Karnevals-Shows verlieren 7 Mio. Zuschauer

Fernsehen Kaum ein Ereignis dominiert einmal im Jahr über Wochen das öffentlich-rechtliche TV-Programm so, wie der Karneval. Fast 30 Prunksitzungen von Cottbus bis Friedrichshafen zeigten Das Erste, das ZDF und die Dritten 2012 in nur drei Wochen - ein gigantischer Overkill. Doch die oft altbackenen Shows sind längst nicht mehr so erfolgreich wie einst. Die acht der zehn größten, deren Zahlen mit denen von 2002 vergleichbar sind, verloren in diesen zehn Jahren 7,41 Mio. Zuschauer, im Vergleich zu 2011 ganze 2,28 Mio.

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Die karnevals-verrücktesten Sender

Der TV-Karneval ist längst eine rein öffentlich-rechtliche Veranstaltung geworden. Schon 2005 verabschiedet sich RTL von seinem langjährigen Erfolg "Kölle Alaaf", der zwar bis zum Schluss weit über 5 Mio. Zuschauer zum Sender führte, darunter zuletzt aber nur noch 1,67 Mio. 14- bis 49-Jährige – ein in dieser für RTL entscheidenden Altersgruppe unbefriedigender Marktanteil von 12,8%. Seit 2006 finden Prunksitzungen daher nur noch im Ersten, im ZDF und den Dritten der ARD statt. 2012 tat vor allem das SWR Fernsehen viel für die Fastnacht-Fans: Ganze neun Sitzungen zeigte man um 20.15 Uhr – ein Rekord. Das Erste war unterdessen an fünf Abenden dabei, das ZDF an vier.

Die erfolgreichsten Prunksitzungen

Die Nummer 1 des TV-Karnevals bleibt auch 2012 "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht". Die im jährlichen Wechsel vom Ersten und dem ZDF ausgestrahlte Sendung kam diesmal im ZDF auf 5,86 Mio. Zuschauer. Auf den weiteren Plätzen folgen "Typisch Kölsch", "Düsseldorf Helau", "Mer losse d’r Dom in Kölle" und "Karneval in Köln", vier Shows aus dem Rheinland also. Sie kamen 2012 auf 4,57 Mio. bis 4,93 Mio. Seher. Ebenfalls in die Top Ten geschafft hat es das Bayerische Fernsehen: Mit 3,67 Mio. Zuschauern war die "Fastnacht in Franken" auch diesmal ein Megahit für den Sender. Was für ein Erfolg die Show für das Dritte des BR tatsächlich ist, zeigt folgendes Detail: Auf neun der zehn Plätzen der erfolgreichsten BR-Sendungen der vergangenen zehn Jahre finden sich Ausgaben von "Fastnacht in Franken".

Die Langzeit-Bilanz:

Schaut man sich für diese zehn Top-Shows nun die Vergleichswerte aus den Jahren 2002 und 2011 an, so wird es etwas ernüchternd. Vor zehn Jahren sahen "Mainz bleibt Mainz" noch ganze 2,64 Mio. Leute mehr. Im Vergleich zu 2011 gingen immerhin 0,61 Mio. Seher verloren – die 2012er-Ausgabe war damit die schwächste aller Zeiten. Auch bei sechs der anderen sieben Shows, deren Zahlen mit denen von vor zehn Jahren vergleichbar sind, ging es nach unten. Mehr als 1 Mio. Fans verloren im Vergleich zu 2002 "Mer losse d’r Dom in Kölle", "Karneval Hoch Drei" und "Wider den tierischen Ernst". Am deutlichsten im Vergleich zu 2011 ging es für "Karneval Hoch Drei" nach unten, 2011 war die Show noch die Nummer 2 der Karnevals-Charts, nun nur noch die Nummer 6. Ein kleiner noch historischerer Vergleich: Ende der 1980er Jahre sahen "Mainz bleibt Mainz" noch 17 Mio. Leute.

Die Lichtblicke:

Wie die Tabelle zeigt, ging es für drei der Shows im Vergleich zu 2011 aber auch nach oben. So gewann vor allem "Düsseldorf Helau" mit 0,63 Mio. Fans hinzu, aber auch "Typisch Kölsch" und die "Fastnacht in Franken" liegen über dem Vorjahr. Die BR-Show gewann zudem als einzige im Vergleich zu 2002 hinzu: um 0,73 Mio. auf 3,67 Mio. Allerdings – und das gilt auch für die beiden anderen Gewinner – es gab auch für dieses Trio schon deutlich bessere Jahre. "Typisch Kölsch" kam bis 2010 fast immer auf mehr als 5 Mio. Zuschauer, "Düsseldorf Helau" bis 2006 ebenfalls. 2010 gab es dort mit 5,86 Mio. sogar einen Zwischenrekord. Und auch die "Fastnacht in Franken" war schonmal erfolgreicher: 2006 und 2010 mit jeweils fast 4 Mio. Sehern.

Das junge Publikum:

Bitter für die Veranstalter der Prunksitzungen: Junge Zuschauer bleiben den Shows immer öfter fern. Während "Mainz bleibt Mainz" vor zehn Jahren noch einen Marktanteil von mehr als 10% bei den 14- bis 49-Jährigen erreichte und auch "Typisch Kölsch", "Mer losse d’r Dom in Kölle" und "Karneval in Köln" 8,5% bis 9,3% erzielten, gab es 2012 keine Sitzung mit mehr als 5,2% im jungen Publikum. Alle Shows des Ersten und des ZDF blieben damit klar unter den Sender-Normalwerten, die Zuschauerzahlen halbierten sich. Junges Publikum lässt sich mit Karneval also nicht mehr locken. Interessantes Detail: Die "Fastnacht in Franken" belegt in der jungen Zielgruppe mit 550.000 Sehern sogar Platz 3 hinter "Karneval in Köln" (580.000) und "Mainz bleibt Mainz" (560.000).

Das Fazit:

Es lässt sich nicht wegdiskutieren, die großen TV-Prunksitzungen werden von Jahr zu Jahr erfolgloser. Nur noch eine begeisterte im Jahr 2012 mehr als 5 Mio. Leute, im Vergleich zu 2011 gingen der Top Ten 2,28 Mio. Seher verloren. Woran das liegt, müsste wohl mit Befragungen herausgefunden werden. Allerdings dürfte die Fülle von Sitzungen (fast 30) selbst die treuesten Fans überfordern. ARD und ZDF sollten überlegen, nach und nach ein paar Verträge nicht zu verlängern und mit weniger Shows die verbleibenden zu stärken.

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