Der schwache Start des deutschen WSJ

Publishing Vor mehr als einem Monat ging das deutsche Wall Street Journal online, Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Die ersten Ergebnisse sind für das Wirtschaftsnachrichten-Angebot recht ernüchternd. Beim Traffic ist man mit 53.000 Unique Visitors im Januar ein Mini, in Suchmaschinen ist man kaum auffindbar und bei Facebook und Twitter spielt man noch keine Rolle. Die WSJ-Macher erfahren derzeit, wie schwierig es ist, als neuer Player in einem überfüllten Segment Fuß zu fassen.

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Natürlich lässt sich zu einem solch frühen Zeitpunkt nicht sagen, ob eine neue Website mittel- oder langfristig Erfolg haben wird. Dennoch sind die ernüchternden Zahlen für Wallstreetjournal.de ein klares Indiz dafür, wie schwer es selbst weltbekannte Marken inzwischen haben, ein neues Internet-Angebot zu starten. Unsere kleine Zwischen-Analyse haben wir in drei Teile aufgeteilt, in denen wir den Traffic, die Suchmaschinendaten und den Social-Media-Erfolg betrachten wollen.

Traffic:

Da das deutsche Wall Street Journal noch kein Mitglied bei IVW und AGOF ist, müssen für einen Blick auf objektive Trafficzahlen andere Anbieter herhalten, beispielsweise das Google-Research-Tool Ad Planner. Dort kommt Wallstreetjournal.de im Januar auf ganze 53.000 Unique Visitors und befindet sich bei den Nachrichten-Websites in etwa auf dem Niveau von Kontrahenten wie der Schwäbischen Post, dem Solinger Tageblatt und der Goslarschen Zeitung.

Zum Vergleich: Die wichtigsten Konkurrenten liegen meilenweit davor. Handelsblatt.com erreichte laut Ad Planner im Januar 1,3 Mio. unterschiedliche Besucher, FTD.de 1,1 Mio., manager-magazin.de 580.000 und wiwo.de 460.000. Alle gewannen gegenüber dem Dezember mehr Visitors hinzu als das Wall Street Journal insgesamt erreichte.

Zwar ist das Wall Street Journal erst am 10. Januar gestartet, ein voller Monat ist also gar nicht in die Wertung gekommen, doch auch mit einem vollen Monat sähe es wohl kaum anders aus. Nur am Starttag, dem 10. Januar kam wallstreetjournal.de den Google-Daten zufolge auf mehr als 10.000 tägliche Unique Visitors, danach ist keine ansteigende Tendenz zu erkennen.

Suchmaschinen:

Einer der wichtigsten Traffic-Bringer für journalistische Websites sind nach wie vor die Suchmaschinen. Und gerade hier haben es neue Angebote besonders schwer, Fuß zu fassen. Content war bei Wallstreetjournal.de zwar relativ schnell in großer Menge vorhanden, doch mangels Verlinkungen wertet Google & Co. eine solch neue Website erstmal noch nicht sehr gut. SEO-Tool-Anbieter Sistrix hat für die Domain Wallstreetjournal.de eine aktuelle Sichtbarkeit von 0,17 errechnet. Die Sichtbarkeit zeigt, wie gut eine Website bei Google auffindbar ist. Dazu untersucht Sistrix die jeweils 100 ersten Ergebnisse von rund 250.000 populären Suchbegriffen.

Wallstreetjournal.de findet sich laut Sistrix derzeit nur bei 24 der 250.000 Begriffe auf der ersten Google-Ergebnisseite. Selbst bei der Suche nach "Wall Street Journal" empfiehlt Google noch die englisch-sprachige Website vor der deutschen. Auch hier wieder ein Vergleich: Handelsblatt.com besitzt derzeit eine Sichtbarkeit von 51,99, ftd.de eine von 24,50, wiwo.de eine von 18,82 und manager-magazin.de eine von 14,90. Dem Wall Street Journal steht also ein langer Weg bevor, bis man hier auf das Niveau der Konkurrenz kommt.

Social Media:

Enorm wichtig, um die eigenen Inhalte zu verbreiten, sind soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter geworden. Mit eigenen Accounts und mit Hilfe von Multiplikatoren können mit Likes, Shares und Tweets beachtliche Zugriffszahlen auf der eigenen Website generiert werden. Auch hier hat das deutsche Wall Street Journal noch großen Nachholbedarf. Bei den eigenen Accounts fristet das Angebot noch ein absolutes Nischendasein. So verfügt @WSJDeutschland bei Twitter derzeit nur über rund 1.300 Follower, bei Facebook hat das entsprechende offizielle Account bisher sogar nur 741 Freunde gefunden.

Noch entscheidender: Das Wall Street Journal hat bisher keine Inhalte veröffentlicht, die sich schnell und oft bei Facebook und Twitter verbreitet haben. Analysetool Topsy zählt für wallstreetjournal.de derzeit ca. 100 tägliche Tweets, in denen ein Link zur WSJ-Website enthalten ist – ein Wert, den auch zahlreiche mittelgroße Blogs erreichen. Handelsblatt.com erreicht hier an den meisten Tagen mehr als 1.000 Tweets, FTD.de und wiwo.de meist 800 und manager-magazin.de 200 bis 250.

Interessanterweise sind die Inhalte, die bei Facebook und Twitter weiter verbreitet werden, vornehmlich englisch und stammen von Partner-Angeboten und der internationalen WSJ-Mutter. Der bei Facebook und Twitter erfolgreichste deutsche Artikel, ein Interview mit Wirtschaftsminister Rösler, kam gerade mal auf 10 Verlinkungen in Tweets und 2 Facebook-Shares. Auch kommentiert wird auf Wallstreetjournal.de noch fast gar nicht. Um auf Platz 1 der aktuell meistkommentierten Artikel zu kommen, reichten am Dienstagmorgen beispielsweise ganze zwei Kommentare.

Fazit:

Das deutsche Wall Street Journal ist noch lange nicht in den Köpfen der potenziellen Leser angekommen. Der Traffic ist sehr ausbaufähig, es gibt aber auch noch keine Tendenz nach oben. Die Daten von Facebook, Twitter und den Kommentaren auf der eigenen Website zeigen, dass die Inhalte noch niemanden vom Hocker reißen, es bisher keine Artikel gab, die sich massenhaft herum gesprochen haben. So lang das so bleibt, man nur wenige Stammleser überzeugen kann und so lang auch die Sichtbarkeit bei Google so gering ist, wird das Wall Street Journal eine kleine Nummer im deutschen Web bleiben – trotz der weltbekannten Marke.

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