes Gewissen hat und jetzt Gutes tun will.“

Möglicherweise hat die Aktion Nachahmer gefunden. Denn der modus operandi änderte sich bei einigen der letzten Geldübergaben deutlich. Sollte der oder die Spenderin tatsächlich Nachahmer finden, währe dies wohl eine der schönsten Formen des Abkupferns. In einer Glosse beschwerte sich bereits das Hamburger Abendblatt, warum gerade Braunschweig solche Wohltäter hätte und die Geldbörsen der Hanseaten wohl mit Stacheldraht zugenäht seien. Neben den Hamburgern berichtet auch andere Medien und TV-Sender.

Die Spendenserie brachten Noske und seine Braunschweiger Zeitung in eine ungewöhnliche Lage. Denn zum einen sind sie mit ihren Berichten mitverantwortlich für die Präsente, machen aber mit den Storys über die Beschenkten auch Auflage. „Das ist schon eine besondere Situation“, sagt er gegenüber MEEDIA. „Aber seit auch wir in das Zentrum des Interesses gerückt sind, machen wir uns noch mehr Gedanken über wen wir wann und wie berichten.“

Tatsächlich entscheidet die Redaktion jetzt nicht mehr nur, ob eine Geschichte den Leser interessiert, sondern auch über mögliche Spenden, die eine Story zur Folge haben kann. „Mittlerweile rufen Menschen bei uns und bitte darum, dass über sie berichtet wird. Sie sind von der Hoffnung getrieben, dann auch von dem oder der Wohltäterin bedacht zu werden“. So rief beispielsweise ein Abenteurer an, der eine Expedition an den Hindukusch plant und darauf hofft, dass sich ein wohlwollendes Stück positiv auf seine Reisekasse auswirken würde. „Die Crux ist jetzt, dass die Pläne des Abendteurer tatsächlich interessant und für uns berichtenswert sind“, sagt Noske.

Unabhängig von dieser medienethischen Frage beweist das Märchen vom Braunschweiger Wohltäter für Noske noch etwas ganz anderes: „Die Geschichte zeigt, dass Regionalzeitungen noch immer gelesen werden.“ So gesehen sind die Kuverts auch Geschenke für die geschundenen Gemüter von Lokal-Redakteuren und -Verlagsmanagern, die täglich gegen einen – zumindest gefühlten – schleichenden Bedeutungsverlust ankämpfen müssen.

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