Facebook zensiert Titanic-Cover bei MEEDIA

Publishing “Zwei gute Gründe für Hildegard Hamm-Brücher” lautete der legendäre Titel eines neunzehn Jahre alten Titanic-Covers, das wir im Rahmen der Suche nach einem Wulff-Nachfolger posteten. Doch Facebook löschte das Bild. Mit Verweis auf einen Verstoß der Richtlinien. Wohl gemerkt: Es handelte sich nicht um Pornographie, sondern das Titelblatt eines Satire-Magazins. Und dennoch passt der Vorfall zu jüngsten Erkenntnissen, die belegen, dass Facebook ohne Rücksicht auf geltendes Recht Beiträge entfernt.

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Am vergangenen Samstag postete Alexander Becker, Redaktionsleiter bei MEEDIA, das Titanic-Cover aus dem Jahr 1993 auf der Facebook-Seite von MEEDIA. Am Dienstagabend musste sich Becker erneut bei Facebook einloggen und über die Identifikation von Profilbildern seiner Freunde die Echtheit seines Benutzerkontos bestätigen. Als der Vorgang abgeschlossen war, teilte Facebook ihm mit, dass man das betroffene Bild wegen eines Verstoßes gegen die Richtlinien gelöscht habe und verwies auf die Benutzerrichtlinien.

Der Eintrag samt Likes und Kommentare ist mittlerweile nicht mehr aufzufinden. Dieses Vorgehen verwundert, wo Facebook doch eine freie Diskussionskultur zwischen seinen Usern etablieren will. Und dennoch passt die Löschaktion in das Bild eines Unternehmens, das sich aufgrund der schieren Größe seiner Community und Aktivitäten in vielen Ländern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen offenbar gezwungen sieht, zweifelhafte Einträge am Fließband zu löschen – ohne Rücksicht auf den Kontext und auf geltendes Recht. Bislang war nicht klar, dass Facebook derart vehement in die Kommunikation seiner User eingreift.

Erst vergangene Woche veröffentlichte Gawker einen ausführlichen Leitfaden, nach dem Drittunternehmen im Auftrag von Facebook als unangebracht gemeldete Inhalte löschen. Neben heraushängenden Eingeweiden und Fetischbildern verbietet Facebook unter anderem das Abbilden der weiblichen Brust, egal ob beim Stillen oder aus erotischer Sicht. Bilder vom “Vorspiel” sind erlaubt, solange die Beteiligten angezogen bleiben. Ebenfalls erlaubt ist das Abbilden von Körperflüssigkeiten, Sperma ausgenommen, sowie photogeshoppte Bilder, solange die Person nicht negativ dargestellt wird.

Interessant: Facebook verbietet außerdem eine direkte Gegenüberstellung zweier Personen, bei der User beurteilen sollen, wer ihnen besser gefällt. Facebook war ursprünglich als FaceMash gestartet, wobei es eben um genau diese Art der Bewertung von meist weiblichen Usern ging.
Die Informationen stammen aus einer Guideline für Mitarbeiter von oDesk, einer Firma, die im Auftrag von Facebook Inhalte auf Löschung überprüft, die von anderen Usern als unangebracht gemeldet wurden. Die mitunter fragwürdigen Bilder und Videos laufen bei den Angestellten des marokkanischen Unternehmens in einem Stream an und werden daraufhin überprüft.

US-Prüderie trifft auf Pressefreiheit
Es werden Erinnerungen wach an Apples Löschmaßnahmen im Appstore. Weil stern.de in seiner iPhone-App Aktfotografien zeigte, flog das Programm kurzerhand aus dem Appstore. Bild.de musste seine Covergirls "blitzen", um zugelassen zu werden. Und erst vor wenigen Wochen wurde eine Ausgabe des spanischen Wissenschaftsmagazins Muy interesante nicht für das virtuelle Zeitschriftenregal Newssstand zugelassen, weil der Konzern aus Cupertino das Aufmacherthema "Wahrheiten und Mythen über den Penis" als nicht altersgemäß empfand.

Was sich nach der Prüderie zweier US-Unternehmen anhört, ist ein ungeschriebenes Gesetz im Silicon Valley. Bilder von nackten Körpern, egal ob es sich um Aktfotografie oder Satire handelt, haben auf den Portalen der kalifornischen Startup-Szene nichts verloren. Damit kollidiert amerikanische Prüderie allzu oft mit der Presse- und Meinungsfreiheit anderer Ländern, in denen die Unternehmem aktiv sind.

Ob Facebook auch in Deutschland Unternehmen mit der Prüfung von Inhalten beauftragt, ist nicht bekannt. Dennonch sei an dieser Stelle die Frage gestellt: Wie will beispielsweise ein Unternehmen in einem islamistisch geprägten Land Inhalte, die in westlichen Ländern auf Facebook gepostet werden, in den richtigen Kontext setzen? Titanic ist ein Satiremagazin. Insofern handelt es sich in diesem Fall um Zensur.

Denn neben der Webseite dienen auch Twitter, Google+ und Facebook der Verbreitung von redaktionell erstellten Inhalten. Satire ist nach deutschem Recht durch die Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit geschützt, insofern sie nicht mit dem Persönlichkeitsrecht kollidiert.

Facebook bewegt sich mit derlei Aktionen auf dünnem Eis. Zum einen müssen gepostete Inhalte für Kinder ab 13 Jahren freigegeben sein, damit das Social Network nicht auf einen erheblichen Teil seiner Community verzichten muss. Zum anderen steht Facebook wie in keinem anderen Land in der Kritik, sich über die nationale Gesetzgebung hinwegzusetzen.

Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert fordert eine strikte Anpassung der Geschäftsbedingungen und Nutzerrichtlinien an das deutsche Recht. Ein schwieriges Unterfangen, da Facebook der kalifornischen Gesetzgebung unterliegt.

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